Wie küsst Mann mit 80? – Seite 1

Es gibt im Alter ein Heimweh nach Erotik. Adolf Muschg kennt es in seinen Romanen und vor allem Martin Walser, der im März 90 Jahre alt wird. Trieb- und Schreiblust umfangen einander und schaukeln sich dialektisch hoch. Seltsam abgehoben wirken Alterswerke. Und dennoch suchen sie alle das Gleiche: Das Wort soll Fleisch werden. Körper, noch einmal. Da sein. Hier und jetzt. Am Anfang ist das Wort. Am Ende ist das Wort. Es sagt: Lass es nie enden.

Peter von Matt wird im Mai 80 Jahre alt. Zu seinem Geburtstag schenkt uns der Literaturprofessor ein neues Buch. Es heißt Sieben Küsse.

Küsst es sich denn mit 80 Jahren besser, inniger, bewusster? Es küsst sich wohl anders, denn es lebt und liebt sich anders, wenn man anfangen muss loszulassen.

Jean Améry, kaum 55, stellte an sich etwas Erstaunliches fest: Im Alter ist man sich seines Körpers so bewusst wie nie zuvor. Weil man ihn ständig spürt. Weil man fühlt, wie anfällig er ist, wie hinfällig, wie er schwindet. Und plötzlich diese Lust auf Lust. Auf Küsse, Bisse, Schmerz, Willkommen und Abschied, Resignation und Revolte, Jugend.

Sieben Küsse ist himmelweit von der Sex-und-Schleim-Prosa entfernt, die derzeit ihre Spur durch die Verlagslandschaft zieht. Himmelweit, das heißt: Peter von Matt erschließt neue Sphären. Er nimmt sich Werke von Virginia Woolf, F. Scott Fitzgerald, Gottfried Keller oder Marguerite Duras vor. Und sucht darin die "unabsehbare Wildnis der Glücks- und Unglückserfahrungen", wie es sie nur in der Literatur gibt, nur hier.

Born to be wild. Wer hätte das bei Professor von Matt gedacht? Doch seine Lust am Text ist hochsublimiert, sein Stil eher spröde, und wenn es zu Ausschweifungen kommt, dann allenfalls in die Geschichte. Sieben Küsse ist ein Professorenexzess. Er bezieht seine Lust aus sublimen Interpretationen, aus der Deutung literarischer Werke, die selber schon Sublimierungen sind – aber es ist und bleibt eine Lust.

Sex ist gut. Guter Sex ist besser. Raffinierter Sex ist wie gute Literatur: ein Spiel vom Verhüllen und Aufdecken, mit Freude am Verstecken und der Sehnsucht, gefunden zu werden.

Ein Roman ist ein diskreter Kontakthof, wo sich Autor und Leser zu einem Blind Date treffen können. Peter von Matt ist der Kuppler zwischen Werk und Leser. Ein vorzüglicher, weil er sich selber als Mensch von Literatur treffen lässt. Die Lust am Text ist gewiss eine der keuschesten. Aber berühren uns junge Mädchen, junge Knaben nicht gerade wegen ihrer Unberührtheit so stark?

Wie maßlos kann Leidenschaft sein

Zuletzt 2014 veröffentlichte Peter von Matt als Mitherausgeber Das Buch gegen den Tod von Elias Canetti, ebenfalls ein Eigendenker, gestorben 1994 in Zürich. In wütenden Aphorismen wehrt sich Canetti gegen den Tod: "Es ist sehr wichtig, was einer zum Schluss noch vorhat. Es gibt das Maß des Unrechts seines Todes."

Sieben Küsse nun ist auf eigene Weise ein Buch gegen den Tod, gegen das Verschwinden. Eros gegen Thanatos. Was Peter von Matt in den literarischen Kuss-Szenen am dringlichsten interessiert, das ist das Unsagbare, das Ungesagte. Er sucht die Lücken in der Handlung, die "Motivierungslücken", in die er eindringen kann. Das verschafft die Erfahrung akuter Präsenz. Hier! Jetzt! Da sein!

"Realpräsenz" würde der Philosoph George Steiner sagen. Max Frisch spricht von der Wahrheit im "plötzlichen, blendenden Augenblick". Die urplötzliche Erkenntnis, das jähe Glück, der aufschießende Schrecken, die überwältigende Erfahrung, das Dionysische, die schiere Vitalität: Darauf sind Peter von Matts Sieben Küsse begierig. Auf Leben eben.

Mag sein, dass man für das Elementare, das Liebe ist, besonders empfänglich ist, wenn man ihrem Gegenspieler, dem Tod, entgegenschaut. Andererseits hat Peter von Matt die "Unbedingtheit von Kunst" seit je erregt. Sie ist die Frage aller Fragen.

Wie maßlos kann Leidenschaft sein, dass sie die guten Sitten verletzt, dass Untreue ganze Familien in die Luft sprengt? Das schildert sein Buch über den Liebesverrat (1989).

Wie inszeniert Literatur das politisch Unbewusste? Das erläutert sein Buch Die tintenblauen Eidgenossen (2001). Wie unterwandert Literatur die herrschenden Normen? Das interessiert ihn im Sammelband Das Wilde und die Ordnung (2007).

