Die Ersten, denen die Gottesdienstbesucher begegnen, sind eine Frau und ein Mann vom Sicherheitsdienst. Sie stehen an der großen Flügeltür und grüßen freundlich, ein Schild weist auf die Videoüberwachung am Eingang hin. Es ist Sonntag, zehn Uhr, gleich beginnt im Berliner Dom das Bläservorspiel.

Drinnen verteilen Konfirmanden Liedblätter. Die Dompredigerin Petra Zimmermann spricht: "Wieso machst du dem Grauen in der Welt kein Ende, Gott? Ich sehe Kinder, die vor dem Krieg geflohen sind, ich sehe Opfer von Terror – und ich weiß nicht, wer du bist." Es sind typische Sätze für einen evangelischen Gottesdienst. Doch an diesem Morgen, knapp einen Monat nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt, will man in jedem dieser Sätze eine Antwort auf den Terror hören. Am Donnerstag dieser Woche gedenkt der Bundestag der Ermordeten. Aber wie verhält sich die Kirche zum Terror? Wie sollen Christen jetzt reagieren? Die Pfarrerin liest den Gnadenzuspruch: "Segnet, die euch verfolgen."

Politiker sagen: Der Terror trifft alle Menschen, nicht nur Christen. Und doch zielte Anis Amri mit seiner Tat auch auf die christliche Tradition: kurz vor Heiligabend, auf einem Weihnachtsmarkt, wenige Meter von der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche entfernt. In seinem Bekennervideo spricht Anis Amri von den "Kreuzzügen" vor tausend Jahren, die nach Meinung militanter Islamisten heute die Verfolgung von Christen legitimieren. Im vergangenen Sommer ermordeten im französischen Rouen zwei Terroristen den 84-jährigen Priester Jacques Hamel.

Was tut Berlin, um die Kirchen zu schützen? Das fragte als Erster ein AfD-Politiker im Berliner Abgeordnetenhaus, vier Tage nach dem Anschlag am Breitscheidplatz. Solche Fragen bewegen aber auch Menschen, die nicht mit der AfD sympathisieren. Was tun die Kirchen? Reicht es, von der Kanzel herab Frieden zu predigen, während draußen Polizisten stehen?

Der Berliner Dom war einst preußische Staatskathedrale. Auch heute sitzen Vertreter der Bundesregierung und des Berliner Senats in der Leitung. Wenn die Legislaturperiode beginnt oder Staatstrauer verhängt ist, findet der Gottesdienst dazu meist im Dom statt. Seit vielen Jahren wird er von Wachleuten geschützt. Wir haben die Sicherheitsstufe dauerhaft erhöht, sagt Lars-Gunnar Ziel, Geschäftsführer des Doms. Sie leisten sich dort einen Pförtner und sechs Personen, die bei Konzerten in Rucksäcke gucken. Bei Staatsakten wie am 24. Januar, der Trauerfeier für den ehemaligen Bundespräsidenten Roman Herzog, gilt die höchste Sicherheitsstufe. Dann suchen Beamte die Kirche nach Sprengsätzen ab. An Heiligabend ließ Ziel die Zufahrtsstraße sperren, vor und in der Kirche standen Polizisten. Trotzdem war der Dom deutlich leerer.

"Ich ahne nun zum ersten Mal, wie es meinen jüdischen Kollegen geht", sagt die Dompredigerin Zimmermann. Wegen rechtsradikaler und islamistischer Antisemiten stehen vor deutschen Synagogen Tag und Nacht Polizeiautos. Die Berliner Polizei bestätigt: Ja, Kirchen seien "ein Thema", aber nicht eigens bedroht. Wie etwa Shoppingmalls müssten sie für ihre Sicherheit selber sorgen, solange der Polizei keine Hinweise auf geplante Anschläge vorlägen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 4 vom 19.1.2017.

Können die Kirchen das? Wegen der Nazizeit hat gerade die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ein schwieriges Verhältnis zu Waffen und auch zur Wehrhaftigkeit. Nach dem "Dritten Reich" wurden viele Protestanten Radikalpazifisten, auch die Polizei gehörte bald zum Feindbild, und seit den achtziger Jahren forderten Theologen die Abschaffung der Bundeswehr. Heute hat die EKD zwar einen Militärbischof – der aber eigentlich ein zweiter Friedensbeauftragter sein soll. Sobald es um militärische Schutzverantwortung geht, erheben Radikalpazifisten ihre Stimme. Der Militärbischof Sigurd Rink selbst sagt: "In der evangelischen Kirche findet ein rasanter Lernprozess statt. Von den Bischöfen bis zu den Vikaren ist ein neues Interesse an der Arbeit der Militärseelsorge und auch der Bundeswehr gewachsen." Das Leitbild der beiden großen Kirchen vom gerechten Frieden bleibe prägend. "Doch sie sehen ein, dass im Extremfall Waffengewalt nötig sein kann, um den Frieden zu sichern."

Petra Zimmermann sagt: Soldaten verdienen Achtung! Doch dass der kirchliche Mainstream heute pazifistisch sei, hält sie für eine Errungenschaft. "Für den Frieden zu sein ist immer noch neu. Daran müssen wir festhalten."

In der Dresdner Frauenkirche gibt man sich noch gelassener. Knapp zwei Millionen Besucher hat dieser Leuchtturm des Protestantismus im Jahr, mehr Menschen zieht nur der katholische Kölner Dom an. Pfarrer Sebastian Feydt von der Frauenkirche mahnt: "Wir wissen zwar, dass wir als Ort der Versöhnung im Fokus der Gefährder stehen, aber hoffentlich noch viel stärker im Fokus der Sicherheitsbehörden." Mit dem BKA und dem LKA sei man ständig in Verbindung – schon wegen der vielen Großveranstaltungen. Zur weihnachtlichen Vesper um 23 Uhr feierten 20.000 Menschen auf dem Kirchenvorplatz. Es gab keinerlei Bedrohungen, auch nicht aus der rechten Szene.