Die Herrschaftsfrage ist wieder offen. In den USA zieht Trump in dieser Woche ins Weiße Haus ein, in Russland regiert Wladimir Putin, in der Türkei Recep Tayyip Erdoğan, in Polen und Ungarn, zwei EU-Mitgliedsstaaten, schneidern sich rechtsnationale Regierungen Autokratien zurecht. Und in nahezu allen westlichen Industriestaaten attackieren Protestbewegungen die Säulen, auf denen ihre Gesellschaften gebaut sind, die Religionsfreiheit ("Einwanderungsstopp für Muslime!"), die Pressefreiheit ("Lügenpresse!"), die Parlamente ("Schwatzbuden!"), kurz: die liberale Demokratie, wie sie in den westlichen Verfassungen, auch der deutschen, festgeschrieben ist. Nach einer Befragung der Universität Leipzig wünschen sich 22 Prozent der Deutschen eine Einheitspartei, elf Prozent sogar einen Führer, der das Land mit starker Hand regiert.

In den Niederlanden könnte im März der Rechtspopulist Geert Wilders die Parlamentswahlen gewinnen. In Frankreich hat Marine Le Pen vom Front National ernsthafte Chancen, Präsidentin zu werden. Und in Deutschland wird die AfD im Herbst aller Wahrscheinlichkeit nach in den Bundestag einziehen.

Auf den Straßen und in den Internetforen herrscht Revolutionsstimmung. Und in der liberalen Elite ist regelrechte Panik ausgebrochen. Nicht nur in Universitäten, Redaktionen und Verlagen, sondern auch an Orten, an denen man dies kaum erwartet, zum Beispiel in einem Bürohaus im Hamburger Schanzenviertel, in dem an einem eisigen Wintersamstag auf einmal ein vielsagender Satz im Raum steht.

Am Eingang zu dem Gebäude hängt ein Schild: "Hier gilt die fdGo", die freiheitliche demokratische Grundordnung. Normalerweise treffen sich hier Gründer von Start-ups zu Besprechungen, suchen Webdesigner nach schönen Formen. Zwischendurch trinken sie Sojamilch. Politik spielt eher keine Rolle. Jedenfalls bisher.

Jetzt, an diesem Wintersamstag, diskutieren 80 Menschen voller Inbrunst darüber, was falsch läuft in der Demokratie. "Save Democracy Camp", so nennt sich die Veranstaltung. Das Ziel ist – laut Titel – die Rettung der Demokratie, aber schnell wird klar, worum es eigentlich geht: Missionierung.

Eine Gruppe denkt über Pro-Demokratie-Slogans für T-Shirts und Servietten nach. Eine andere überlegt, "Save Democracy"-Busse nach Ostdeutschland zu schicken, um die Menschen dort von der Demokratie zu überzeugen. Ein junger Mann schlägt vor, den Begriff des Blockwarts positiv zu besetzen. So ein moderner Aufpasser könnte dafür sorgen, dass rechte Schmierereien schnell überpinselt werden.

Und dann wirft jemand plötzlich diese Frage in die Runde: "Wie können wir verhindern, dass diese Leute wählen gehen?"

Diese Leute. Natürlich sind die Menschen, die in Amerika Trump an die Macht brachten, die in Großbritannien für den Brexit stimmten, in Frankreich den Front National wählen und in Deutschland die AfD, sehr unterschiedlich. Es gibt Professoren unter ihnen, Ärzte und Anwälte; in Frankreich ist der Front National längst im Bürgertum angekommen.

Die ursprüngliche, entscheidende Wählergruppe der Rechtspopulisten aber entstammt der Unterschicht, früher sprach man von den "einfachen Leuten". Sie wohnen nicht im Hamburger Schanzenviertel, sie wohnen auch nicht im New Yorker Stadtteil Brooklyn oder im Quartier Marais in Paris. Trotzdem glaubt man sie dort zu kennen. Man meint zu wissen, dass sie sich billig kleiden, billig ernähren und ihren Kindern billig klingende Vornamen geben.

In der modernen Welt gibt es viele Minderheiten, hin und wieder werden ihre Namen verändert. Aus "Negern" wurden "Schwarze" und "African Americans". Aus "Krüppeln" wurden "Menschen mit Behinderung" und "anders Begabte", aus "Eskimos" wurden "Inuit".

Aus den "einfachen Leuten" wurden "Asis", "Proleten" und "White Trash".