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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Osmanische Reich von einem despotischen Sultan regiert. Er hatte ein äußerst repressives Regime errichtet, mittels einer ganzen Armee von Spitzeln alle Gegner zum Schweigen gebracht und die Presse einer scharfen Zensur unterworfen. Intellektuelle, die dennoch ihre Stimmen gegen Sultan Abdulhamid erhoben, fanden in den Hauptstädten Europas Zuflucht. Die "Jungtürken", unter diesem Namen schrieben sie Geschichte, fanden im Westen eine Atmosphäre der Freiheit, in der sie Zeitungen und Zeitschriften herausgaben, gegen den Absolutismus kämpften und für den Konstitutionalismus.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es heute aufgrund der neuen despotischen Regierung in der Türkei einen neuen Zustrom gen Westen, vor allem nach Deutschland. Diese Migranten unterscheiden sich sehr von denen, die in den 1960ern und 1970ern kamen. Unter ihnen sind Akademiker, Journalisten, Schriftsteller, Künstler, Politiker. Gemeinsam ist ihnen die Opposition dem repressiven Regime gegenüber. Sie vertreten unterschiedliche Positionen, kämpfen aber alle gegen Despotismus und für Demokratie. Und die meisten von ihnen organisieren sich im Umfeld von in Berlin gegründeten Medien.

Berlin hat schon früher erfolgreiche Exilmedien beherbergt. Ein Beispiel ist der Sender Meydan TV, der sich an Aserbeidschan richtet. Und jetzt, da sich die Türkei in ein großes Gefängnis für Medienmenschen verwandelt hat, sind es türkische Journalisten, die von Berlin aus jene freie Publizistik ins Leben rufen, die sie in ihrem Land vermissen. Allein in der letzten Woche sind zwei Internetseiten dieser Art an den Start gegangen. Einmal ein türkisch-deutsches Portal unter dem Dach der taz. Und dann die ebenfalls zweisprachige Web-TV-Seite Özgürüz ("Wir sind frei"), die wir gemeinsam mit Correctiv, einer deutschen Initiative für investigativen Journalismus, gegründet haben.

Beide Plattformen wurden von jüngst aus der Türkei emigrierten Journalisten in Kooperation mit seit Jahren in Deutschland tätigen Kollegen aufgebaut. Im Augenblick sind mindestens drei bis vier weitere solcher Medien in der Gründungsphase, darunter Ableger von in der Türkei verbotenen Fernsehsendern und Zeitungen. Die Gründer sind Journalisten, die in der Türkei Repressionen ausgesetzt waren und denen dort Haft oder Lebensgefahr droht.

Der Staatsminister für Europa, Michael Roth, sagte vor zwei Monaten, Deutschlands Türen stünden Politikern, Journalisten, Künstlern und Akademikern offen, die in ihrer Heimat verfolgt werden. Auf diesen Wink hin erhöhte sich die Zahl der Emigranten weiter. An deutschen Universitäten arbeiten inzwischen rund hundert Akademiker, die in der Türkei angeklagt wurden, weil sie einen Aufruf zu einem Friedensschluss mit den Kurden unterzeichnet hatten. Es sieht ganz danach aus, dass dieser ersten Welle, vermutlich künftig als "2016er Migranten" bezeichnet, in naher Zukunft weitere folgen.

Die neue Türkei-Diaspora mit Zentrum in Berlin, die kritischen Stimmen, die sich in der Freiheit erheben, lassen Ankara zweifellos die Haare zu Berge stehen. Andererseits ist nicht zu vergessen, dass Ankara in Deutschland selbst Lobbyarbeit für die Regierungslinie betreibt, insbesondere mithilfe von Religionsvertretern. Aller Voraussicht nach entwickelt sich Berlin zu einem neuen Zentrum der Konfrontation zwischen diesen beiden Kreisen, die in der Türkei zum Teil offen ihre Konflikte austragen. Ob die Polarisierung sich verstärkt auf Berlin überträgt oder ob sich in der multikulturellen Stadt neue Wege des Dialogs finden, wird die Zeit erweisen. Nicht schwierig ist es dagegen, anzunehmen, dass Leser und Zuschauer, deren Recht auf Information in der Türkei eingeschränkt ist, ab sofort ihre Aufmerksamkeit auf Berlin richten werden, um hier daheim zensierte Nachrichten und verbotene Stimmen zu hören.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe