Herbert Mies * 23. 2. 1929 † 14. 1. 2017

Warum sollte man sich an den Vorsitzenden einer Partei erinnern, die in Bundestagswahlen nie über 0,3 Prozent hinauskam? Weil diese Zahl darüber hinwegtäuscht, dass die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) in der Zeit zwischen 1968 und dem Zusammenbruch des Sozialismus zumindest eine symbolische Bedeutung hatte.

Ihre Mitglieder lebten in zwei Welten: in der Bundesrepublik, wo sie unermüdlich Überzeugungsarbeit leisteten, und in der Parallelwelt der kommunistischen Weltbewegung Moskauer Prägung. In diesem Kosmos war Herbert Mies zu Hause. Als DKP-Vorsitzender (1973 bis 1990) war er in der Bonner Republik nur eine Randfigur. Doch besuchten Erich Honecker oder Leonid Breschnew das Land und baten ihn zum Vier-Augen-Gespräch, spielte er den bedeutenden Politiker.

Mies, mit einer donnernden Stimme gesegnet, konnte auf Kundgebungen Gleichgesinnter den Eindruck von Macht vermitteln, aber wenn er – wie etwa 1985 in einer Folge der legendären WDR-Sendung Hallo Ü-Wagen – öffentlich diskutieren musste, tat sich eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit auf, die ihn so bizarr wirken ließ, dass sich zuhörende Parteifunktionäre vor Scham zusammenkrümmten.

In seinem unvermeidlichen Politikerkostüm aus Anzug, Schlips und Pullunder steckte ein meist umgänglicher Mann, dessen innere Zerrissenheit man nur erahnen konnte: Mies war zwar SED-treu, hatte aber dennoch ein Gefühl für bundesdeutsche Realitäten und Stimmungslagen. Das Unrecht des DDR-Systems verbuchte er freilich kalt unter die unvermeidlichen Kosten des Fortschritts, wie er ihn sich vorstellte.

1945 gehörte der damals 16-jährige Arbeitersohn zu den Jungkommunisten der ersten Stunde. An der Parteihochschule der SED studierte er den Marxismus-Leninismus, wurde Funktionär der KPD und ihrer Jugendorganisation, der Freien Deutschen Jugend (FDJ). Er blieb beides auch nach dem Verbot der Partei und ihrer Verbände. Im Jahr 1969 wurde die Legalisierung der Kommunistischen Partei betrieben, und zwar in Form einer "Neukonstituierung" als DKP, wie es hieß – was die alten KPD-Kader zu sabotieren versuchten. Doch die SED wollte es so und nahm auf widerstrebende Funktionäre unter den Kampfgefährten im Westen keine Rücksicht. Die DKP wurde gegründet und Mies zunächst ihr stellvertretender Vorsitzender.

Seither war es für ihn typisch, dass er stets so viel Pragmatismus und Offenheit praktizierte, wie es die SED-Führung gerade eben noch erlaubte. So begrüßte er den Zustrom von Leuten in die Partei, die in den 68er-Bewegungen politisch geworden waren, obwohl sich deren Linientreue nicht immer von selbst verstand. Strikt allerdings grenzte er die Parteilinie von allem ab, was Zweifel an der Gesetzestreue der DKP hätte wecken können, von der RAF, den Spontis oder Maoisten. Mies verstand die Legalität der Partei als sein eigentliches Werk.

Anders als viele in seiner Umgebung haderte Mies mit dem Begriff der Nation. In seinen Erinnerungen schrieb er: "Erst 1975 erklärte ich als Vorsitzender der DKP, dass wir das Land, in dem wir wohnen, leben und kämpfen, auch unser Vaterland nennen." Damals ergänzte er das rote Partei-Emblem durch eine angedeutete Deutschlandfahne. Später notierte Mies, dass er die SED-Linie von der Existenz zweier Nationen auf deutschem Boden im Nachhinein für einen Fehler hielt.

Zu seiner Zeit übte die DKP in Gewerkschaften, Universitäten, unter Schriftstellern und namentlich in der Friedensbewegung der frühen achtziger Jahre einigen Einfluss aus. An ihr rieben sich jene Linken, die mit dem autoritären Sozialismus im Osten nichts zu tun haben wollten. Dessen Ende war für Mies der Sieg der Konterrevolution.

Als sich die historische Wende in den ersten Gorbatschow-Jahren andeutete, bekämpfte Mies die innerparteiliche Opposition, die auf die Idee verfallen war, die DKP zu demokratisieren. Die "Erneuerer"-Fraktion verließ schließlich die Partei.

Mies musste noch erleben, dass die Finanzierung durch die DDR versiegte, die DKP in sich zusammensackte und von einer stalinistischen Gruppe übernommen wurde. Das konnte ihm nicht gefallen, aber er blieb. Gegen seine Partei mochte er sich nicht stellen. Treue ging ihm über alles. Weshalb er übrigens hin und wieder den Kontakt mit einstigen Genossen suchte, mochten sie auch mit dem Kommunismus gebrochen haben.

Herbert Mies starb am 14. Januar in seinem Geburtsort Mannheim; am 23. Februar wäre er 88 Jahre alt geworden.