Viele Menschen, die heute Anhänger der Rechtspopulisten sind, haben sich schon vor Jahren von der Demokratie abgewandt. Der Anteil der Nichtwähler stieg und stieg. Die Demokratie hat es nur nicht so richtig gemerkt, jede Wahl hatte ja trotzdem einen Sieger. Einen Präsidenten, der seinen zahlreichen Unterstützern dankte. Einen Premierminister, der sich als Mann des Volkes fühlte. Eine Bundeskanzlerin, die sich in dem Glauben bestätigt sah, die Stimmung im Land zu erspüren.

Die Demokratie erschien derart selbstverständlich, dass die meisten Politiker, Wissenschaftler und Journalisten nicht mehr über sie nachdachten, jedenfalls nicht grundsätzlich. In Wahrheit aber war die scheinbar so kräftige Flamme der Demokratie in den Arbeiter- und Plattenbauvierteln, den stillgelegten Fabriken und leeren Dörfern schon lange erloschen. Es war, als seien die Menschen weggezogen, in ein anderes Land. Jetzt sind sie wieder da. Und wählen Trump, den Front National, die AfD.

Eigentlich ist das gar nicht so überraschend.

Früher saßen im Deutschen Bundestag zahlreiche Abgeordnete, die bloß die Volksschule besucht hatten. Sie waren Werkzeugmacher, Handwerker, einfache Leute. Heute sind die meisten Abgeordneten studierte Juristen. Auch viele Politologen sind dabei, außerdem Lehrer, Ökonomen, Bankkaufleute, Ärzte. Es sind Akademiker, deren Eltern schon Akademiker waren.

Einer der wenigen Sozialforscher, die sich in den vergangenen Jahren nicht vom vermeintlich hellen Licht der Demokratie blenden ließen, ist der Brite Colin Crouch, Autor des Buchs Postdemokratie. Oberflächlich gesehen, so Crouchs Gedanke, wiesen die westlichen Industrienationen alle Kennzeichen funktionierender Demokratien auf: Wahlen, Parlamente, Regierungswechsel. In Wahrheit aber seien sie degeneriert. Die unteren Schichten spielten im politischen Alltag keine Rolle mehr. Die Parteien unterschieden sich immer weniger in ihren Positionen. Und die Regierungen könnten sich kaum noch durchsetzen gegen die globalisierten Finanzmärkte und internationalen Großkonzerne.

Crouchs Buch erschien 2004. Wenige Jahre später brach die Finanzkrise los, die Euro-Krise, und fast alle Parteien in fast allen westlichen Industrieländern waren sich einig: Die Banken müssen gerettet werden, notfalls mit Steuergeld.

Es waren dieselben Länder, in denen die Gewinne der Unternehmen seit Jahren stiegen und die Einkommen der Arbeiter sanken, in denen neue Jobs meist schlechte Jobs waren.

Ist es also tatsächlich eine Überraschung, dass die rechtspopulistischen Parteien in diesen Ländern zu neuen Arbeiterparteien werden konnten? Dass, zum Beispiel, an einem Wintertag in Deutschland ein Mann mit wildem Schnauzer in Leipzig eine riesige Deutschland-Fahne schwenkt, den Rednern des dortigen Pegida-Ablegers zujubelt und sagt: "Ich habe rechts gewählt und links gewählt. Es hat keinen Unterschied gemacht. Deswegen bin ich hier."

Die Grundprinzipien der Demokratie, die Pressefreiheit, die Religionsfreiheit, der Parlamentarismus, sie sollen dazu dienen, das Gemeinwohl zu stärken. Wieso aber sollten Menschen die Pressefreiheit hochhalten, wenn sie das Gefühl haben, dass sich die Presse für ihre Meinung gar nicht interessiert?

Weshalb sollten Menschen die Religionsfreiheit befürworten, wenn sie den Eindruck haben, dass muslimischen Zuwanderern mehr Beachtung zukommt als ihnen?

Warum sollten sie den Parlamenten Respekt entgegenbringen, wenn es ihnen so vorkommt, als werde dort nicht über ihre Probleme geredet?

Man kann die Haltung dieser antisystemischen Bewegungen für selbstbezogen halten, sogar für primitiv. Aber Tatsache bleibt: Die westlichen Demokratien haben ein Repräsentationsproblem.

Beispiel Spätsommer 2015. In Deutschland sind die Grenzen für Flüchtlinge offen. Alle im Bundestag vertretenen Parteien begrüßen die Entscheidung der Kanzlerin, lediglich Politiker der CSU nörgeln bereits ein wenig herum.

Gleichzeitig stimmen in einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen 40 Prozent der Befragten der Aussage zu, Deutschland könne eine so große Zahl an Flüchtlingen nicht verkraften. Hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung, sind das 25 Millionen Wahlberechtigte. 25 Millionen Menschen, die im Parlament keine Stimme haben.

Es geht hier nicht darum, wie man die Skepsis gegenüber Flüchtlingen beurteilt. Die Grenzen zu öffnen mag richtig gewesen sein, aus ethischen, moralischen, humanitären Gründen. Für die repräsentative Demokratie aber ist es gefährlich, wenn Millionen Menschen niemanden haben, der sie repräsentiert. Hätte es diese Vertreter im Parlament gegeben, hätten sie die Position der Flüchtlingsgegner in den demokratischen Prozess tragen können. Diese hätten dann keinen Grund gehabt, an der Demokratie zu zweifeln. Aber so war es nicht. In der wichtigsten Frage unserer Zeit fühlten sich Millionen Menschen politisch alleingelassen – also liefen sie Pegida zu und der AfD, deren politische Führer einen gruseln lassen, die aber Millionen Menschen das Gefühl geben, gehört zu werden.

In der Demokratie geht es nicht nur darum, ob eine Regierung die richtige Entscheidung trifft. Sie muss auch die Menschen überzeugen, dass die Entscheidung richtig war. Sonst kann sie noch so sehr recht haben, sie begeht trotzdem einen Fehler. Knapp anderthalb Jahre nach der Grenzöffnung ist Deutschland gespalten und das politische System in der wohl schwersten Krise in der Geschichte der Bundesrepublik.