Der reiche Rechtsanwalt John Adams schrieb 1776, im Unabhängigkeitsjahr der Vereinigten Staaten von Amerika: "Es ist notwendig, die Macht von den vielen auf wenige der Klügsten und Guten zu übertragen."

Der Rechtsanwalt Thomas Jefferson, Sohn eines wohlhabenden Plantagenbesitzers, formulierte einige Jahre später: "Es gibt eine natürliche Aristokratie unter Menschen, die auf Tugend und Talent beruht. Ist nicht die beste Regierungsform diejenige, die am effektivsten die Auswahl dieser natürlichen Aristokraten für politische Ämter gewährleistet?"

Und der Philosoph und Philologe James Madison, Sohn eines reichen Tabakfarmers, äußerte sich so: "Wer kommt als Objekt einer Wahl durch das Volk in Betracht? Jeder Bürger, dessen Verdienste ihn der Achtung und dem Vertrauen seines Landes empfehlen. Da sie dadurch ausgezeichnet werden, dass ihre Mitbürger sie anderen vorziehen, ist anzunehmen, dass sie sich im Allgemeinen auch durch jene Qualitäten auszeichnen, die diese Bevorzugung rechtfertigen."

Adams, Jefferson und Madison hatten genau das richtige Verfahren identifiziert, um eine Volksherrschaft einzuführen, in der ein sehr kleiner Teil des Volkes herrscht: Wahlen. Für wen würden sich die amerikanischen Bürger entscheiden, wenn nicht für die Sachkundigsten, Klügsten, Wohlhabendsten?

John Adams wurde Vizepräsident unter George Washington und 1797 selbst Präsident.

Thomas Jefferson folgte ihm 1801 nach.

Dann James Madison, 1809.

Der sechste Präsident hieß dann wieder Adams, es war John Adams’ Sohn John Quincy. Die Adams’ waren die erste amerikanische Politik-Dynastie, der Jahrzehnte später die Kennedys folgten, die Bushs, die Clintons.

Auch in Frankreich kaperte das gehobene Bürgertum die Revolution. Der Priester und Schriftsteller Emmanuel Joseph Sieyès, der mit seinem Essay Was ist der Dritte Stand? mithalf, das Volk zum Sturm auf die Bastille anzustacheln, sagte keine zwei Monate später: "Die Bürger bestimmen Repräsentanten und geben selbst das Recht ab, Gesetze zu machen. Sonst wäre Frankreich eine Demokratie. Das Volk darf in einem Land, das keine Demokratie ist (und Frankreich dürfte schwerlich eine sein), nicht mitsprechen und nicht handeln, es sei denn durch seine Repräsentanten."

Aus historischer Entfernung betrachtet, muss man feststellen: Was damals wie heute Revolution genannt wird, bestand vor allem darin, dass eine Wahl-Aristokratie eine Erb-Aristokratie ersetzte. Die alte Elite verlor die Macht an eine neue Elite. Dem Volk wurde das als Volksherrschaft verkauft. Damit gelang einer der größten PR-Coups der Geschichte: die Umetikettierung eines Begriffs, der über mehr als 2.000 Jahre hinweg mit dem Los verbunden war.

Wie Barack Obama es sagte, die Flamme der Demokratie hörte nicht auf zu brennen. Aber, was kaum jemand zu merken schien, sie blieb in den Händen weniger.

Die Wahl-Aristokratien erwiesen sich als langlebig und außerordentlich stabil – auch weil sie sich tatsächlich schrittweise demokratisierten: Das Wahlrecht wurde ausgeweitet, bald durfte fast jeder wählen. Arbeiterparteien entstanden und kämpften dafür, dass auch mal ein Arbeiter in ein politisches Spitzenamt aufrückte. Einige Länder führten das Instrument der Volksinitiativen ein oder befragten ihre Bürger in Referenden. In Deutschland zog 1983 eine Partei in den Bundestag ein, die keine karrieristischen Berufspolitiker in ihren Reihen dulden wollte. Bei ihr galt das Rotationsprinzip: Nach zwei Jahren musste ein Abgeordneter das Parlament wieder verlassen und wurde von einem neuen Kurzzeitpolitiker ersetzt. So sollte die Distanz zwischen Volk und Volksvertretern schrumpfen. Die Partei trug den Namen "Die Grünen".

Hubert Kleinert gehörte zu ihrer ersten Bundestagsfraktion. Heute ist er 62 Jahre alt, aus der Politik ist er schon lange raus, er ist jetzt Professor an der Hessischen Hochschule für Polizei und Verwaltung in Gießen. Kleinert sagt, das Rotationsprinzip habe nicht funktioniert. Er nennt dafür mehrere Gründe, der vielleicht wichtigste: "Die Abgeordneten wollten nicht aufhören." Sie fühlten sich gut in ihrer Rolle als Politiker, sie fanden Gefallen an der Macht.

1986 verlängerten die Grünen das Rotationsprinzip auf vier Jahre, 1991 schafften sie es ab. Die Politik, sie blieb etwas für Profis, nicht nur in Deutschland. Statt weniger Ämter mit häufig wechselnden Amtsträgern gibt es heute wenige Amtsträger mit häufig wechselnden Ämtern.

David Van Reybrouck, der Forscher, der über sein Erstaunen angesichts der belgischen Regierungskrise anfing, sich mit der Geschichte der Demokratie zu beschäftigen, sitzt in einer Altbauwohnung in Berlin. Er wohnt zurzeit in Deutschland, er hat hier ein Forschungsstipendium. Van Reybrouck hat aus seinen Gedanken zur Demokratiegeschichte ein Buch gemacht. Kürzlich ist es auf Deutsch erschienen, es heißt Gegen Wahlen. Denn das ist Van Reybroucks These: Um die Probleme der Demokratie zu lösen, muss man zurück zum Ursprung, das Neue im Alten finden. Man muss wieder losen.

So wie in Irland.