Eine Villa in einem der teuersten Stadtviertel Münchens. Eine verschneite Mauer, an der kein Namensschild hängt. Eine Haushälterin mit weiß-grau gestreifter Schürze, die den Mantel abnimmt. Hier wohnt Roland Berger, der bekannteste deutsche Unternehmensberater. Vor fünfzig Jahren gründete er die inzwischen größte europäische Beratungsfirma, die auch seinen Namen trägt. Heute ist Berger 79 Jahre alt und kennt die Branche wie kaum ein anderer in Deutschland. Journalisten empfängt er normalerweise nicht zu Hause. Heute macht er eine Ausnahme – für einen Filmabend. Berger führt in den zweiten Stock, in sein Lese- und Fernsehzimmer: bodentiefe Fenster, cremeweißes Sofa, ein Flatscreen. Gemeinsam werden wir uns "Toni Erdmann" anschauen, eine Persiflage auf die Berater-Branche. Als bester Film gewann er kürzlich den Europäischen Filmpreis, am 24. Januar hat er gute Chancen, für einen Oscar nominiert zu werden. Was hält Roland Berger davon – und erkennt er sich wieder?

DIE ZEIT: Herr Berger, ich habe Verpflegung dabei. Möchten Sie Popcorn oder Nachos?

Roland Berger: Popcorn.

ZEIT: Cola oder Bier?

Berger: Lieber ein Wasser.

Die Haushälterin bringt Wasser auf einem Silbertablett und drückt der Reporterin die Fernbedienung in die Hand. Er selbst wisse leider nicht, wie der DVD-Player funktioniere, sagt Roland Berger. Nach 14 Minuten kichert er das erste Mal. Es ist der Moment, als die Protagonistin des Films auf ihren Vater trifft. Er ist Musiklehrer in der Provinz, mit fettigen Haaren und verschmierter Theaterschminke von einer Schulaufführung. Die Tochter trägt Bluse und Hosenanzug. Als Unternehmensberaterin arbeitet sie in einem Projekt in Bukarest und ist gerade zu Besuch in Deutschland. Doch während sich ihre Familie im Wohnzimmer über ihre Karriere unterhält, hängt sie ständig am Smartphone.

ZEIT: Warum lachen Sie?

Berger: Weil der Film ein Klischee bedient. Zum Beispiel, dass die Eltern sagen, ihre Tochter habe mit wichtigen Leuten zu tun. Und die Tochter spielt eine Rolle: die Beraterin, die in der Business-Welt verkehrt und auch zu Hause "Uniform" trägt.

ZEIT: Sie tragen ja hier auf dem Sofa auch einen Anzug. Spielen Sie nicht auch eine Rolle?

Berger: Stimmt, den habe ich angezogen, weil Sie Fotos von unserem Interview machen wollten. Normalerweise hätte ich jetzt Rollkragenpullover und Cordhose an.

ZEIT: In dem Film geht es um die Beziehung zwischen einem Altachtundsechziger-Vater und seiner Tochter, die Karriere als Unternehmensberaterin macht. Sie haben Ihre Firma 1967 gegründet, damals waren Sie 30 Jahre alt. Warum wurden Sie Berater und kein Hippie?

Berger: Ich hatte auch Sympathien für die Reformbewegung, wir haben nächtelang über Politik und Gesellschaft diskutiert. Aber ich hatte ja damals schon Karriere in einer italienisch-amerikanischen Strategieberatung gemacht und während des Studiums ein Unternehmen gegründet. Eine Wäscherei, die ich schließlich für 600 000 Mark verkauft habe. Mir war nach etwas Ernsterem zumute.