Zum Fanal wurde die Debatte um Martin Walsers Friedenspreisrede in der Paulskirche 1998, in der er "vor Kühnheit zitternd" die "Dauerpräsentation unserer Schande" beklagte. Diese Formulierung und sein Wort von der "Moralkeule Auschwitz" fanden umgehend den Weg ins Arsenal der PC-Feinde. Die Nennungen des Wortes Political Correctness in der überregionalen Presse erreichten in den folgenden Jahren ihr erstes Hoch: Zwischen 1998 und 2002 stieg ihre Zahl von 562 auf 853.

Dass das Wort von Anfang an so begierig aufgegriffen wurde, hat sicher damit zu tun, dass nach 1989/90 die Frage nach einer "nationalen Identität" neu auf den Tisch kam. Konservative und Rechte witterten die Chance, die von Helmut Kohl 1982 versprochene "geistig-moralische Wende" doch noch einzuleiten. Und dank der schicken neuen Vokabel ließ sich als mutiger Tabubruch verkaufen, was wenige Jahre zuvor noch abgestanden und muffig gewirkt hatte: das überkommene Vaterlands-Pathos, das Fünfziger-Jahre-Lamento über die Deutschen als Opfer des Nationalsozialismus und das Sprechen über die vermeintlich tabuisierten Schicksale der Vertriebenen. Diese alten rechten Themen fanden rasch ihren Weg in die "neue Mitte": Von der "Berliner Republik" war bald allenthalben die Rede, vom "Erwachsenwerden der Nation", von deutscher "Normalität".

Der neoliberale Take-off jener Jahre dürfte den Anti-PC-Konsens ebenfalls mächtig befördert haben. In einem Klima des ökonomischen anything goes musste alles, was auch nur im Entferntesten nach politischen Grundsätzen klingt, unzeitgemäß wirken. Jetzt, wo das "Ende der Geschichte" (Francis Fukuyama) glücklich erreicht war, galt es, sich locker zu machen. Die deregulierten Märkte verlangten auch eine gewisse Deregulierung moralischer Normen. Korrekt hatten die Gewinne zu sein, politische Korrektheit hingegen, das hörte sich nach kleinem Karo an, ja irgendwie nach Planwirtschaft. Und hatte man die nicht gerade auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt?

Bizarr ist nur, dass sich kaum Anzeichen für eine real existierende Correctness finden. Aufrufe zur politischen Korrektheit oder auch nur eine positive Verwendung des Begriffs muss man mühsam suchen. Zu den Ausnahmen zählen vereinzelte Konferenzberichte, in denen Politikwissenschaftler wie Claus Leggewie oder der USA-Kenner Hans Ulrich Gumbrecht als Verteidiger der neuen Korrektheit auftreten.

Der Wirtschaftswissenschaftler und Germanist Marc Fabian Erdl ist dem Phänomen bereits 2004 in seinem Buch Die Legende von der Politischen Korrektheit nachgegangen. Ergebnis: Die Musikzeitschrift Spex ist in den neunziger Jahren so ziemlich die einzige deutsche Publikation, die unter ihrem Chefredakteur Diedrich Diederichsen das politisch Korrekte für cool befunden hat. Die PC, daran gibt es keinen Zweifel, hatte in Deutschland von Anfang an viele Gegner und so gut wie keine Anhänger.

Anders als in den USA, möchte man meinen. Doch wie Erdls Recherchen zeigen, tritt politically correct auch dort überwiegend als "Stigmawort", als Kampfbegriff der Konservativen, als abwertende Bezeichnung auf. Selbst antirassistische und Genderstudies-affine Studentengruppen benutzten die Wendung oft nur ironisch gebrochen. Die Genese des Begriffs sei mithin kaum mehr nachzuvollziehen. Fest steht: Es gibt kein "Korrektes Manifest", es existiert kein Parteiprogramm der Political Correctness, keine Allgemeine Erklärung der Korrektheitsrechte unterdrückter Minoritäten, kein Urtext, an dem sich die Ideologie der PC studieren ließe.

Eine kritische, in Teilen radikale Studentenschaft hat es natürlich gegeben. Ihr Furor speiste sich aus der Enttäuschung über das blutige Ende der schwarzen Bürgerrechtsbewegung und die Vertiefung der Schwarz-Weiß-Gegensätze infolge der Deindustrialisierung seit den siebziger Jahren. Zeitgleich verlangten auch andere Minderheiten Anerkennung – Nachfahren asiatischer Einwanderer und Latinos, die in den achtziger Jahren an die Universitäten strömten und ihre Geschichte in den Lehrinhalten repräsentiert sehen wollten. Gleiches gilt für Frauen aller Hautfarben und Herkünfte.

Selbst wenn man konzediert, dass es dabei zu Übertreibungen, Abstrusitäten und übler Nachrede gekommen ist, fällt auf, dass viele Artikel über das Phänomen die Hintergründe des Protests ausklammern und ihn zu einer bloßen Karikatur verzerren – zu einem Aufstand der Hyperkorrektheit, angeführt von entfesselten, unter dem Eindruck ihrer Derrida-Lektüre herrisch gewordenen Sklavenurenkeln. Geradezu übermächtig erscheinen die Aufbegehrenden, das akademische Establishment hingegen steht als ohnmächtiges Opfer da.

Hier zeigt sich, was der Begriff eigentlich ist: nichts als ein Taschenspielertrick. Er unterstellt Liberalen Dogmatismus, "entlarvt" emanzipatorische Anstrengungen als diktatorische Zwangsmaßnahmen, diffamiert Kritik an bestehenden Machtverhältnissen als Zensurforderung, erklärt marginalisierte Minderheiten zu Unterdrückern der Mehrheit und desavouiert das Korrekte als das wahrhaft Falsche.

Der Political-Correctness-Vorwurf ist eine Moralkeule besonderer Art. Wer ihn erhebt, steht automatisch auf der richtigen Seite: Er ist der wahre Liberale, der Warner vor totalitärem Unrecht, ein Tabubrecher wider die Zensur und das Beschweigen von Missständen, ein Vorkämpfer der Unterdrückten. Im Extremfall reklamiert er für sich die Würde des Opfers.