Und der Sieger heißt: Iran – Seite 1

Das Wort "Waffenruhe" ist in Syrien ein dehnbarer Begriff. Die jüngste trat am 30. Dezember in Kraft, kurz nach dem Fall des oppositionellen Ost-Aleppos. Trotzdem wird weiter geschossen. Es ist der dritte Anlauf für einen dauerhaften Waffenstillstand in nunmehr sechs Jahren Krieg und der erste, der die neuen Kräfteverhältnisse im Nahen Osten widerspiegelt: Der Westen ist nicht mehr dabei. Weder die USA noch die EU, nicht einmal die UN sind an dieser Initiative beteiligt. Russland, die sunnitische Türkei und der schiitische Iran präsentieren sich nun als ausdrücklich antiwestliche Ordnungsmächte in der Region. Moskau hat sich in Syrien mit seiner Luftwaffe und dank der konfusen US-Politik zurück zum Status einer Großmacht gebombt; Ankara hat unter Wladimir Putins Druck eine Kehrtwende vom erklärten Assad-Gegner zum Moskauer Juniorpartner vollzogen und die Bekämpfung der syrischen Kurden zum obersten Ziel erhoben. Bleibt der dritte Partner dieser höchst widersprüchlichen Allianz: Teheran.

Dass die Waffenruhe nach wenigen Tagen von Pro-Assad-Fraktionen, darunter auch ausländischen schiitischen Milizen, gebrochen wurde, war ganz offensichtlich nicht im russischen Interesse. Denn Putin möchte der Welt und dem neuen US-Präsidenten Donald Trump seine Befriedung Syriens präsentieren, in deren Rahmen irgendwann auch der Assad-Clan entbehrlich werden könnte. Teheran aber hat andere Pläne. Die russischen Kampfbomber mögen den Himmel über Syrien beherrschen. Was am Boden geschieht, entscheiden nicht Wladimir Putin oder Baschar al-Assad, sondern die Generale der iranischen Revolutionsgarden. Syrien ist längst ihr Krieg geworden. Er ist in ihren Augen keineswegs zu Ende. Und er ist auch nicht der einzige in der Region, den sie führen.

Der Iran braucht Assad, um die Transportwege seines Nachschubs für die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah und damit seine Drohkulisse gegen Israel aufrechtzuerhalten: So lautete bislang die gängige Erklärung für den massiven und teuren Militäreinsatz aufseiten des syrischen Diktators. Doch für Teheran geht es in Syrien um weit mehr als um die Erhaltung der Macht eines Verbündeten.

Dieser Krieg löscht endgültig zwei historische Axiome des 20. Jahrhunderts, die für die schiitischen Revolutionsführer in Teheran immer schon unerträglich waren. Das eine lautete: Der Westen ordnet den Nahen Osten. Kolonialmächte wie Frankreich und Großbritannien haben sich einst Territorien und Ressourcen aufgeteilt, die Supermächte USA und Sowjetunion im Kalten Krieg ihre Einflusssphären gesichert. Das andere Axiom: Die religiöse und politische Vormacht in der Region gehört der arabisch-sunnitischen Mehrheit, angeführt von der saudischen Monarchie.

Mit beiden Axiomen ist es zu Beginn des 21. Jahrhunderts vorbei. Teheran meldet den Alleinanspruch an – laut und deutlich.

"Der Sieg in Aleppo", das verkündete unlängst der Vizekommandant der Revolutionsgarden, General Hossein Salami, "wird den Weg für die Befreiung Bahrains ebnen", wie auch den für die Befreiung des jemenitischen Volkes und der Einwohner in der irakischen Stadt Mossul. "Das ist Gottes Wille."

In Mossul versucht die irakische Armee mit tatkräftiger iranischer Hilfe, dem "Islamischen Staat" (IS) die Kontrolle über Iraks zweitgrößte Stadt abzunehmen. Im sunnitisch regierten Bahrain kämpft eine mehrheitlich schiitische Bevölkerung um mehr Rechte – mit bislang friedlichen Mitteln. Im Jemen eskaliert seit März 2015 ein Krieg zwischen der von Saudi-Arabien unterstützten Regierung und vom Iran unterstützten Rebellen.

