Es muss früher, in den ersten Jahren der Vollmotorisierung, sehr viel häufiger gekracht haben auf den Straßen rund um den Vierwaldstättersee. Jedes Mal, wenn wieder ein Auto vom rechten Weg abgekommen war, rückte der Dorfpolizist Arnold Odermatt mit seiner Rolleiflex-Kamera aus und fotografierte die zerbeulten Wracks, die sich um einen Baum gefaltet hatten oder in trügerischer Balance über eine Uferböschung hinausragten. Film war teuer, die Behörde knausrig, daher war nur eine Aufnahme an jedem Unfallort gestattet. Also musste das Auge des Gesetzes seine Perspektive sorgfältig wählen.

So nüchtern und spartanisch der uniformierte Fotograf die zertrümmerten Fahrzeuge ins Bild setzen wollte, sein poetischer Blick entdeckte immer auch eine nahezu surreale Skulptur aus Blech, Glas und Gummi, die sich wie ein Fabelwesen aus dem Reich der leicht makabren Fantasie in die Gebirgslandschaft verirrt hatte. Das ging gut vier Jahrzehnte so. In seinem Dienstposten in Stans hatte sich Odermatt eine behelfsmäßige Dunkelkammer einrichten dürfen, und dort verbrachte er wohl mehr Zeit als daheim bei der Familie, um die Ergebnisse seiner visuellen Beutezüge zu entwickeln. Er war besessen von seiner Leidenschaft, fotografierte unablässig, im Dienst, nach Feierabend, in den Ferien. Er zeigte seine Kameraden bei der Arbeit oder Dorfschönheiten in Feiertagstracht, jedes noch so nebensächliche Detail in seiner kleinen Nidwaldner Welt hielt er fest. Da schwebt die Gondel einer Seilbahn überladen mit Heuballen über eine Bergwiese, dort versinkt im Rathaus von Stans einer in einem Ozean von Akten.

Odermatt ist ein obsessiver Beobachter, einer, der den Blick nicht lassen kann von den Unzulänglichkeiten seines Provinzalltages. Wie aus einer fremden, exotischen Epoche gefallen erscheinen heute diese Aufnahmen, Artefakte, die eine verlorene Zeit heraufbeschwören. Er ist ein Eigenbrötler, seine Fotografien bunkert er im Estrich und entzieht sie allen neugierigen Augen. Er ist längst pensioniert, als eines Tages sein Sohn Urs, ein Filmregisseur, durch Zufall beim Stöbern auf den Fundus von gut 60.000 Negativen stößt. Er erkennt sofort, welcher Schatz ihm da in die Hände gefallen ist – und überredet den widerwilligen Vater, das fotografische Gedächtnis der Innerschweiz mit der Welt zu teilen.

Mittlerweile genießt der 91-Jährige Weltruhm. Seine Bilder machten auf der Biennale in Venedig ebenso Furore wie im Art Institute of Chicago. Nun liefert der bereits vierte opulente Bildband einen Einblick in das so eigenwillige wie einzigartige Werk des Fotokünstlers. Feierabend versammelt einen etwas überbordenden Querschnitt durch die Motive, die im Laufe der Jahrzehnte sein Interesse geweckt haben. Immer ist Odermatt ein lakonischer Chronist. Er bezieht nie Stellung, seine Bildinszenierungen sind bar jeder Emotion, es sind kalte, nackte Beobachtungen, in denen die Realität zu einer Ewigkeitssäule erstarrt ist. In einer Landschaft, die gerne zur Postkartenidylle verklärt wird, setzt Odermatt einen ernüchternden Kontrapunkt: Die menschliche Zivilisation bemächtigt sich der Natur, indem sie ihr tiefe Wunden schlägt und ihr befremdliche Errungenschaften aufzwingt. Aber zumindest in diesem Teil der Erde bleiben die Bewohner dennoch Fremdkörper, die letztlich einsam ihre Tage verbringen. Zwar haben sie sich die Welt angeeignet, aber sie werden in ihr niemals daheim sein.

Ausstellung: Photobastei Zürich, bis 5. März