Flynn ist davon überzeugt, die Vereinigten Staaten stünden einer "internationalen Allianz böser Länder und Bewegungen gegenüber, die uns zerstören wollen". In dieser "Arbeitskoalition" befinden sich Nordkorea, China, Russland, Syrien, Kuba, Bolivien, Venezuela, Nicaragua – und ganz zentral der Iran. Die Kooperation der Schurken findet laut Flynn statt auf der Grundlage irrationalen Hasses auf das beste Land der Welt, die USA. Er vereine "Dschihadis, Kommunisten und Tyrannen aller Art". Als Hauptantreiber des globalen Kriegs gegen die wohlwollenden USA hat Flynn den Iran ausgemacht.

In der Tat gehört Amerikahass im Iran seit der Revolution zum Machtinstrumentarium des Regimes. Dennoch ist Flynns Iran-Fixierung höchst eigenartig. Je tiefer man in sein Denken einsteigt, umso konspirativer wirkt es. "Die Dschihadisten glauben", dass sie gewinnen, schreibt er, "und das glaube ich auch." Der schiitische Iran soll hinter dem sunnitischen Dschihadismus des "Islamischen Staates" stecken? Solche Widersprüche scheint der Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten nicht zu kennen. Er will den "Weltkrieg" gegen den "radikalen Islam" mit dessen "Elimination" krönen. Der Deal der Obama-Regierung mit dem Iran war entsprechend ein schlimmer Fehler, der korrigiert werden muss. Statt 2003 im Irak einzumarschieren, schreibt Flynn, hätte man damals schon den Regimewechsel in Teheran anstreben müssen.

Es fällt schwer, sich einen erratischen Kopf wie Michael Flynn auf Dauer als Türhüter zwischen dem Präsidenten und dem riesigen amerikanischen Sicherheitsapparat vorzustellen – Nuklearwaffen inklusive. Aber so ist es einstweilen.

Amerikas neue Außenpolitik schert sich nicht mehr um Werte

Man kann mit bloßem Auge vier Grundzüge der Außenpolitik nach dem Motto "America First" erkennen: Sie ist isolationistisch – keine Beteiligung an militärischen Aktionen ohne direkten Bezug zur nationalen Sicherheit (man erinnere sich an das Zögern der USA vor dem Eintritt in beide Weltkriege).

Sie ist protektionistisch – an höchster Stelle steht der Schutz vor unfairem Wettbewerb (was sowohl Strafzölle gegen China als auch eine Mauer gegen irreguläre Migration beinhaltet, beides zum Schutz einheimischer Arbeiter).

Sie ist transaktionistisch – und bedeutet damit einen Bruch mit dem Selbstverständnis der USA als Hegemon, der als Vorleistung Institutionen bereitstellt (Nato, UN, Nafta), die ihm nicht unmittelbar gleich viel nutzen wie seinen Partnern.

Sie ist realistisch – in dem Sinn, dass ein starker Präsident mit anderen Führern ungeachtet ideologischer Differenzen und ohne Rücksicht auf Werte Deals im eigenen Interesse abmachen sollte, etwa mit dem russischen Präsidenten.

Anders als sein Boss traut Generalleutnant Flynn den Russen nicht, er wäre aber bereit, um des höheren Zieles willen mit Putin zusammen den Islamismus auszuradieren. Schon vor der Wahl hat er nach Berichten amerikanischer Medien Kontakte zu russischen Stellen gesucht, um ein Treffen zwischen Trump und Putin zu vermitteln. Zeitweilig wurden diese Aktivitäten wegen möglichen Landesverrats sogar vom FBI untersucht – ohne Ergebnis.

Selbst wenn Michael Flynn von einem Skandal hinweggefegt würde, wäre "America First" nicht am Ende. Auch ohne diesen Dr. Seltsam des amerikanischen Sicherheitsapparats würde Trumps Weltsicht die internationale Politik herausfordern.

Schon früher hat es Angriffe auf die liberale Weltordnung gegeben. Heute kommen sie aus dem Weißen Haus.

Mitarbeit: Kerstin Kohlenberg

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