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Nach 597 Tagen Wahlkampf, 18 Gegnern und 14 TV-Duellen wird Donald Trump am Freitag, dem 20. Januar, auf den Stufen des Kapitols als 45. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Bei vielen Amerikanern geht nun die Angst um, dass er die Demokratie mit demokratischen Mitteln abschaffen wird. Schließlich hat er als Kandidat Wahlen für manipuliert erklärt und über gekaufte Politiker, unfaire Richter und lügende Journalisten geschimpft. Die Liste derer, die er verachtet, ist lang. Als Präsident hat er nun großen Einfluss auf die amerikanische Demokratie. Wie wird er sie prägen?

Wer das verstehen will, sollte nicht auf Trump, sondern auf Amerika blicken. Trumps Erfolgsrezept bestand darin, die Stimmung der Bevölkerung zu erspüren und sie für sich auszunutzen: Laut dem Umfrageinstitut Gallup misstrauen 91 Prozent der Amerikaner der Regierung, 80 Prozent den Medien, 73 Prozent den Gerichten. Trump ist nicht die Ursache des Vertrauensverlusts der amerikanischen Demokratie, er ist dessen Resultat. Das hat ihm den Sieg beschert.

Ist dieses Misstrauen begründet? In welchem Zustand befindet sich die amerikanische Demokratie? Wie leicht wäre es für Trump, ihre Institutionen weiter auszuhöhlen? Betrachten wir das Land einmal genauer. Gucken wir zunächst in den Süden, nach North Carolina.

Was North Carolina für die Erkundung der Demokratie in Amerika so wichtig macht, ist die strukturelle Ähnlichkeit zwischen dem Bundesstaat und dem gesamten Land. North Carolina hat zum einen eine progressive Stadtbevölkerung samt erfolgreichen Universitäten, zum anderen eine konservative Landbevölkerung mit einer angeschlagenen Textil- und Möbelindustrie. Der politische Kampf um die amerikanische Seele tobte hier immer besonders heftig. North Carolina ist so etwas wie das Fenster in die Zukunft Amerikas. Und die sieht nicht gut aus.

North Carolina: Ein Gouverneur kämpft darum, sein Amt anzutreten

Am Tag, an dem Donald Trump die Präsidentschaft gewann, wurde der Demokrat Roy Cooper zum neuen Gouverneur von North Carolina gewählt. Sein republikanischer Gegner akzeptierte das Ergebnis jedoch wochenlang nicht. Erst an Silvester, eine Minute nach Mitternacht, konnte Cooper im Kongress in Raleigh seine rechte Hand heben und das Amt antreten. Eine gerichtlich erzwungene Nachzählung hatte seinen Sieg bestätigt.

Die Republikaner erwiesen sich als ziemlich schlechte Verlierer. Sie erließen kurz vor der Vereidigung eilig einige Gesetze, die die Macht des neuen Gouverneurs einschränken sollten. Er konnte nun statt 1500 nur noch 425 politische Posten neu besetzen, seine Kabinettsmitglieder mussten zudem vom Senat bestätigt werden – und dort haben die Republikaner die Mehrheit.

So etwas hat der Politikprofessor Andrew Reynolds bislang nur in autoritären Staaten erlebt. "North Carolina kann nicht mehr als Demokratie eingestuft werden", betitelte er einen seiner Artikel in einer Lokalzeitung.

Reynolds ist das, was man einen Demokratie-Experten nennt. Er lehrt an der Universität von North Carolina in Chapel Hill, über 25 Länder hat er bei der Ausarbeitung ihrer Verfassung beraten. Außerdem hat er einen Index entwickelt, mit dem man die Qualität von Wahlen messen kann. North Carolina ist demnach eine zutiefst beschädigte, nur noch teilweise freiheitliche Demokratie.

Reynolds sitzt in einem kleinen Café in der Nähe der Uni, er will erklären, wie es dazu kommen konnte. Dazu muss er etwas technisch werden, denn Demokratie hat viel mit Mengenlehre zu tun. "Das Problem in North Carolina sind die Wahlkreise", sagt Reynolds. "Um genauer zu sein: die ständige Veränderung der Wahlkreise." In der Vergangenheit zog, wer immer gerade in dem Bundesstaat an der Macht war, die Grenzen neu, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Ziel war es, in so vielen Wahlkreisen wie möglich die Mehrheit zu erlangen. Um das zu erreichen, wurden die Zuschnitte der Wahlkreise zunehmend absurder. Aus Kreisen wurden Regenwürmer, die sich teilweise mehrere Hundert Kilometer durch den Staat schlängelten, nur damit am Ende die Mengenlehre stimmte. (In den meisten westlichen Demokratien werden Wahlbezirke von unabhängigen Kommissionen gezogen, um diese Art von Missbrauch zu verhindern.)

Reynolds sagt, mit der Machteinschränkung des Siegers hätten die Republikaner der Demokratie in North Carolina nun einen weiteren Schlag versetzt. "Sie haben auf die Wahl nicht mehr wie eine demokratische Partei reagiert, sondern wie ein autoritärer Staat."