Egal, was Zwanzigjährige heute machen, es ist immer falsch. Auch wenn sie nichts machen. Der Pop ist da eingeklemmt wie die Jugend selbst: zwischen Tatendrang, der nur noch neoliberal betriebsam wirkt, und einer Verweigerungshaltung, die zur müden Pose erstarrt ist. Das war natürlich einmal anders, früher, als die Verweigerung noch Schwung hatte. Daran wird man gerade häufig erinnert, weil ein kleines, dreckiges Jubiläum ansteht: Der Punk feiert Geburtstag. Vierzig Jahre ist es her, dass in London ein explosives Gemisch aus Pop, Kunst, Chaos, Politik und Drogenmissbrauch in die Luft flog und kurz darauf auch die Bundesrepublik entzündete.

Anarchie und Alltag / Atombombe auf Deutschland heißt ein Doppelalbum, das an diesem Freitag erscheint. Ausgerechnet eine Rap-Crew, das kluge, linke, von der Kulturberichterstattung geliebte Trio Antilopen Gang, hat für diese Platten fast alle Stimmen versammelt, die in vierzig Jahren Deutschpunk etwas zu grölen hatten: Campino von den Toten Hosen, Bela B. von den Ärzten, Peter Hein von den Fehlfarben und sogar Dirk "Dicken" Jora von den Hamburger Punkgroßvätern Slime, die einst so brachial "Deutschland muss sterben, damit wir leben können" brüllten. Die Punk-Altvorderen haben sich in die Hip-Hop-Welt gerettet. Vermutlich spüren auch sie, dass der Gitarrenmusik der Sauerstoff ausgegangen ist, während die überdrehte Deutschrap-Szene ventiliert. Linke Inhalte bleiben dort zwar Nischengeschäft, aber Inhalte, muss man die nicht sowieso überwinden?

Punk ist eine Frage der Form. Zum Jubiläum könnte man auch daran erinnern, dass es vor vierzig Jahren nicht zuletzt das unerträgliche Maß an Könnertum in der Rockmusik war, dem man etwas entgegensetzen wollte. Dem Deutschrap geht es heute nicht anders. Es dominieren die ultraschnellen, sprachlich und reimtechnisch extrem gewitzten, vier- bis fünffachbödigen Kreuzworträtsel-Rapper. So etwas ruft Widerspruch hervor, den Wunsch nach kreativer Zerstörung.

Wenn es Punk im deutschsprachigen Hip-Hop 2017 gibt, dann da, wo man angeblich nichts kann. Was einen zu einer hochproduktiven Szene aus Rappern, Produzenten und Videokünstlern bringt, denen dieser Vorwurf seit einiger Zeit gemacht wird. Beweis: Das Musikvideo Millionen Euro von LGoony. Ein blasser Oberstufenschüler trägt einen Fischerhut und ein gefälschtes Versace-Tuch auf dem Kopf, steht im Aufzug einer Kölner Sparkassen-Filiale. Er singt, dick bestrichen mit Autotune-Effekt und immer nah an der Heiserkeit: "Ich bin so reich, Millionen Euro in der Schweiz". Dann wirft er mit Spielgeld-Euroscheinen herum. "Pow pow pow", macht er, wie die Gangsterjungs aus den USA, wenn sie die Geräusche ihrer Schusswaffen imitieren. LGoony rappt, gehetzt, gestolpert, geruckelt, als habe er keine Lust und keine Zeit und sich auch vorher nicht überlegt, was er eigentlich zu sagen hat: "Bitch, ich hab Money und das ist die Aussage, also ich mach, was ich mach." Er bewegt die Arme in Halbkreisen auf und ab, langsam, dazu ein Sound, so traurig und aufgedreht wie ein Teenagerleben. Abgehackter, stotterhafter Strophenteil: "Doch. Wenn. Ich. Nicht. Reich. Bin. Nutte. Dann. Tu. Ich. Nicht. Ich. Sein." Keine Wortspiele. Keine geistreichen Wie-Vergleiche.

Interview mit LGoony kurz vor einem seiner Konzerte. Ein Hamburger Kellerclub, den man noch irgendwo in eine S-Bahn-Unterführung reingequetscht hat. Im Flur unterhalten sich Typen darüber, welche Frau wem bei welchem Konzert einen geblasen hat. Im Backstage-Raum: Ludwig Langer alias LGoony, Anfang 20, bis vor Kurzem Gymnasiast in einem bürgerlichen Kölner Stadtteil. Er hat die graue Kapuzenpullikapuze tief ins Gesicht gezogen und sich orthopädisch fragwürdig über seinen Laptop gekrümmt. Sein Teint: noch weißer als im Video. Jemand, der seine Nächte im Internet verbringt. Er hustet, mittelschlimme Erkältung. Ein Pott Tee zieht auf dem Tisch vor sich hin. LGoony raucht nicht und fasst keine Drogen an. Weil er so erkältet sei, müsse er am Laptop schnell noch die Playback-Gesangsspuren fürs Konzert lauter machen. Sagt er einfach so. Was für eine schöne Provokation in Zeiten des Handgemachtfetischs.

Deutscher Rap, erklärt LGoony, sei immer zu fokussiert auf Inhalte gewesen. "Da brauchte man ein Thema und machte daraus einen Themensong, über seine Kindheit oder so." Seine Vorbilder sind Rapper aus den Südstaaten der USA, bei denen es eher um eine Stimmung als um Inhalte gehe. Trap heißt diese Rap-Variante. Tiefe, traurige Bässe, in die man sich aber nie fallen lassen kann, weil ganz oben immer ein hypernervöses Zucken herrscht, Snare-Grollen, trockene Klapperschlangen-Hi-Hats, die aufs Trommelfell prasseln und einen in permanente Unruhe versetzen. Als falle man in einen tiefen Brunnen, während gleichzeitig jemand mit Kieselsteinen nach einem wirft. Die Rap-Technik: abgehackte, lustlos fallen gelassene Silben und dann wieder Triolen, die klingen, als würden die Rapper sich selbst überschlagen. Im Grunde ein simpler Sound, mit dem sich unendlich viel machen lässt. Und der die Stimmung drückend hält, wo der Text alleine manchmal bloß albern wäre. Die drei Punk-Akkorde der Gegenwart. Zu Trap gehört auch, Wörter einfach so lange zu wiederholen, bis sie ihren Sinn verlieren. Das sei, sagt LGoony, doch "eine nicere Art, Sachen zu vermitteln, als Wortspiele".