Bisweilen spekuliert er munter drauflos. Ein neuer Wilder ist er deshalb nicht. Wer Peter von Matt näher kennenlernen will, der lese Das Kalb vor der Gotthardpost, ausgezeichnet 2012 mit dem Schweizer Buchpreis. Darin entfaltet er die zwiespältige Seelengeschichte der Deutschschweiz. Es ist letztlich seine eigene: "Diese Verquickung von Fortschrittsglauben und Konservatismus, ein janusköpfiges Vor- und Zurückschauen zugleich, ist eine Eigentümlichkeit der Schweiz im politischen wie im literarischen Leben." So ein Januskopf ist er selber, insoweit Schweizer durch und durch.

Literaturwissenschaftler mit populären Themen, die in großen Publikumsverlagen veröffentlichen, gibt es inzwischen viele. Keiner jedoch ist der Eidgenossenschaft so tief verbunden wie der Innerschweizer Peter von Matt, geboren 1937 in Luzern.

Seine beherzten Interventionen stehen in der Tradition jener politisch-literarischen Öffentlichkeit, wie sie das europäische Bürgertum im 18. Jahrhundert erkämpfte. Seine Basis allerdings ist unbedingte, wenngleich nicht bedingungslose Heimatliebe.

Er ist ein großartiger Herausgeber Schweizer Literatur. Er sucht Texte aus, die ihn ergreifen, und macht begreifbar, warum. Seine Kollektion vergessener Schweizer Literatur (bei Nagel & Kimche) ist eine Eröffnung. Und wie er 2010 die Entwürfe zu einem dritten Tagebuch von Max Frisch herausgab, das war ein Meisterstück an Sorgfalt und Engagiertheit. Dabei geht er weit über die Kernaufgaben der Philologie hinaus, Texte zu ermitteln, sie herauszugeben und zu kommentieren. Er will Literatur wirkmächtig machen. Er besitzt ein starkes Gespür für die doppelte historische Differenz von Dichtung.

Er weist Politiker von heute auf die Utopien von damals hin

Das heißt: Er misst die Texte nicht nur an der Zeit ihrer Entstehung, sondern, ungleich brisanter, er misst die politische Gegenwart an den Idyllen, Idolen und Idealen, denen Dichter und Denker in der Vergangenheit anhingen. Welche Wunschkraft steckt in der Literatur? Warum sind die Wünsche bis heute nicht eingelöst?

Der deutsch-amerikanische Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht schreibt in seinem bemerkenswerten Buch Die Macht der Philologie: In Texten werde Geist zu einem Körper, einem sinnlichen Textkörper. Wer sich also intensiv mit Literatur beschäftigt, den dränge es zur Verkörperung, der ist getrieben von einem unbedingten Präsenz-Wunsch.

Dieser Wunsch treibt vermutlich auch Peter von Matt an. Wie kein zweiter in der Schweiz gibt er der Dichtung Realpräsenz und der Literaturwissenschaft politisches Gewicht – und damit auch sich selbst.

Er redete auf dem Rütli am 1. August 2009 über die Kraft von Mythen bei der politischen Willensbildung. Er redete zum 225-jährigen Bestehen der NZZ über Die Sprache in der Demokratie. Er redete zum 100. Geburtstag von Max Frisch über Die Schrecken der Vollkommenheit.

Er weist Politiker von heute auf die Utopien von damals hin, um zukünftige Aufgaben zu benennen. Wem die Berge heilig sind, darf von Umweltsünden nicht schweigen. Bereits Jeremias Gotthelf sprach von "Nachhaltigkeit".

Er ist ein kritischer Patriot. Er kennt das "Behagen im Föderalismus" und warnt zugleich vor der Verlangsamung politischer Prozesse. Vor allem bringt er Kompliziertes auf ein eingängiges Bild. Der Föderalismus, so schreibt er, sei wie "ein Huhn, welches goldene und faule Eier durcheinanderlegt". Das sitzt.

Dass er dabei den Einfluss von Literatur auf das politische Leben überschätzt, das gehört zur Déformation professionnelle. Auch Politiker überschätzen sich selbst.

Blickt man vom Ausland auf die Schweizer Literaturlandschaft, sieht man die Dioskuren Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt; sie starben 1990/1991 kurz hintereinander. Heute, im Januar 2017, erblickt man zwei hohe Berge in der Schweiz: auf dem einen sitzt Adolf Muschg, das ist der Olymp; auf dem anderen sitzt Peter von Matt, das ist der Mythenstein.

Der Kosmopolit Adolf Muschg, das humanistische Bildungsideal pflegend, hält sich gerne im klassischen Altertum auf, um von dort aus Zivilisationskritik zu üben. Der Zentralschweizer Peter von Matt, seine Dichter hegend, bezieht sich gerne auf Ursprungsmythen, um von dort aus seine Kritik an Naturzerstörung und entfesselter Marktwirtschaft zu entwickeln.

Beide sind letztlich Konsensdenker. Beide versuchen sie, Kunst und Politik zusammenzudenken zu einer dritten "großen Erzählung", die sensibilisieren soll für die Defizite der Moderne.

Peter von Matt wird im Mai 80, Adolf Muschg wird im Mai 83. Gut, sie zu haben.