Die Rechnung klang banal, aber überzeugend. "Die Briten haben sich schon für den Brexit entschieden und die Amerikaner für Trump", summierte das Pariser Boulevardblatt Le Parisien, in diesem Jahr dürften nun Franzosen und Deutsche wählen. Also sei nun der Wähler der Chef, auch wenn es um die Konjunktur gehe – und nicht Politiker, Zentralbanken oder Konzernlenker. Ganz besonders in Frankreich, wo nach Brexit und Trump alle vor einem Wahlsieg der Rechtspopulistin Marine Le Pen bei der Präsidentschaftswahl im Frühjahr zittern – sogar die besten Ökonomen der Welt.

Nouriel Roubini etwa. Der Wirtschaftsprofessor der New York University ist weltweit bekannt, seit er als einer der wenigen die Finanzkrise 2007/08 vorhergesagt hat. Nun sieht er gute Chancen, dass "der Populismus in Frankreich (...) die Macht erobert". Viele Ökonomen in Asien folgen seinem Urteil. Je weiter weg man ist, desto stärker erscheint Marine Le Pen. Weil ihr Sieg einem weltweit wahrgenommenen Trend entspreche: Brexit, Trump, Le Pen.

Doch Marine Le Pen ist eine Scheinriesin: Je näher man an sie heranrückt, umso kleiner wird sie.

Richtig klein wird Le Pen in jenem Keller eines Pariser Bürohauses, in den Jean-Michel Six Jahr für Jahr im Januar lädt. Six ist der nüchterne, stets unterkühlte französische Chefökonom der amerikanischen Kredit-Ratingagentur Standard & Poor’s, und sein Neujahrsempfang findet hier unten bei sparsamer Bewirtung statt: Es soll bloß nicht nach Geld riechen. Seit mehr als zehn Jahren prognostiziert Six an dieser Stelle die wirtschaftliche Gesamtentwicklung Europas, Afrikas und des Mittleren Ostens. Meistens liegt er richtig. Seine Worte finden weltweit Gehör, können Milliardensummen der großen Finanzinvestoren in die eine oder andere Richtung fließen lassen.

In diesem Jahr hat Six sich Le Pen vorgenommen und zerlegt die Prognosen ihres Sieges so routiniert wie ein Metzger das Schlachtvieh. "Man muss immer vorsichtig sein und darf nie den Umfragen glauben", sagt er. Und: "Die Hypothese Le Pen ist unter den heutigen Umständen abwegig."

Six analysiert Le Pens Chancen auf seine Art: nüchtern, unaufgeregt. Emotionen spielen in seiner Beweisführung keine Rolle. Stattdessen Vater Staat, den er normalerweise kritisiert, weil er sich zu stark in die Wirtschaft einmische und so das Wachstum bremse. Geht es dagegen um Le Pen, kommt Six prompt auf "die Stärke des französischen Modells" zu sprechen: "Frankreich ist schockresistenter als jedes andere große Industrieland. Sein staatlich geprägtes Wirtschaftssystem ist weniger elastisch als andere. In der Krise bricht es weniger stark ein, anschließend ist dann auch der Wiederaufschwung schwächer." So erklärt Six "eine gewisse französische Stabilität" in den letzten zehn Jahren. Eine Stabilität, die Marine Le Pen die Argumente raubt.

Zum Beispiel kann Le Pen nicht darauf hoffen, die Verlierer zu mobilisieren – denn davon gibt es gar nicht so viele. Zwar kam die französische Wirtschaft nach der Finanzkrise nicht mehr auf einen klaren Wachstumskurs und die Arbeitslosigkeit stabilisierte sich auf einem hohen Niveau um die zehn Prozent. "Doch große Veränderungen blieben für die meisten Menschen aus", sagt Six. Er verweist auf die Einkommensentwicklung der armen Bevölkerungshälfte. Deren Anteil an den Gesamteinkommen liegt seit 20 Jahren in Frankreich stabil bei über 20 Prozent, während er in den USA stark rückläufig und zuletzt auf 10 Prozent gefallen ist. Für Six ist das ein Indikator, dass die französischen Unterschichten auch 2017 nicht mehr als üblich zu Extremen neigen werden. "Politisch wird dadurch das Risiko des Rückgriffs auf die Extreme gemildert", sagt der Chefökonom.