Vor wenigen Wochen wäre es noch als Witz durchgegangen, dass ein Trainer vom FC Chelsea das große Geld als Gefahr für den Fußball sieht. Jenem Nobelclub aus Westlondon, der seit der Übernahme durch den Multimilliardär Roman Abramowitsch im Jahr 2003 für weit mehr als eine Milliarde Euro Spieler eingekauft hat.

Geld war seitdem ziemlich nebensächlich, weil es genug davon gab. 2006 kam der Ukrainer Andrej Schewtschenko für einen damaligen britischen Rekordwert von 30 Millionen Pfund, ein paar Jahre später folgte der Spanier Fernando Torres für 50 Millionen. Solche und viele weitere Transfers provozierten ein Aufrüsten anderer Clubs. Hohe achtstellige Transfersummen sind heute nichts Besonderes mehr.

Aber um den Jahreswechsel war es dann doch Chelsea-Trainer Antonio Conte, der sich echauffierte. "Wir sprechen hier von Zahlen, die einfach nicht richtig sind", murrte er, fassungslos dreinblickend, nachdem ein chinesischer Club dem Champions-League-Sieger Real Madrid 300 Millionen Euro Ablöse und 100 Millionen Jahresgehalt für Cristiano Ronaldo geboten hatte. Knapp zwei Wochen später wechselte mit dem brasilianischen Jungstar Oscar, wohl gelockt mit 25,5 Millionen Dollar pro Jahr, viermal so viel wie bisher, schon der zweite Spieler in einem Jahr von Chelsea nach China. Conte brodelte: "Der chinesische Markt ist eine Gefahr für alle. Für alle Clubs der Welt, nicht nur für Chelsea."

Seit die chinesische Regierung vor zwei Jahren ein üppiges Förderprogramm aufstellte, lässt das Geld dieser namenlosen Clubs die bisher erfolgreichsten Vereine der Welt fast mittellos erscheinen. Der Argentinier Carlos Tévez, der Ende Dezember Boca Juniors Buenos Aires verließ, soll bei Shanghai Shenhua in zwei Jahren rund 80 Millionen Euro verdienen. Für den Brasilianer Alex Teixeira, der trotz einer Offerte des FC Liverpool, dessen Eigentümer, Fenway Sports Group, auch der US-amerikanische Baseballclub Boston Red Sox gehört, bei Jiangsu Suning unterschrieb, erhielt sein bisheriger Club, der durch einen ukrainischen Finanzmilliardär hochgezüchtete Schachtar Donezk, 50 Millionen Euro. Und schon in der Winterpause vor einem Jahr hatte allein Chinas zweithöchste Spielklasse mehr Transfergeld ausgegeben als Deutschlands Erste Bundesliga.

Trotz der neuen Dimensionen: Auf den ersten Blick sieht das alles aus wie ein Déjà-vu. In den 1970er Jahren versuchten die USA, durch Verpflichtungen von Pelé und Franz Beckenbauer eine starke Fußballliga zu bauen. Anfang der 1990er Jahre holten japanische Clubs für die neu gegründete J-League die deutschen Weltmeister Guido Buchwald und Pierre Littbarski. In den nuller Jahren zogen russische Clubs und solche aus dem Nahen Osten nach. Stefan Effenberg spielte für Al-Arabi in Katar, Roberto Carlos beim bis dahin klanglosen Verein Anschi Machatschkala in Russland. Aber unterm Strich, das zeigt die Erfahrung, konnte kein Land die Vormachtstellung europäischer Clubs angreifen. Zumindest schnelles Geld schießt noch keine Tore.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 5 vom 26.1.2017.

Auch China hat viel vor. Bis 2050, so die Zielvorgabe des Staatspräsidenten Xi Jinping, soll das Land Weltspitze sein. Es wurde auch schon laut vom WM-Titel geträumt. In dem Reformpapier von 2015 ist zudem von der "Wiederbelebung des Fußballs" die Rede, da man in China doch lange vor den Engländern ein dem heutigen Fußball verwandtes Spiel erfunden habe. Dass es bis dahin noch ein weiter Weg ist, hat der Ex-Londoner Oscar nach seiner Ankunft in Shanghai schon zugegeben: "Natürlich ist die englische Liga stärker. Ich komme, um zu helfen." Es sei aber eine Frage der Zeit, meint er, bis Chinas Liga das Niveau europäischer Länder erreiche.

Ist es das wirklich? Da scheiden sich derzeit die Geister. In der Bundesliga, wo man es sich mit dem boomenden chinesischen Markt lieber nicht verscherzen will, bezeichnet ein Cluboffizieller, der nicht genannt werden will, die jüngsten Transfers als "sehr ungesunde Entwicklung", die dafür Verantwortlichen hätten "keine Ahnung von Fußball". Als Meistertrainer Ottmar Hitzfeld ein Jobangebot aus China erhielt, 25 Millionen Euro für eineinhalb Jahre, lehnte er ab: So etwas müsse er sich nicht antun, da spiele er lieber Golf, außerdem werde er Opa. Arjen Robben erzählte bei Bayern München, dass er in China jetzt sechsmal so viel verdienen könnte, aber trotzdem nicht hingehen würde. Es gebe eben kaum Mitspieler, die annähernd sein Niveau hätten. So müssten chinesische Clubs umso mehr Geld bieten, um hochkarätige Fußballer zu überzeugen.

Andere glauben, dass das Land immer attraktiver sein wird. "Binnen der nächsten zehn Jahre dürfte die Chinese Super League zu den zehn stärksten Spielklassen der Welt gehören", sagt Alexander Jarvis. Seit drei Jahren pendelt Jarvis für sein Unternehmen Blackbridge zwischen London und Peking, berät Superreiche aus den USA und China, die europäische Fußballclubs kaufen wollen. Viele der chinesischen Klienten, berichtet Jarvis, wollen sich mittlerweile auch am heimischen Fußball beteiligen. Von den 16 Erstligaclubs hat die Hälfte einen Immobilienkonzern im Rücken. Bei Guangzhou Evergrande, dem Rekordmeister, der zuletzt von Marcello Lippi trainiert wurde und derzeit von Felipe Scolari, stieg auch der Onlinehandelsriese Alibaba ein, der 2014 den größten Börsengang aller Zeiten machte.