© ZEIT-Grafik

Ein Blick auf die Landkarte zeigt, was der General da skizziert: eine iranisch-schiitische Expansion rund um Saudi-Arabien.

Nun muss man nicht alles wörtlich nehmen, was iranische Offiziere im Überschwang der Siegerstimmung äußern. Doch der Anspruch auf regionale Vorherrschaft ist ein jahrzehntealtes iranisches Projekt. Länder wie Bahrain und Jemen sind dessen Nebenschauplätze. Der Kern ist ein iranisch kontrollierter Landkorridor durch den Irak und Syrien bis ans Mittelmeer. Er würde Teheran eine Einflusssphäre verschaffen, die tief in arabisches Gebiet reicht. Architekten dieses geostrategischen Umbaus sind die Revolutionsgarden, allen voran ihre für Auslandsoperationen zuständigen Al-Kuds-Brigaden unter Kassem Suleimani, einem engen Vertrauten des obersten Religionsführers Ajatollah Ali Chamenei.

Hinter dieser Idee eines "schiitischen Halbmonds" steckt die Ideologie des iranischen Revolutionsexports, aber auch ältere imperiale Träume. Die glorreichen Phasen persischer Reiche von der Antike bis zur Ära der Safawiden im 16. und 17. Jahrhundert gehören an Irans Schulen ebenso zum Geschichtsunterricht wie die Serie der Demütigungen: Großbritannien und Russland zerfledderten im 19. Jahrhundert das Imperium; London griff nach dem Ersten Weltkrieg nach den persischen Ölquellen; die USA und Großbritannien zettelten 1953 einen Putsch an, als die Regierung des Premierministers Mossadegh die Ölquellen nationalisieren wollte; der Westen stützte jahrzehntelang das Regime des Schahs.

Schiitischer Märtyrerkult

Im Jahr 1979 begann nach herrschender Sicht die neue Zeitrechnung. Die iranische Revolution und die Machtübernahme des Ajatollah Chomeini läuteten einen religiös-nationalen Aufbruch ein, der bald in einer theokratischen Diktatur endete. Damals allerdings wäre das "schiitische Erwachen" beinahe gleich wieder vorbei gewesen.

Aufgeschreckt durch Chomeinis unverhohlenen Anspruch, Führer aller Muslime zu werden, unterstützten die sunnitischen Golfstaaten 1980 Saddam Husseins Angriff auf den Iran. Die waffentechnische Überlegenheit der irakischen Armee in diesem verheerenden ersten Golfkrieg glich Teheran mit religiöser Mobilisierung aus. Abertausende von Minderjährigen wurden mit einem Plastikschlüssel für die Tür zum Paradies um den Hals in die Minenfelder geschickt, um Wege für die nachrückende Armee freizuräumen. Tausende von Soldaten starben durch Saddams Giftgas-Angriffe. Die zahlreichen Opfer befeuerten den in der Geschichte der Schiiten ohnehin ausgeprägten Märtyrerkult. Der wird heute sehr erfolgreich auch in Syrien als Propagandainstrument eingesetzt.

Wer die staubige Ausfallstraße Nr. 110 vom Zentrum Damaskus’ in Richtung Südosten nimmt, kommt irgendwann in den gesichtslosen Vorort Set Seinab, über dem eine mächtige Kuppel leuchtet. Dort liegt der Schrein von Seinab bint Ali, einer Tochter des von den Schiiten verehrten Propheten Ali. Grabmal und Moschee locken mit Blattgold auf der Kuppel und türkis-blauen Keramikkacheln, gegenüber liegen ein Basar und mehrere Hotels.

Ali Schariati, einer der Hauptideologen der iranischen Revolution, liegt auf dem Friedhof von Set Seinab begraben. Viele Iraner pilgern dorthin, aber auch Schiiten aus Syrien, dem Libanon und den Nachbarstaaten. Umgekehrt zieht der Ort deshalb auch Hass auf sich. Immer wieder war die Moschee Ziel von Anschlägen sunnitischer Radikaler, allein im Januar 2016 starben bei einer Attacke sechzig Menschen.

Kassem Suleimani, der Chef von Al-Kuds, setzt auf dem Schlachtfeld vor allem schiitische Söldner ein. Um Baschar al-Assad vor dem Sturz zu bewahren, erhielt 2013 zunächst die Hisbollah den Marschbefehl in Richtung Syrien. Jene schiitische Miliz also, die Teheran in den achtziger Jahren als Statthalter im Libanon aufgebaut hat. Als diese Unterstützung nicht reichte, sandte Teheran schiitische Kämpfer aus dem Irak, aus Afghanistan und Pakistan. An Rekruten mangelt es nicht: Die Arbeitslosigkeit in diesen Ländern ist hoch, der Sold ist gut, die Propaganda sorgt für Kampf- und Opferbereitschaft. Dass trotzdem bislang über 60 iranische Generale auf dem syrischen Schlachtfeld gestorben sind, zeigt deutlich: Die Befehle in diesem Krieg geben iranische Kommandeure. Syrien ist ihr wichtigstes und gefährlichstes Teilstück des "schiitischen Halbmonds".

Fast sechs Jahre eines blutigen Krieges haben große Teile der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit in Syrien zermürbt, aber auch Hass auf das Regime und seine Verbündeten gesät. Die Vertreibung oppositioneller Bewohner aus allen strategisch wichtigen Gebieten ist noch lange nicht abgeschlossen. Also gibt es keine Waffenruhe, die den Namen wirklich verdient.

Dass außer den Sunniten auch die USA weiterhin als Feindbild der iranischen Hardliner herhalten, klingt wiederum bizarr. Ohne die – wenn auch unfreiwillige – Hilfe des "großen Satans" hätte Teheran den (Wieder-)Aufstieg zur Regionalmacht nie geschafft. Mit ihrem "Krieg gegen den Terror" haben die USA sämtliche regionalen Widersacher des Ajatollah-Regimes aus dem Weg geräumt oder nachhaltig geschwächt. Erst vertrieb die Bush-Regierung nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die radikal-sunnitischen Taliban in Afghanistan, ohne das Land danach zu stabilisieren. So ermöglichten sie dem benachbarten Iran die Ausdehnung Richtung Osten. Dann stürzte Washington 2003 Saddam Hussein ohne ein Konzept für den Wiederaufbau des Landes. So ermöglichte es Teherans Expansion nach Westen in den Irak, dem einzigen arabischen Land mit einer schiitischen Bevölkerungsmehrheit.

Als dann noch Bushs Nachfolger Barack Obama das enge Band mit Saudi-Arabien lockerte und 2015 mit dem Abkommen zur Kontrolle des iranischen Nuklearprogramms Teheran aus seiner Paria-Rolle befreite, müssen die Teheraner Revolutionshüter tatsächlich an eine göttliche Fügung geglaubt haben.

Ob das Abkommen in dieser Form unter dem neuen US-Präsidenten Donald Trump, einem erklärten Gegner von Obamas Iran-Politik, bestehen bleibt, ist unklar. Profitiert hat Teheran bereits jetzt. Nach einem Bericht des Wall Street Journal wurde im Rahmen der Sanktionserleichterungen bislang eingefrorenes iranisches Vermögen im Wert von zehn Milliarden Dollar in den Iran überwiesen. Das Regime braucht das Geld dringend für den Sozialhaushalt, für Bildung, Infrastruktur und Reformen, die seine Macht sichern sollen. Es braucht das Geld aber auch für die Finanzierung der teuren Einflusszone bis zum Mittelmeer.

