O’Brien stimmte am Ende für die Homo-Ehe, so wie 78 andere. Unter Befürwortern wie Gegnern fanden sich Männer und Frauen, die ihre Meinung im Lauf des Verfahrens geändert hatten.

Die Regierung veranlasste im Mai 2015 ein Referendum und gab den Iren die Empfehlung der Bürgerversammlung an die Hand, die Homo-Ehe zuzulassen. 62 Prozent stimmten zu, die Verfassung wurde geändert. Der ehemalige Schwulenhasser Finbarr O’Brien ist mit seinem Tischnachbarn bis heute befreundet.

Zwei Jahre zuvor hatte auch Frankreich, ebenfalls ein katholisches Land, die Homo-Ehe legalisiert. Ohne Bürgerbeteiligung. Hunderttausende gingen auf die Straße, es waren die größten Proteste, die die Französische Republik seit Jahren gesehen hat.

Noch etwas hat die irische Bürgerversammlung bewirkt: Ihre Mitglieder haben Respekt für die Arbeit der Politiker gewonnen. Eine Frau, die ähnlich wie O’Brien Politiker verachtet hatte, ist heute gewähltes Mitglied ihres Kreistages. Und O’Brien sagt: "Bei der Bürgerversammlung mitzumachen gehört zu den besten Erfahrungen meines Lebens. Ich fand es schade, dass ich bei der zweiten nicht wieder dabei sein durfte."

Aber das ist Teil der Idee – es geht darum, frische, unverstellte Meinungen zu bekommen. Gerade keine Experten, keine Berufspolitiker. Genau wie damals in Athen.

David Van Reybrouck sagt: "Am Anfang fragen die Bedenkenträger immer: Wie könnt ihr ahnungslose Leute solche Entscheidungen treffen lassen? Man muss sich nur die Protokolle durchlesen, um zu verstehen, wie unbegründet diese Angst ist. Ja, am Anfang sind die Menschen oft ahnungslos, aber sie lernen, darum geht es ja, und am Ende treffen sie informierte Entscheidungen."

Das ist der Unterschied zum Referendum. Auch dort wird die Meinung der Bürger erfragt, sogar aller Bürger, ohne dass man wüsste, ob diese wirklich über das Thema nachgedacht haben. Ihre Wahl wird oft bestimmt vom Bauchgefühl, manchmal von Wut, wie bei der Brexit-Abstimmung.

Bei einem Referendum äußern sich viele Menschen ohne Ahnung. Bei einer Bürgerversammlung wenige Menschen mit viel Ahnung. Wie im Parlament, nur dass die Versammlung tatsächlich repräsentativ ist.

Damals in Athen wurden nicht nur die Mitglieder der Regierung per Los bestimmt, sondern auch die der Volksgerichte. Interessanterweise hat diese Regelung die Jahrtausende überdauert. Noch heute werden in vielen Ländern per Zufall Bürger ausgewählt, um als Geschworene oder Schöffen Recht zu sprechen. Und niemand fragt: Können die das?

Warum also nicht eine deutsche Bürgerversammlung einberufen? Eintausend Menschen, Junge und Alte, Sachsen und Westfalen, Hipster und Wutbürger, ein Spiegel der Gesellschaft. Ein großer Saal in Berlin, oder nein: irgendwo auf dem Land. Ein Thema, sagen wir: die Flüchtlingskrise. Genug Zeit, um viele Experten zu hören und ausführlich zu debattieren. Und der Auftrag: Wie soll die deutsche Flüchtlingspolitik der Zukunft aussehen?

Ja, warum eigentlich nicht?