DIE ZEIT: Sind Sie sich beim Landwirtschaftsstudium in Hohenheim oft über den Weg gelaufen?

Stephanie Franck: Ist ja schon ’ne Weile her ...

Harald Ebner: Wir hatten Vorlesungen und Exkursionen zusammen. Und dann verband uns die Bekanntschaft mit einem beeindruckenden Landwirt im Hohenlohischen. Der war mit seiner Bauernschule ein Vordenker des Bioanbaus.

Franck: Dem bin ich oft im Garten meiner Großmutter begegnet, die beiden waren miteinander befreundet. Wenn ich meine Oma sehen wollte, musste ich mit ihr studieren, warum Schnecken diesen Salatkopf anfallen, jenen nicht. So lernte ich den Ökolandbau kennen – und im Züchtungsbetrieb meiner Eltern den konventionellen.

ZEIT: Heute stehen Sie beide in verschiedenen Rollen vor derselben Herausforderung: Im Jahr 2100 sollen zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben, das Klima ändert sich, die Ressourcen werden knapp. Brauchen wir in Zukunft andere Pflanzen?

Franck: Natürlich. Landwirtschaft ist der größte, tiefste und stärkste Eingriff des Menschen in die Natur. Wir müssen uns bemühen, seine negativen Auswirkungen zu beschränken, während wir zugleich viel mehr Menschen gut ernähren. Dafür ist am wichtigsten, den Boden zu erhalten. Aber dann kommt gleich die Pflanzengenetik.

ZEIT: Warum?

Franck: Je besser wir Weizen, Kartoffeln oder Gerste Standortanpassung beibringen und zugleich Winterhärte und Resistenzen gegen Pilzerreger und Schädlinge, desto höher sind die Erträge. Und je höher die Erträge sind, desto weniger Ackerland müssen wir einsetzen. Denn eins steht fest: Unsere Anbauflächen können wir nicht weiter ausdehnen.

Ebner: Natürlich ist Züchtung sehr wichtig. Aber die Konzentration auf diese technische Antwort ist zu einfach, und gerade die Gentechnikindustrie inszeniert sie gern als Heilsgeschichte. Dabei hat sie nicht mal ihr Versprechen gehalten, den Pestizideinsatz zu verringern. Und bei der Welternährung wäre viel wichtiger zu fragen: Wer bekommt den Zugang zu Land? Wie werden Nahrungsmittel verteilt? Warum geht rund die Hälfte der Ernte verloren? Wie konsumieren wir?

ZEIT: Nehmen die Züchter den Mund häufig ein bisschen zu voll, Frau Franck?

Franck: So weit gebe ich Harald recht: Eine technische Lösung wie innovatives Saatgut ist immer einfacher zu erreichen, als eine Landreform durchzusetzen. Aber auch wir Züchter sehen unsere Arbeit innerhalb des Gesamtsystems. Kein Fachmann würde ernsthaft für die Gentechnik als Patentlösung werben. In jedem Saatkorn wirken ungefähr 30.000 Gene zusammen. Ein gentechnischer Eingriff zielt vielleicht auf eines oder zwei davon.

ZEIT: Sie vertreten ja kleine Züchter ebenso wie Konzerne wie Bayer oder Syngenta. Machen die mit ihren Gentechnikpflanzen intern trotzdem Druck?

Franck: Nein. Die europäische Öffentlichkeit hat sich mit deutlicher Mehrheit gegen Gentechnik entschieden, das ist Demokratie. Einzelne Firmen, die ihre Konzernzentralen in den USA haben, mögen sich schwertun, das zu verstehen. Deswegen können wir froh sein, dass jetzt Bayer Monsanto kauft – und nicht umgekehrt.

Ebner: Damit greifst du aber zu kurz. Der große Kulturkampf um die Gentechnik liegt vielleicht auf Eis. Doch Äußerungen der Bayer-Vorstände lese ich eher so: Ihr Europäer werdet das schon noch kapieren. Ich vermute, auch Bayer will jetzt die neue Gentechnik so durchdrücken, dass sie nicht dem Gentechnikrecht unterworfen wird. Und danach will man uns alles Mögliche als "gentechnikfrei" vorsetzen.

ZEIT: Neue Methoden, um gezielt ins Erbgut einzugreifen, sind ein Megatrend. Sie tragen Namen wie Crispr oder ODM. Nicht nur die Konzerne, auch Wissenschaftler wollen Erbgut damit schneller verändern. Was haben Sie dagegen, Herr Ebner?

Ebner: Für mich ist die Antwort auf unsere Zukunftsprobleme eine vielfältige, nachhaltige, ökologische Landwirtschaft. Dafür brauche ich Crispr nicht. Bei der Widerstandsfähigkeit gegen Kälte oder Dürre wirken viele Gene zusammen, das ist zu komplex für Crispr. Da ist moderne konventionelle Züchtung überlegen. Außerdem: In den USA ist kürzlich die erste Crispr-Pflanze zugelassen worden. Das war ein Champignon, der nicht so schnell braun wird. So etwas wird die Probleme der Welternährung nicht lösen.

Franck: Immerhin wirft man ihn dann nicht gleich weg. Und ganz ehrlich: Deine Einschätzung des Genome Editing halte ich für eine krasse Unterschätzung. Wir erleben gerade einen enormen Erkenntnisschub, und wir gewinnen eine irrsinnige Fülle an Informationen, die noch vor fünf Jahren unvorstellbar war. Das bringt ungeheure Chancen und sollte auch an den Hochschulen stärker erforscht werden.

ZEIT: Der Streit dreht sich ja vor allem darum, ob Genome-Editing nach dem Gentechnikrecht mit strengen Risikoprüfungen, Kennzeichnungs- und Haftungspflichten zugelassen werden muss. Wie sehen Sie beide das: Ist das nun Gentechnik – oder nicht?