Sie war die verwöhnte Tochter aus reichem Hause, sie war ihr Leben lang das kleine Mädchen, das seine Mutter weinen sah, weil der Vater sie betrog. Eine verwegene Reiterin, ehrgeizige Studentin der Literatur und Kunst – an der Sorbonne, Paris, dann Georgetown, Washington. Sie wurde eine der berühmtesten, elegantesten, traurigsten Frauen ihrer Zeit: Jacqueline Lee Bouvier, geboren 1929, gestorben 1994.

Das mit Jackie kam, nachdem sie 1953 den Sohn irischer Einwanderer John F. Kennedy geheiratet hatte. Er wurde Jack genannt und wurde 1961 Präsident der Vereinigten Staaten, und sie residierte mit ihm und den Kindern drei Jahre lang im Weißen Haus, das sie "Maison Blanche" nannte. Dann wurde Jack erschossen, am 22. November 1963. Niemand auf der Welt, der nicht vor Augen hätte, dass Jackie an diesem Tag ein Chanel-Kostüm in Pink trug. Alles verschmiert mit Blut. Was in Amerika passiert, ist ja oft großes Kino, insbesondere in Washington. Also überrascht es nicht, dass jetzt, zum Wechsel im Weißen Haus, eine filmische Neuinszenierung von "Jackie" in die Lichtspielhäuser lockt. Grandioser Aufritt: Natalie Portman als Jackie.

Man kennt ja so viele Bilder aus den Tagen um diesen furchtbaren 22. November herum, auf die sich der Film konzentriert. Unzählige Male hat man gesehen, wie die Air Force One in Dallas ausrollt und Jackie die Gangway heruntersteigt, vor ihrem Pink die Rosen. Die Fahrt in der Limousine, der trockene Sound der Schüsse. Ihr kreatürliches Davonkrabbeln über das Heck des Autos. Die Frau in Schwarz, der salutierende Sohn vor dem Sarg. Von all diesen Bildern löst sich der Film des chilenischen Regisseurs Pablo Larraín, der 13 Jahre nach dem Mord an Kennedy geboren wurde, ganz vorsichtig ab, und zwar auf atemberaubende Weise.

Man sieht einen Clip des ursprünglichen Materials, und während Jackie noch die Gangway herabschreitet, wird ihre Silhouette zu der von Natalie. Es ist der Triumph einer Metamorphose – die Portman eine Oscar-Nominierung einbrachte. Wie kann es nur sein, dass jemand sich eine Bewegung, die Haltung eines Kopfes, ein Lächeln, den Schwung des wippenden Haares so mimetisch perfekt anverwandelt? Und noch haben wir nicht von der Stimme geredet. Von diesem Jackie-Sound, den der New Yorker "fedrig" nannte, diesem atemlosen, unsicheren, lockenden, gehauchten, verführerischen Jackie-Geflüster. Portman beherrscht es perfekt, man möchte niederknien vor Bewunderung.

In diesem Sound von Jackie steckt alles, was sie war. Das Kind, das vor Unsicherheit bebt, die Frau, die um Liebe gurrt. Die als Bankierstochter geborene Bouvier, die weiß, wo es langgeht. All das ist jetzt Natalie Portman. Gut, ihr fehlt die Stabilität des Körperlichen, die Jackie bei aller Schlankheit hatte, die fast bäuerliche Breite des Gesichtes, ihr fehlen die Katzenaugen, signature eyes. Portman wirkt schmaler und zittriger, zugleich entschiedener und hysterisch, wo Jackie bis ins Eisige gehemmt wirkte. Portman verkörpert die Idee dieser Frau. Wie sie sich wenige Wochen nach Kennedys Tod einen Journalisten des Magazins Life krallt, um mit ihm über ein Narrativ zu verhandeln, das aus ihrer gescheiterten Ehe, dem krankhaft untreuen Mann und dem oft unsouverän wirkenden Präsidenten einen Traum von Camelot macht.

Camelot, Hof von König Artus. Erstmals beschrieben in einem Versepos von Chrétien de Troyes, circa 1177. Hier, von Jackie zitiert, in der Hollywood-Version aus dem Jahre 1960 (Richard Burton im Duett mit Julie Andrews). Die Musik stammt von Alan Jay Lerner (Ein Amerikaner in Paris). Ein Ohrwurm. "Don’t let it be forgotten that once there was a spot, for one brief shining moment, that was known as Camelot." Es ist dieser Musical-Sound, der den Film melancholisch umwölkt und bittersüß darauf verweist, dass er quasi die Dreharbeiten einer Inszenierung von Jackie abbildet. Die Inszenierung einer Frau, die sich mittels dieses Interviews für Life posthum eine Kulisse für ihre Träume bauen möchte, eine Hollywood-Filmkulisse.

Das ist raffiniert, und könnte noch raffinierter sein. Zu diskret wird der Abstand angedeutet, den der Artusritter Jack zu dem sexbesessenen Politiker hatte, der seine Ehe ruinierte – und eine nachträgliche Ehrenrettung dieser Ehe umso dringlicher machte, inklusive der ebenfalls von Jackie inszenierten spektakulären Trauerfeier. Ihr Kampf um einen Trauermarsch mit den Staatsoberhäuptern der Welt ist auch der Kampf einer Frau um ihren Platz in der Geschichte.

Im Film wird Jackies Gesprächspartner nicht benannt, es war Theodore H. White, der sein Interview zu einem emotional vibrierenden Stück zusammenfasste. Die Erzählung beruht aber wesentlich auf den erst vor fünf Jahren veröffentlichten Tapes von Arthur Schlesinger jr., die intime Geständnisse der First Lady aus den Wochen nach dem Schock preisgaben.

Jackie kommt im Film gelegentlich als Püppchen rüber, das sich in der Dekoration des Hauses verzettelt – dabei war ihre Aufmöbelung des Weißen Hauses ein Meisterstück kultivierter historischer Rekonstruktion, die der Nation erstmals die Vision eines nationalen Monuments vor Augen stellte. Aber man soll nicht zu viel meckern über das, was fehlt, oder darüber, dass Caspar Phillipson als Jack längst nicht so überzeugend ist wie Natalie Portman als Jackie. Weil dieser Film der Jackie, die wir alle kennen, so vieles hinzufügt. Dialoge, in denen sie mit Witz und Stil rüberkommt. Szenen einer existenziellen Verlorenheit, wenn sie sich endlich, viele Stunden nach dem Attentat und zurück in Washington, das blutige Kleid vom Körper reißt. Sie allein im Bett. In ihren Pumps im nassen Grass zwischen den Gräbern des Friedhofes von Arlington herumirrend. Das ist großes Kino, wie auch Jackie es liebte.