Jedes Geschäft hätte ich ausräumen können, ich hatte ja mein System", sagt Herr H. Der zahnlose Mund zieht sich bitter zusammen. Aber der 72-Jährige, der sich einen "alten Einbrecher" nennt, hatte bei seinem letzten Einstieg in ein Geschäft die Überwachungskamera nicht im Visier, die an einer gegenüberliegenden Bank hing. Herr H. humpelt aauf dem Weg in seine Zelle, er hat eine Hüft-OP hinter sich. Damit zählt er noch zu den fittesten Häftlingen in einem Gebäude, das wie ein veraltetes Krankenhaus aussieht, wären da nicht die Eisenstäbe vor den Fenstern und Stahltüren mit Durchreiche, die laut ins Schloss krachen.

Die Sonderkrankenanstalt Wilhelmshöhe gehört zu den Antworten der Justiz auf den demografischen Wandel. In der Außenstelle der Justizanstalt Josefstadt, die auf einem bewaldeten Hügel in der Nähe von Pressbaum liegt, wurden ursprünglich tuberkulosekranke Häftlinge versorgt. Die gibt es zwar immer noch, aber Primar Friedrich Knechtel, ein Lungenfacharzt in Jeans und blauem Pulli, der eher wirkt wie ein Sozialarbeiter, übernimmt zunehmend geriatrische Fälle aus der ganzen Republik. "Gut Aiderbichl" wird die Sonderkrankenanstalt im Knastjargon genannt.

Immer mehr Ältere und Kranke sitzen hinter Gittern. Die Zahl der über 60-jährigen Häftlinge hat sich in Österreich seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt, 331 waren es im vergangenen September oder 3,75 Prozent aller Insassen: Täter, die nicht für haftuntauglich erklärt werden und für die von der Justiz Betreuungsformen gefunden werden müssen. Menschen, für die das Gefängnis zu einem Altersheim wird und immer öfter auch zur letzten Station im Leben.

Es riecht nach Fisch. "Sehr einfallsreich, das Freitagsmenü", feixt Primar Knechtel den jungen Häftlingen zu, die an der Fritteuse der Knastküche stehen. Ein Viertel der 45 Insassen auf der Wilhelmshöhe sind Systemerhalter: gesunde Häftlinge, die in einem gesonderten Trakt einsitzen und als Handwerker, in der Wäscherei oder in der Küche die Struktur am Laufen halten. Die Ordination von Knechtel liegt im Erdgeschoss gleich neben der kleinen Frauenabteilung. Drei Plätze sind belegt, eine Krankenschwester hört soeben ein letztes Mal die Brust einer 89-Jährigen ab. Dann soll die wegen Mordes verurteilte, kaum ansprechbare Frau in eine geschlossene Anstalt überstellt werden.

Im Obergeschoss sitzen im Schnitt 30 Männer ein, der älteste an diesem Januartag ist 83. Manche sind in Sechsbettzellen untergebracht, andere in Einzelhaft, weil sie an einer ansteckenden Krankheit leiden oder nicht sozialverträglich sind. Es gibt Männer, die intubiert und regungslos im Krankenbett liegen, andere stützen sich auf den Rollator. Der hüftoperierte Herr H. rührt in seiner Zelle im Kochtopf, weil ihm der Kantinenfisch nicht schmeckt. Rund um die Uhr kümmern sich der Primar, eine zweite Ärztin und sieben Krankenpfleger um die Patienten, die von Alzheimer über Diabetes bis Krebs an vielen gängigen Alterskrankheiten leiden.

Sieben Männer seien allein im letzten Jahr rund um ihn herum gestorben, erzählt ein 80-Jähriger, Tränen sammeln sich in seinen Augen. "Das wirft einen jedes Mal zurück, wenn einer daneben stirbt, und man kann nichts dagegen machen."

Das Röcheln eines Mithäftlings ist über den ganzen Flur zu hören. Herr K., ein Mann mit volltätowierten Armen, hat drei Bypässe, COPD – besser bekannt als Raucherlunge – in höchster Stufe und Ventile in der Brust, die das Atmen erleichtern sollen. Immer wieder bricht die Stimme, wenn der 67-Jährige über seine Vergangenheit spricht und über die Zeit, die ihm noch bleibt.

Seine Biografie klingt wie aus dem Ganoven-Drehbuch: aufgewachsen zwischen Pflegeeltern und Erziehungsanstalten, rasch ein gefürchteter Kopf der Wiener Unterwelt, der sich schon als Jugendlicher in den sechziger Jahren an der Seite von berüchtigten Kriminellen wie den "Schmutzer-Buam" behauptete. "Ich war schwerstgewalttätig", sagt er, "draußen und drinnen." Eineinhalb Liter Schnaps habe er oft am Tag getrunken, selber gebrannt in seiner Zelle in der Justizanstalt Garsten. "Oft bin ich munter geworden und hab nix gewusst, dann hab ich wieder einen niedergehaut." Fast 40 Jahre seines Lebens hat Herr K. im "Häfn" verbracht, kam manchmal nach ein paar Jahren wieder frei, brach andere Male aus und wurde per Steckbrief weltweit gesucht.