Drei Szenarios sind nun denkbar. Das erste ist das amerikanische. Demnach bleibt die Union bei der Politik Angela Merkels und treibt der AfD dadurch zusätzliche Wähler zu. Die AfD eilt von Erfolg zu Erfolg, bleibt so radikal, wie sie ist, und kommt schließlich an die Macht. Unmöglich? Das dachte man auch, bevor Trump Präsident wurde.

Im zweiten Szenario rückt die Union nach rechts (Grenzen dicht, mehr Geld für die bisher Ungehörten) und macht der AfD die Wähler abspenstig. Darum geht es im Streit zwischen der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer. Die AfD würde verschwinden oder schrumpfen.

Das dritte Szenario ist das "grüne". Die Rechtspopulisten bleiben erfolgreich, verlieren aber an Radikalität. So wie die Grünen nach ihrer Gründung in den achtziger Jahren. Die AfD wird schließlich Teil des jetzt noch von ihr gehassten Mainstreams. Womöglich wird sie mit der Union koalieren.

Beim zweiten und dritten Szenario würde das linksliberale Denken in Deutschland zurückgedrängt, aber die Demokratie würde sich wieder stabilisieren. Die Frage ist nur: für wie lange?

Denn das Repräsentationsproblem, das in Wahrheit ein Klassenproblem ist, auch in Frankreich, in den USA, in Großbritannien, es würde ja bleiben. Ein neues Streitthema, ein neuer politischer Großkonflikt könnte dazu führen, dass weite Teile des Volkes wieder an der Demokratie zu zweifeln beginnen.

David Van Reybrouck glaubt, diese Zweifel beseitigen zu können. Er ist ein schlanker Mann mit ergrauendem Haar, ein studierter Historiker und Archäologe, der acht Sprachen spricht. Van Reybrouck, 45, ist viel in der Welt unterwegs, er hat einen Bestseller über die Geschichte des Kongo geschrieben, sein Heimatland ist Belgien, und das ist einer der Gründe, weshalb sich Van Reybrouck so ausführlich mit dem Thema Demokratie beschäftigt hat.

Es ist nicht lange her, da war Belgien 540 Tage lang ohne Regierung. Die beiden stärksten Parteien, die flämischsprachigen Nationalisten und die französischsprachigen Sozialisten, konnten sich auf keine Koalition einigen. Während sich der Rest Europas über dieses seltsame Land amüsierte, sah Van Reybrouck in der belgischen Krise mehr als eine Kuriosität. Er fing an, sich mit Demokratiegeschichte zu befassen, las Aristoteles, Platon, Montesquieu, Madison – und stellte fest, dass eine zentrale Erkenntnis der alten Denker es nicht in die Moderne geschafft hatte, sie war verdrängt und vergessen worden. Van Reybrouck wundert sich darüber, dass Barack Obama dies mit keinem Wort erwähnte, als er in Athen davon schwärmte, wie die Griechen die Flamme der Demokratie entzündeten.

Das System damals funktionierte nämlich ganz anders als jenes, das 2.500 Jahre später den Präsidenten Obama hervorbringen sollte, und damit ist nicht gemeint, dass es in Athen kein Fernsehen gab oder dass Frauen vom politischen Prozess ausgeschlossen waren. Der entscheidende Unterschied ist: Die Mitglieder der Athener Regierung, des sogenannten Rats der 500, wurden nicht gewählt.

Sie wurden ausgelost.

Was heute auf den ersten Blick verrückt anmutet, erschien damals als einzig sinnvolle Lösung. Die Amtszeiten waren begrenzt. Die meisten Athener Bürger hatten irgendwann in ihrem Leben ein politisches Amt inne. Dadurch verschwand der Unterschied zwischen Bürgern und Politikern, Regierten und Regierenden, zwischen Oben und Unten, das Volk herrschte über sich selbst, das ganze Volk. Es gab kein Repräsentationsproblem. Es gab keine Wahlkämpfe, keine uneingelösten Versprechen. Das Los machte alle gleich.

Eine Kaste von Berufspolitikern, wie sie in der Gegenwart existiert, wäre den Athenern so absurd vorgekommen wie den Menschen heute das Losverfahren. In der Politik sollte es damals um die Sache gehen, nicht um Karriere und Durchsetzungsvermögen. Nur ganz wenige Posten, etwa im Bereich des Militärs oder der Finanzen, wurden durch Wahlen besetzt. In allen anderen Bereichen sollte das Volk das Sagen haben, normale Leute, und das Los galt als das zuverlässigste Verfahren, um sie zu bestimmen.

Aristoteles schrieb im 4. Jahrhundert vor Christus: "So gilt es, will ich sagen, für demokratisch, dass die Besetzung der Ämter durch das Los geschieht, und für oligarchisch, dass sie durch Wahl erfolgt."

Über Jahrhunderte war Aristoteles’ Regel ein Grundsatz der politischen Philosophie. Demokratie bedeutete: Losverfahren. So war es in der Antike, so war es in den italienischen Stadtstaaten der Renaissance, in Venedig und Florenz. Noch Mitte des 18. Jahrhunderts wiederholte Montesquieu fast wortgleich die Gedanken von Aristoteles: "Wahl durch Los entspricht der Natur der Demokratie, Wahl durch Abstimmung der Natur der Aristokratie."

Wenige Jahre später, 1762, schrieb Jean-Jacques Rousseau in seinem berühmten Werk Vom Gesellschaftsvertrag: "In jeder wahren Demokratie ist ein Amt kein Vorteil, sondern eine drückende Last, die man gerechterweise nicht dem einen mehr als dem anderen auferlegen darf. Das Gesetz allein darf sie dem auferlegen, auf den das Los fällt."

Nur das Losverfahren ist demokratisch, das war lange unumstritten. Dann geschah etwas Erstaunliches. In Amerika und Frankreich brach das Volk die Herrschaft von Krone und Absolutismus, die Revolutionäre forderten Demokratie. Ihre Anführer jedoch, die Oberrevolutionäre, waren skeptisch. Kann das Volk sich wirklich selbst regieren? Muss man nicht verhindern, dass der "Pöbel" an die Macht kommt? Ist die Herrschaft nicht besser aufgehoben in den Händen einiger weniger? Am besten in den eigenen?