Andrej Holm ist tief gefallen. Der ehemalige Baustaatssekretär der rot-rot-grünen Landesregierung Berlin hat alles verloren: erst sein politisches Amt, dann seine Arbeitsstelle bei der Humboldt-Universität. Zum Verhängnis wurde ihm vor allem, dass er 2005 in einem Personalbogen fehlerhafte Angaben über seine hauptamtliche Tätigkeit bei der Stasi gemacht hat. Auf den ersten Blick scheint die Sache klar: Wer seinen Arbeitgeber anlügt, fliegt. Dazu braucht es keine Problembiografie in einem deutschen Unrechtsstaat. Dafür reichen erschwindelte Fremdsprachenkenntnisse im Lebenslauf.

Davon abgesehen: Bereits im Jahr 2008 ergab eine Umfrage des Forsa-Instituts, dass 56 Prozent der Deutschen einen Politiker mit Stasi-Vergangenheit für nicht tragbar halten, ganz egal, ob dieser zu seiner Stasi-Vergangenheit steht. Da scheint es folgerichtig, dass Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) seinen zur Belastung gewordenen Bausekretär aus dem Amt entfernte, als dieser nicht gehen wollte. Und folgerichtig ist es auch. Aber ist es auch richtig?

Am Beispiel Andrej Holms lässt sich einiges über die DDR, die Macht und den öffentlichen Umgang mit Schuld lernen, das einen an der Eindeutigkeit der Entscheidung zweifeln lässt. Doch der Reihe nach: Holm war 18 Jahre alt, als er hauptamtlicher Mitarbeiter der Stasi wurde. Seine Eltern waren treue Genossen. Holm musste Berichte lesen, Radio hören, sagt er. Verraten hat er, soweit bislang feststeht, niemanden. Was man über die DDR lernen kann: Viele Menschen hatten das System der Überwachung und Unterdrückung so sehr internalisiert, dass sie ihm sogar ihre Kinder auslieferten, ohne es zu hinterfragen.

Holm wurde in eine Gesellschaft hineingeboren, in der die Eltern, die Schule, die Vorgesetzten ihm vorlebten, wie er sich zu verhalten hat. Die Kollektiverfahrung relativiert nicht die individuelle Schuld des Einzelnen, stellt jedoch die Lebensläufe einer ganzen Generation unter Verdacht. Letzteres zeigt die besondere Perfidie der Stasi: Sie produzierte Opfer, die zu Tätern wurden. Selbst 30 Jahre nach ihrem Ende hat sie so noch die Macht, Leben zu zerstören. Sie hat diese Macht auch deshalb, weil eine Mehrheit der Deutschen ihr diese Macht nach wie vor zuspricht. Es ist paradox: Die Deutschen denken oft nur das Schlechteste von Politikern und wünschen sich gleichzeitig den chemisch gereinigten Volksvertreter, zu dessen strahlender Reinheit sie aufschauen können.

Aus dem Ideal spricht der Wunsch, alle schuldig Gewordenen zu identifizieren und auszuschließen aus ihrer Mitte. Ist die Schuld aus den Augen, ist sie scheinbar aus dem Sinn. Der Volksvertreter, in diesem Fall der Regierende Bürgermeister Müller, exekutiert diesen Volkswillen lediglich. Denn welcher seiner Untergebenen tragbar ist oder nicht, entscheidet letztlich nicht er, sondern die öffentliche Meinung. Die weiß zwar meist, was sie will, aber – das Beispiel Trump zeigt es – oft nicht, warum sie etwas will. Wer weiß: Hätte Andrej Holm sich nur früh genug in den Staub geworfen bei Markus Lanz, würde die Mehrheit der Deutschen ihn heute womöglich nicht nur weiterhin für tragbar halten, sondern auch seine vermeintliche Offenheit und Ehrlichkeit bewundern. Das würde zwar nichts ändern an der Tatsache, dass Holm seinen Arbeitgeber belogen hat und bei der Stasi war. Nur würde die Tatsache an sich unbedeutend, weil der tief im Menschen wurzelnde Wunsch, zu verzeihen, plötzlich übermächtig wäre.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Andrej Holm hat sich bekanntlich nicht in den Staub geworfen bei Markus Lanz. Er hat auch der "BamS" kein tränenreiches Interview mit angeschlossener Homestory gegeben. Tatsächlich hat sich Andrej Holm schon im Jahr 2007 öffentlich zu seiner Stasi-Tätigkeit bekannt. Doch das interessierte damals nicht mal seinen Arbeitgeber. Mit seiner heutigen Weigerung, die Reue zu zeigen, die die öffentliche Meinung von ihm verlangt, hat er sich des schlimmsten Vergehens im politischen Betrieb schuldig gemacht: Er hat die an ihn gestellten Erwartungen enttäuscht. Er musste gehen.

Die Hoffnung, die Andrej Holm bleibt: Die öffentliche Meinung vergisst schnell. 2006 etwa erregte sich Deutschland über Günter Grass. Der war, wie er in seinem Buch "Beim Häuten der Zwiebel" öffentlich bekannte, als 17-Jähriger bei der Waffen-SS. Grass, so die einhellige Meinung der Öffentlichkeit und des Feuilletons damals, hatte sich als moralische Instanz damit erledigt. Keine zehn Jahre später trugen Meinung und Feuilleton die moralische Instanz Grass in seitenfüllenden Nachrufen zu Grabe.

Oder nehmen wir Martin Walser: 2002 für seinen Roman "Tod eines Kritikers" als Antisemit verschrien, heute mit 90 laut "Cicero"-Ranking Deutschlands angeblich wichtigster Intellektueller. Vielleicht macht das Alter nicht einen selbst, sondern die anderen altersmilde. Das wäre ein schwacher Trost für Andrej Holm. Der ist 46 Jahre alt. An Walser gemessen hat Holm sein halbes Leben vor sich. Dass Holm jetzt für einen Fehler bezahlen muss, den er als Jugendlicher beging, mag folgerichtig sein. Dass er sein ganzes Leben dafür zahlen muss, ist es nicht.