Nur hieß das Programm damals noch nicht "America First". Wie es zu Trumps Adoption dieses Slogans kam, ist nicht ohne Ironie. Ursprünglich fanden Kritiker wie der Politologe Wright und der New York Times-Journalist David E. Sanger, das Label passe für das nationalistische Programm des Kandidaten. Dabei war die Anspielung auf die unrühmliche Geschichte von "America First" Absicht: Der amerikanische Fliegerheld Charles Lindbergh, ein Isolationist und Hitler-Sympathisant, hatte in den 1930er Jahren unter diesem Schlagwort Amerikas Eintritt in den Zweiten Weltkrieg verhindern wollen. Trump aber setzte sich über seine Kritiker hinweg und machte sich das Label offensiv zu eigen, das ihn brandmarken sollte.

Zwei Männer sind zu seinen entscheidenden Stichwortgebern geworden: Der Chefberater Stephen Bannon und der Nationale Sicherheitsberater Michael Flynn. Der ehemalige Chef der rechten Website Breitbart News und der Ex-Direktor der Defence Intelligence Agency sind beide radikale Außenseiter in ihren ehemaligen Berufsfeldern. Bannon steht wegen der teils hetzerischen Berichterstattung von Breitbart über Frauen, Liberale und Minderheiten unter Verdacht, ein Rechtsextremer und xenophob zu sein. Flynn wurde wegen seiner verschwörerischen Führungsmethoden geschasst. Zwei Opfer des Establishments – so sehen sich Bannon und Flynn, und eben darum passen sie perfekt zu Trump. Bannon ist der wichtigere. Er liefert die grundlegenden Ideen für "America First", Flynn ist für die geopolitisch-militärische Umsetzung zuständig. Die schockierende Inaugurationsrede Trumps geht eindeutig auf den Input dieser beiden Berater zurück.

Will man verstehen, was der Präsident mit "America First" meint, muss man sich zuerst mit dem Denken von Stephen Bannon beschäftigen. Der 63-Jährige scheut die Öffentlichkeit. Nur ein einziger Reporter hat seit der Wahl Zugang zu dem Präsidentenberater gehabt – der New Yorker Journalist Michael Wolff, der unter anderem für die Tageszeitung USA Today arbeitet. Er hat mehrfach ausführlich mit Bannon sprechen können. Nach der Inaugurationsrede ist Wolff überzeugt: "Bannon ist Trumps Gehirn."

Trumps Chefberater träumt von einer weltweiten Kulturrevolution

Die Ansprache an die "vergessenen Männer" im deindustrialisierten Rostgürtel, die vom globalisierten Kapitalismus nicht mitgenommen werden; die Attacke auf das sich selbst bereichernde "Establishment"; das Bild von einer Gemeinschaft der Patrioten in einem schlanken, aber starken Staat, der sich darauf konzentriert, Jobs zu schaffen, Sicherheit zu gewährleisten und das "amerikanische Massaker" in den Innenstädten zu stoppen – all diese Elemente von Trumps Rede sind nach Einschätzung Wolffs purer Bannon.

"America First" ist eine rechte Parole, die weit nach links anschlussfähig ist. Stephen Bannon ist ein scharfer Kritiker des Finanzkapitalismus, wie man aus einer im Internet dokumentierten Rede erfahren kann, die er im Sommer 2014 zu einer Konferenz konservativ-kirchlicher Intellektueller im Vatikan beigesteuert hat. Der ehemalige Banker von Goldman Sachs spricht da von einer spirituellen Krise des Kapitalismus, der Menschen zu Waren degradiere. Er müsse zurückgeführt werden zu seiner eigentlichen Bestimmung: Wohlstand für die Breite der Gesellschaft zu schaffen. Bannon klingt fast wie ein Occupy-Jünger, wenn er in seiner Vatikan-Rede die "Partei von Davos" angreift, jene liberale Elite, die auf dem Rücken der Mittelschicht den "Globalismus" predige, in dem Waren, Geld und Menschen frei zirkulierten. Er will dagegen eine andere globale Vision setzen: nationale Souveränität, markiert durch Zölle und Grenzen; starke Staaten, die sich gesellschaftspolitisch zurückhalten, zusammengehalten durch glühenden Patriotismus; eine christlich-jüdische, national-kapitalistische Formation von Vaterländern, die nach außen wehrhaft und zu allem bereit sind im unerklärten Weltkrieg gegen den "islamischen Faschismus".

In Bannons Traum von Amerika klingt eine nostalgische Vision der Nachkriegszeit an. Dem Journalisten Wolff hat Bannon anvertraut, "er denke im Grunde ähnlich wie ein Demokrat in den fünfziger Jahren". Damals kümmerte sich die Linke noch um die Arbeiter, Amerika war die dominante Weltmacht, überall auf dem Globus respektiert. Die amerikanische Industrie bescherte den meisten Amerikanern ein gutes Einkommen.

Doch Bannon denkt über Amerika hinaus. Er will als Vorreiter einer Internationale der Nationalisten die ganze Welt über kurz oder lang wieder in eine Vielzahl von starken Nationalstaaten mit klaren Grenzen zurückversetzen. Darum unterstützt er den Brexit und Marine Le Pen. Das Zurückrollen der Freihandelspolitik ist nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen gewünscht: Ziel ist eine weltweite Kulturrevolution. Das ist der Kontext, in dem der Ausstieg aus dem Handelsabkommen TPP zu sehen ist, den Präsident Trump am Montag ratifizierte. Die Aufnahmen aus dem Oval Office zeigen neben dem Präsidenten seinen lächelnden Berater Bannon. Ein erster Schritt ist gemacht.

Der Kampf gegen den "radikal-islamischen Terrorismus (...), den wir vom Erdboden auslöschen werden" (Trump), ist der Punkt, in dem sich Bannon und der zweite Vordenker von "America First" treffen. Generalleutnant Michael Flynn war im Wahlkampf bereits das Gesicht der Trumpschen Sicherheitsdoktrin. Er hat jüngst ein Buch über das "Kampffeld" ("Field of Fight") veröffentlicht, auf dem er die USA sieht. Es ist eine verstörende Lektüre.