Der Zug im März 1941 von Tallinn in das ostpreußische Laugszargen war für viele die letzte Hoffnung. In ihrem Pakt hatten Adolf Hitler und Josef Stalin anderthalb Jahre zuvor die kleine Republik Estland der sowjetischen Einflusssphäre zugesprochen. Tatsächliche und vermeintliche "Volksdeutsche" konnten nach Nazideutschland umsiedeln. Auch viele Esten nutzten die Chance, um der sowjetischen Repression zu entgehen. An Bord des Flüchtlingszuges war die Familie Van der Bellen, liberale russische Aristokraten, die nach der Revolution 1919 in das Baltikum entkommen waren und nun wieder ihre Koffer packen mussten und vor dem sowjetischen Repressionsapparat flohen.

Diese Flucht wurde ihrem Sohn Alexander Van der Bellen im vergangenen Präsidentschaftswahlkampf zum Vorwurf gemacht. Die Sache sei aufklärungsbedürftig, hieß es vonseiten der FPÖ, denn sie hätte wohl nur dank guter Verbindungen zu hochrangigen Nazis erfolgen können. Ähnliches hatte bereits Jahre zuvor der ehemalige Landeshauptmann Herwig van Staa von der Volkspartei behauptet. Einen Beweis dafür, dass Van der Bellen senior Kontakt mit Nationalsozialisten gehabt oder ihnen gar ideologisch nahegestanden war, gibt es keinen – nicht einmal ein Indiz. In dem Zug saß aber noch ein anderer Passagier, dessen Name weitgehend unbekannt ist, der aber zunächst den Nazis diente und später eine wichtige Rolle in der ÖVP der Nachkriegszeit spielte: Hjalmar Mäe.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Eltern Alexander Van der Bellens an jenem Märztag 1941 mit dem rechtsradikalen Tallinner Lokalpolitiker, der in den zwanziger Jahren in Österreich studiert hatte, ins Gespräch kamen. Im umfangreichen Nachlass Mäes findet sich kein Hinweis auf die Familie, auch Alexander Van der Bellen selbst hat den Namen Hjalmar Mäe noch nie gehört.

Die Wege trennten sich in einem bayerischen Lager. Während die Van der Bellens in Wien, wo Alexander junior drei Jahre später zur Welt kam, mit dem Wiederaufbau einer bürgerlichen Existenz begannen, zog es den estnischen Politiker nach Berlin. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Estland wurde er wieder nach Tallinn entsandt. Alfred Rosenberg, der Reichsminister für die besetzten Ostgebiete, ernannte ihn zum "Ersten Landesdirektor der estnischen Verwaltung".

Die Funktion erfüllte Mäe ganz im Sinne der Nazis. Eine internationale Historikerkommission, eingesetzt vom estnischen Staatspräsidenten, kam 1998 zu dem Schluss, Mäe trage Mitverantwortung an der Ermordung von Tausenden Juden, Roma und auch Esten, die der Zusammenarbeit mit den Sowjets verdächtigt wurden.

In Österreich nach 1945 wog diese Vorgeschichte nicht schwer. Hjalmar Mäe wurde rasch österreichischer Staatsbürger und hinter den Kulissen zu einem einflussreichen Berater von ÖVP-Politikern. Die Partei hat dieses Kapitel ihrer Geschichte nie aufgearbeitet.

Mäe legte bis an sein Lebensende Wert darauf, als "Ministerpräsident a. D." tituliert zu werden. Seine Rolle in Estland redete er jedoch klein: Die Selbstverwaltung habe kaum Gestaltungsspielraum gehabt. Er habe vor allem versucht, durch geschickte Taktik die staatliche Selbstständigkeit Estlands wiederzuerlangen und deutsche Willkürakte zu verhindern.

Nach 1945 intervenierte Mäe in Deutschland wiederholt für seinen guten Bekannten Martin Sandberger: Der SS-Standartenführer war als einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust in Estland 1948 in Nürnberg zunächst zum Tode verurteilt, dann zu lebenslanger Haft begnadigt und schließlich 1958 freigelassen worden. Im Jahr 1977 bezeichnete ihn Mäe in einem Brief noch als "einen der besten Männer", dessen Haftentlassung er seinerzeit über Hans Globke erreicht habe, der bis 1963 Chef des deutschen Bundeskanzleramtes unter Konrad Adenauer war. Sandberger starb als einer der letzten NS-Kriegsverbrecher 2010 in einem Stuttgarter Altersheim.

Im Kalten Krieg fand Mäe eine neue Berufung als Sowjetexperte

Dem estnischen Landesdirektor Mäe blieb bis zu seinem Lebensende ein Strafprozess erspart. Bevor die Rote Armee im September 1944 Estland zurückeroberte, floh er erneut ins Deutsche Reich und tauchte schließlich in Altaussee unter. Das Dorf im Salzkammergut avancierte in den letzten Kriegsmonaten zum beliebten Rückzugsorte für Nazigrößen. In Mäes Nachbarschaft wohnten August Eigruber, damals Gauleiter von Oberdonau, und der Sicherheitspolizeichef Ernst Kaltenbrunner. Beide wurden später als Kriegsverbrecher hingerichtet.