Bastion gegen den Westen

Das westliche Kalkül, den Iran durch den Nuklear-Deal aus der internationalen Isolation zu holen und gleichzeitig außenpolitisch zu mäßigen, geht bis auf Weiteres nicht auf. Folglich schwindet die Hoffnung, das freundliche Gesicht des Regimes könnte sichtbarer werden.

Das repräsentiert niemand so gut wie Dschawad Sarif. Kurz rasierter Bart, randlose Brille, verschmitzte Augen – Irans Außenminister ist Dauergast auf internationalen Konferenzen. Der Jurist hat in den USA studiert, spricht Englisch mit amerikanischem Akzent, argumentiert pragmatisch und nicht ideologisch. Mit ihm handelten US-Außenminister John Kerry und maßgeblich auch sein deutscher Amtskollege Frank-Walter Steinmeier 2015 das Atomabkommen aus.

Das andere Gesicht des Irans zeigen Männer wie Kassem Suleimani und Hossein Salami, die Führer der Revolutionsgarden. Sie fühlen sich keinem Präsidenten oder Außenminister, sondern nur dem geistigen Führer und Hardliner Ajatollah Chamenei verpflichtet. Unbeirrt polieren sie das Image des Irans als Bastion gegen den Westen.

Vor allem aber arbeiten Leute wie Suleimani unbeirrbar an der iranischen Expansion. Sie exportieren nicht nur ihre Version eines schiitischen Dschihad, sondern auch ihr Modell eines "tiefen Staates". Die Revolutionsgarden, von Chomeini 1979 als paramilitärische Einheit gegründet, nehmen sich aus dem iranischen Haushalt mehr, als für Gesundheit und Bildung zusammen ausgegeben wird. Sie kontrollieren weite Teile der iranischen Wirtschaft, zahlen keine Steuern, haben eine Parallelstruktur zur regulären Armee aufgebaut und nutzen ihre Freiwilligenmiliz der Basidischi als Schlägertrupp gegen die innere Opposition.

Die libanesische Hisbollah funktioniert auch nach diesem Vorbild. Im Irak übernehmen die schiitisch dominierten und iranisch finanzierten Volksmobilisierungsmilizen eine ähnliche Funktion. Und in Syrien will Teheran die berüchtigten Assad-loyalen Schabiha-Milizen zu einer "syrischen Hisbollah" formen.

So dürfte wohl gelingen, wovon Generationen iranischer Politiker kaum zu träumen wagten: ein fast zusammenhängendes Gebiet iranischen Einflusses in der arabischen Welt, vom Golf bis zum Mittelmeer. Derzeit ist kein Land der Region in der Lage, dem Iran seine blutig erkämpfte Position streitig zu machen.

Es sieht gut aus für Teheran – und trotzdem sind die Bruchstellen seiner Strategie schon jetzt zu erkennen. Die Zerstörung Ost-Aleppos hat unter Sunniten von Casablanca bis Istanbul ebenso große Verzweiflung wie Wut ausgelöst. Dem Irak, das befürchtet unter anderem die Nahost-Expertin Emily Agnostos vom Institute for the Study of War, steht nach der Vertreibung des IS aus Mossul der nächste sunnitische Aufstand ins Haus. Denn in Bagdad ist wenig geschehen, um der sunnitischen Minderheit eine Teilhabe an der Zukunft des Landes zu garantieren. Und der Syrien-Krieg könnte für den Iran zu dem werden, was einst Vietnam für die USA und Afghanistan für die Sowjetunion bedeuteten: eine kostspielige Überdehnung der eigenen Kräfte, die in einen demütigenden Abzug mündet.

Der Fall von Ost-Aleppo habe dem Iran "zwei Nächte Freude und dreißig Jahre weiterer Probleme beschert", sagt der ehemalige iranische Diplomat Mir Mahmud Mussawi. Er ist ein Anhänger des Reformflügels. Seine Worte zeigen, dass auch innerhalb des Irans so mancher keinen "schiitischen Halbmond", sondern ein böses Ende der Expansionsträume kommen sieht. Nur haben diese Stimmen politisch gerade nichts zu melden.