Reetdächer: hyggelig, ohne Frage © Patrick Ohligschläger

Nicht weit vom Schloss, in Ribe, der ältesten Stadt des Landes, blicken wir in die gardinenlosen Stuben von Backsteinhäusern, etwas schief ins Leben gebaut und von den Jahrhunderten voll Wind und Wetter zerbeult. Die Bewohner winken, schüchtern winken wir zurück. Wir trauen uns nicht, zu klingeln. Also spazieren wir in die Fußgängerzone, wo neben Restaurants mit Plüschseehunden, Standuhren, Tafelsilber, selbst gebrautem Bier und 20 Sorten Aquavit vor einigen Monaten Timothy Ibbitson seine Schokoladenmanufaktur eröffnet hat. Sein Geschäft ist so applestoreweiß, wie man heute eben Läden einrichtet, einzig seine Produkte schimmern in satten Farben. Schokolade: auch hygge.

Timothy ist in Kanada aufgewachsen, und dort gibt es ein ähnliches Konzept wie hygge: hominess. Vielleicht, sagt er, sehnten sich viele Menschen heute nach Stille, nach Momenten, in denen sie niemand stört. Vielleicht nach einem Buch im Schein einer Kerosinlampe. Hygge, sagt er, das bedeute für ihn aber vor allem: Essen. Er reicht uns seine Schokolade, kleine Halbkugeln mit Aromen von Lavendel, von Anis, von Rhabarber und, huch, was ist denn das? Timothy lebt hier seit sechs Jahren. Beim Bäcker schräg gegenüber hat er hospitiert. Der sei Weltklasse, sagt Timothy, aber leider wegen Umbaus geschlossen.

Über selbst gebackenes Brot weiß natürlich auch der Glücksforscher Meik Wiking eine Menge zu sagen, weil sein Buch ja nicht nur erzählt, wie man ein Gefühl hindekoriert, sondern auch, wie man es sich erkocht: Rosinen in Portwein legen, Holundersirup in Flaschen füllen, Suppe mit Crème fraîche.

Worüber die Bücher allerdings schweigen: Langeweile. Und wie sich gereizte Langeweile anfühlt, weiß jeder, der einmal zu lange in einem Ferienhaus gesessen hat. Ich sehe aus dem Fenster, und die Dünen schrumpfen zu Sandhügeln. Ebbe und Flut nehme ich der Nordsee einen Augenblick lang sogar übel. Und habe ich den Osnabrücker SUV eben wirklich schon genauso angebrüllt wie zu Hause? Da helfen schöne Lampen nicht. Aus Langeweile kommt das Böse, hat Søren Kierkegaard einmal geschrieben. Müßiggang allerdings, das sei das wahre Gute. Und vielleicht hat der Däne Kierkegaard die erste Theorie von hygge verfasst, die obendrein viel simpler ist als alle Bücher mit drapierten Kissen und unbehandeltem Kiefernholz zusammen: "Ich nehme an, dass es des Menschen Bestimmung ist, sich zu unterhalten", schrieb er und meinte die Momente, in denen Augenblicke sich wieder zu Zeit zusammensetzen und alles dahinfließt wie ein ewiger Pfingstsonntag auf dem Lande.

Und deswegen gucken wir am letzten Abend zu, wie aus Kerze Kerz wird, dann Ker, dann K, dann wächserner Matsch. Wir essen ein Steak vom Schlachter der Insel. Wir legen Holz im Kamin nach, nicht ohne vorher darüberzustreichen und genau zu hören, wie es knistert. Wir trinken Rotwein, bis uns übel ist. Wir nehmen in drei Stunden 17 bis 29 Kilo zu. Wir schalten den Whirlpool an und versuchen, nicht an Donald Trump zu denken, der sich in einem Penthousejacuzzi aufsprudeln lässt und dabei Zigarre raucht und twittert; denn Politik ist nicht hygge, so viel haben wir gelernt. Wir schauen aus dem Panoramafenster hinaus, wo der Himmel gerade mit der ganzen RAL-Palette angibt. Und draußen liegt die Insel bald so still, dass man Angst hat, sie zu wecken. Es ist Ebbe, und die Möwen stochern in den Muscheln. Und schöner wäre die Welt ja ohnehin, wenn man Möwen Wollsocken anzöge.

Am nächsten Morgen steigen wir ins Auto. Es sind noch knapp zweihundert Kilometer bis zur Grenze, hinter der hygge wieder "Gemütlichkeit" heißt und man dabei an Eichenschrankwände denkt, an Kupferteller, den röhrenden Hirsch an der Wand und den Tatort mit Jan Josef Liefers. Hinter Flensburg drehe ich die Sitzheizung auf. Hygge ist ja das, was man draus macht.