Wenige Tage erst dauert diese Präsidentschaft, und schon entwickelt sich eine Art Trump-Folklore: Der Präsident unterschreibt schwungvoll Dekrete, mit denen er das Erbe seines Vorgängers in die Tonne befördert. Obamacare – gestoppt. Abtreibungsberatung in Entwicklungsländern – gestrichen. Freihandelspakt mit Asien – weg damit.

Dann gibt es da diese merkwürdigen Auftritte, bei denen Donald Trump vor laufender Kamera Unwahrheiten verbreitet – etwa über die vermeintlichen Zuschauermassen während seiner Inauguration. Jenen Journalisten, die solche "alternativen Fakten" nicht akzeptierten, erklärt der Präsident den "Krieg".

Auf der Gegenseite formiert sich unterdessen der Protest in Frauenmärschen mit rosa Mützen, "not my President"- Sprechchören und vielen lustigen "pussy"- Sprüchen auf den Plakaten.

Die Protestierenden waren zahlreicher als Trumps Anhänger. Aber es wäre fahrlässig, darauf allzu viel Hoffnung zu bauen. Die Normalisierung des Präsidenten Trump hat begonnen, und auch der Protest gegen ihn ist schon ein Teil davon. Genau wie sein Clinch mit den Medien. Man gewöhnt sich daran, dass der mächtigste Mann der Welt tagtäglich der Lüge überführt wird. Das wahre Problem allerdings liegt nicht darin, dass er Sachen sagt, die er wohl selbst nicht glaubt. Es liegt vielmehr darin, dass er in den zentralen politischen Fragen tatsächlich meint, was er sagt. Das gilt auch für den viel zitierten – aber kaum verstandenen – zentralen Satz seiner Einführungsrede: "Vom heutigen Tag an wird es nur noch 'Amerika zuerst' heißen, 'Amerika zuerst'."

Hinter dem scheinbar banalen Schlagwort verbirgt sich ein radikales Programm. Trumps Weltsicht ist eine Fusion aus innen- und außenpolitischen Annahmen, die man zwar alle bestreiten kann, die aber durchaus plausibel ineinandergreifen. Er glaubt, dass die Vereinigten Staaten wegen ihrer falschen Außenpolitik im Niedergang begriffen sind – insbesondere wegen der Unterstützung internationaler Allianzen, wegen verfehlter Kriege und nachteiliger multilateraler Handelsabkommen. Trump ist grundsätzlich davon überzeugt, dass Amerikas Führungsrolle in der freiheitlichen Weltordnung zum Nachteil der amerikanischen Bürger sei.

Diese Ordnung muss darum aufgekündigt werden. Das ist der Grund für seine Äußerungen über die Nato ("obsolet") und den Freihandel. Andere Länder sollen mehr tun und mehr zahlen, wenn sie amerikanische Dienste benötigen. Die Vereinigten Staaten hingegen sollen sich auf ein klar definiertes Bündel nationaler Interessen konzentrieren, die sie künftig ausschließlich bilateral mit passenden Partnern in einzelnen "Deals" verfolgen sollen.

Die Ideologie des "Amerika zuerst" bestimmt, wie Donald Trump die Macht der USA sieht, welche Idee von Ordnung er verfolgt und in welchem Stil er regieren wird. Woher stammt diese Denkweise, wie versteht Trump sie, und was bedeutet sie für die Welt?

Es ist eine Legende, Trump habe keine eigenen Überzeugungen und folge jeweils dem letzten Berater, mit dem er zu tun gehabt habe. Der US-Politologe Thomas Wright hat schon vor dem Wahlsieg beschrieben, dass Trumps Weltsicht im Wesentlichen seit Jahrzehnten gleich geblieben ist.

Vor 30 Jahren bereits hat Trump zum stolzen Preis von 95.000 Dollar eine ganzseitige Anzeige in der New York Times und der Washington Post geschaltet, um die Nation damit vertraut zu machen. Die Schlagzeile forderte "ein bisschen Rückgrat in Amerikas Außen- und Verteidigungspolitik", darunter stand ein offener Brief von Donald J. Trump. In ihm ist das gesamte Programm schon enthalten, mit dem er nun, drei Jahrzehnte später, ernst macht: Die Welt lache über Amerika, das anderer Leute Sicherheit garantiere (damals noch Saudis und Japaner, heute auch Europäer), die wiederum über ihre Marktmacht (damals durch Öl und Toyota, heute auch BMW) dem amerikanischen Arbeiter das Geld aus der Tasche zögen und in den USA Arbeitsplätze vernichteten. Auch die Konsequenz war schon klar: Die betrügerischen Partner, schrieb Trump, sollten sich selbst verteidigen oder die USA dafür bezahlen. Gegen ihre Marktmacht empfahl Trump das Rezept: Einfuhrzölle hoch, Steuern für Amerikaner runter.