Der Rückzug überraschte selbst enge politische Freunde. Am Tag zuvor hatte Erwin Pröll, fast ein Vierteljahrhundert lang der unumstrittene Herrscher in Niederösterreich, gemeinsam mit seinem Spezi, dem Wiener Bürgermeister Michael Häupl, und dem oberösterreichischen Amtskollegen Josef Pühringer in Graz einen hohen steirischen Orden aus den Händen des lokalen Landesfürsten Hermann Schützenhöfer entgegengenommen. Im Anschluss an die freundschaftlich Zeremonie posierte das Quartett gut gelaunt im zünftigen Lodenjanker in der Wintersonne. Keine 24 Stunden später kündigte Pröll an, in wenigen Wochen sein Amt aufzugeben. Er habe, erzählte Häupl später, nicht das geringste Anzeichen des bevorstehenden Abgangs erkennen können. Pröll hatte auch ihn überrumpelt.

Obwohl zumindest seit dem Frühjahr vergangenen Jahres, als Pröll seine Regierungsmannschaft umstrukturierte, über seinen Abschied spekuliert wurde, schien es zunächst doch so, als würde die Ära des machtbewussten Patriarchen niemals zu Ende gehen. Seit dem pompösen, vorweihnachtlichen Hochamt zu seinem 70. Geburtstag habe er aber intensiv darüber nachgedacht, wann der geeignete Zeitpunkt gekommen sei, seine Ämter niederzulegen, verlautet nun die St. Pöltner Hofhaltung. Wobei "nachdenken" eine noble Umschreibung dafür ist, dass Pröll absolut sicherstellen wollte, der nunmehrige Innenminister Wolfgang Sobotka werde keinesfalls doch noch durch die Hintertür seine Nachfolge antreten. Um das auszuschließen, hatte Pröll noch mitten in der ersten Runde des Bundespräsidentschaftswahlkampfes den brachialen Ämtertausch zwischen dem gefallenen Protegé und der nunmehrigen Finanzlandesrätin Johanna Mikl-Leitner orchestriert. Dennoch schien die Gefahr vorerst nicht gebannt. Notfalls wäre Pröll auch bereit gewesen, weiterzumachen. Noch am Montag räumte aber Sobotka ein, die präsumtive Nachfolgerin unterstützen zu wollen.

Überschattet bleibt der Abgang, der eigentlich als imposante Wachablöse hätte inszeniert werden sollen, von dem Konflikt um Prölls gemeinnützige Privatstiftung, die in den vergangenen zehn Jahren mit Landesgeldern hochgepäppelt worden war. Die Affäre erzählt viel über den Stil, mit dem der Weinbauernsohn in seinem Land schaltete und waltete. Projekte, die er in Gang setzte, waren stets so dimensioniert, dass sie über die Landesgrenzen hinausstrahlten. Gönnerhaft verteilte er großzügige Unterstützungen, mit Vorliebe an sonst aufsässige Künstler, die ihn zum Dank wie einen Renaissancefürsten umschwirrten. Herrisch wies er aber alle in ihre Schranken, die sich seiner Allmacht widersetzten. Rote Widerstandsnester auf kommunaler Ebene spürten seinen Unmut in der Gemeindekasse. Dreimal war der Gralshüter föderaler Privilegien an seinem uneingestandenen Lebenswunsch, zum krönenden Abschluss seine Karriere als Staatsoberhaupt zu beenden, gescheitert. Nun bleibt es ihm auch verwehrt, wie in einer Apotheose des buon governo in den Ruhestand zu entschweben.

Der Rückzug des zuweilen autokratisch zu Werke gehenden Politikers hinterlässt über die Grenzen des Landes hinaus ein Machtvakuum – vor allem in seiner Volkspartei, deren Obmänner er häufig als seine Marionetten zu betrachten beliebte. Besonders sein wichtigster Schützling, der ambitionierte Außenminister Sebastian Kurz, wird im bevorstehenden Machtkampf um die Führungsrolle in der Partei die fehlende Rückendeckung durch den Niederösterreicher vermissen.

Eine gute Nachricht ist der Rückzug des Parteidominators hingegen für ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner. Der Vertreter eines umgänglicheren Koalitionskurses muss sich künftig weit weniger vor der Scharfmacherei aus dem Haus Pröll hüten als in der Vergangenheit. Wenn nun demnächst auch Michael Häupl ein Machtwort spricht, könnte sich das innenpolitische Kräfteverhältnis ein gutes Stück weit verändert haben.