Die Nato

In seinem Gespräch mit der Bild- Zeitung und der Times bezeichnet Trump die Nato wiederholt als "obsolete" – was man auf Deutsch in etwa mit "überholt", "altmodisch" und "unbrauchbar" übersetzen könnte. Das klingt eigentlich ziemlich deutlich, dennoch gibt sich der deutsche Außenminister Steinmeier "verwirrt" und verweist auf den Widerspruch zu Äußerungen des designierten amerikanischen Verteidigungsministers James N. Mattis, der an der Nato festhalte. Der Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg bleibt derweil zuversichtlich, "dass die USA ihr starkes Engagement gegenüber der Nato und die Sicherheitsgarantien in Europa beibehalten".

Mag sein, dass Sahra Wagenknecht, die Linken-Fraktionsvorsitzende, den amerikanischen Präsidenten besser versteht als die eingeschworenen Atlantiker: Sie fordert eine "eigenständige europäische Verteidigungspolitik". Die Nato müsse aufgelöst und durch ein kollektives Sicherheitssystem unter Einbindung Russlands ersetzt werden. Wagenknecht liegt damit auf der Linie des Kreml-Sprechers Dmitri Peskow, der Trumps Äußerungen begeistert aufnahm: "Die Nato ist tatsächlich ein Relikt – dem stimmen wir zu", sagte er am vergangenen Montag. Dass die linke Wagenknecht den rechten Trump wegen seiner Annäherung an Putin lobt, gehört zu den verrückten Querfront-Konstellationen dieser Tage.

Aber wie verrückt ist es denn wirklich, was Trump über die Nato und die Verteidigungspolitik sagt? Er kritisiert in dem Bild- Interview (nicht zum ersten Mal) die niedrigen Militärausgaben der europäischen Mitglieder in der Allianz. In etwas netteren Worten hatte das auch schon Obama getan. Zu Recht: Die unter Europäern verbreitete Kombination aus Nutznießertum und moralischer Überheblichkeit gegenüber dem amerikanischen Militär ist seit Langem anstößig. Kein amerikanischer Präsident könnte seinen Wählern plausibel machen, warum das so weitergehen sollte.

Es wäre zu einfach, sich auf die sachlichen Fehler in Trumps Ausführungen zu konzentrieren: So spricht er in dem Interview von 22 Mitgliedern, dabei sind es 28. Er wird indes seine Meinung nicht ändern, wenn er solche Details eines Tages auf die Reihe bekommt. Denn der Kern seiner Sicherheitsdoktrin ist sehr viel klarer, als es Steinmeier und der Nato-Generalsekretär gern zugeben möchten. Sie passt auf einen Bierdeckel: Putin integrieren, den IS bekämpfen und die Alliierten der Amerikaner künftig wie die Kunden eines Wachdienstes behandeln. Schutz gibt es nur noch gegen Cash, auch in der Nato. Die wiederholte Behauptung schockierter Bündnispartner, Trumps Weltsicht sei noch im Werden und man könne sich daher nicht darauf einstellen, ist nur Selbsttäuschung.

Es mag sein, dass die Weltsicht des neuen Präsidenten den Deutschen, den Europäern sowie Amerikas Partnern im Nahen Osten und in Asien nicht gefällt – aber sie ist weder vage noch unstimmig. Es ist einfach nicht wahr, dass Trump keine kohärente geopolitische Vision hätte. Sein Denken entspricht vielmehr einer der ältesten Traditionen amerikanischer Außenpolitik. Sie wird nach dem siebten Präsidenten Andrew Jackson (1829 bis 1837), übrigens einer der Gründer der Demokratischen Partei, als Jacksonianismus bezeichnet.

Jacksonians sehen die Vereinigten Staaten als zurückhaltenden, prinzipiell gutmütigen Rüpel, der eigentlich nur in Ruhe seinen Geschäften nachgehen will, aber leider immer wieder von Neidern und Störern angegriffen wird (dass Trump mit dieser Sicht sympathisiert, wird niemanden überraschen). Jacksonians verstehen die USA außerdem als eine Nation, die am besten fährt, wenn sie ihre Interessen allein verfolgt. Die Vereinigten Staaten sollen sich in die Angelegenheiten anderer Länder weder aus kommerziellen Interessen noch zum Zweck der Demokratieverbreitung einmischen. Werden die USA allerdings angegriffen, müssen sie nach der Ansicht der Jacksonians mit massiver, überwältigender Vergeltung reagieren, ohne Rücksicht auf Nebenwirkungen. Von Pearl Harbour über den 11. September bis zur Bedrohung durch den IS argumentierten die Anhänger dieser Lehre immer schon so. Auch Donald Trumps Ankündigung, den IS durch Flächenbombardements zu pulverisieren ("bomb the shit out of Isis"), entspricht dieser Tradition.

Aber besteht da nicht ein Widerspruch zu Trumps Äußerungen über den Irak-Krieg? Er nennt diesen Krieg die möglicherweise schlechteste Entscheidung in der Geschichte der USA. "Wir haben da etwas entfesselt – das war, wie Steine in ein Bienennest zu schmeißen", sagte er. "Und nun ist es einer der größten Schlamassel aller Zeiten."

Für Jacksonians wie Trump ist das indessen kein Widerspruch: Mit allen Mitteln zurückzuschlagen steht eben nicht im Gegensatz zur Ablehnung anderer Interventionen – seien sie "humanitär", zum Zweck eines Regimewechsels oder zur Durchsetzung internationaler Normen unternommen.

Man kann diese Weltsicht kritisieren. Gleichwohl, der gescheiterte Interventionismus ist mitverantwortlich dafür, dass einer wie Trump heute bei den Leuten ankommt. Wir halten uns künftig raus und schlagen nur noch zu, wenn es uns direkt nützt – so lautet Trumps Antwort auf die Krise jener Überdehnung amerikanischer Einmischungspolitik, die auch das Image der Nato beschädigt hat. Diese Antwort ist zumindest nicht verrückt. Verrückt ist aus europäischer Sicht allerdings die Vorstellung eines gemeinsamen Antiterrorkampfes inklusive "kollektiver Friedensordnung" mit Putin. Wie der Frieden aussieht, den russische Streitkräfte unter seinem Kommando im Namen des Kampfes gegen den Terror herbeibomben, lässt sich an zwei untergegangenen Städten ablesen: Grosny und Aleppo.

Alles in allem genommen hilft es nichts, sich über Trumps Entschiedenheit etwas vorzumachen: Die Verteidigung Europas wird teurer, und die Europäer werden sie selbst organisieren müssen; Amerikas Einstehen für seine Partner ist an die Bedingung geknüpft, dass es den USA nutzt (und nicht bloß Estland); Artikel 5 des Nato-Vertrags, der die wechselseitige Beistandspflicht festlegt, gilt nur noch bedingt. In anderen Worten: Es steht noch Nato drauf, aber keiner weiß, ob noch Nato drin ist. Und auch das ist Trumps "art of the deal": Lasse dir nicht in die Karten gucken.