Munter hingegen lesen sich die über alle Bände verstreuten Darstellungen des Geldwesens, der Welt der Banker und der Zusammenbrüche erschwindelter Imperien. Auch damals schlugen Finanzkrisen, provoziert von Spekulanten, auf die Industrie zurück, was Marx empörte. Er schrieb: "Diese Bande weiß nichts von der Produktion und hat nichts mit ihr zu tun."

Allerdings ist damit Das Kapital nicht begriffen. Für dessen Verständnis führt kein Weg an der Theorie vorbei, genauer: an den ersten 15 Seiten sowie an dem kurzen zweiten Kapitel. Diese Passagen begründen die Werttheorie, auf der alles andere beruht. Sie sind der anstrengendste Lesestoff des Kapitals. Allerdings bieten sie literarischen Genuss; schreiben konnte Marx wahrhaftig.

Er fragt: "1 Quarter Weizen = a Ztr. Eisen. Was besagt diese Gleichung? Dass ein Gemeinsames von derselben Größe in zwei verschiednen Dingen existiert, in 1 Quarter Weizen und ebenfalls in a Ztr. Eisen." Marx fragt weiter: Was ist dieses Gemeinsame? Es müsse etwas anderes sein als die physische Substanz dieser beiden Waren, etwas anderes als ihr jeweiliger Gebrauchswert. Doch "sieht man nun vom Gebrauchswert der Warenkörper ab, so bleibt ihnen nur noch eine Eigenschaft, die von Arbeitsprodukten". Ihnen ist gemeinsam, dass sie Produkte von Arbeit im abstrakten Sinne sind, von "abstrakter Arbeit", wie Marx sie nennt, was für ihn auch heißt: von "durchschnittlicher Arbeit". Sie erzeuge den Wert.

Somit ergebe sich die Höhe des Warenwerts daraus, wie viel Arbeitszeit die Herstellung der jeweiligen Ware durchschnittlich kostet. Solche Durchschnittsarbeit hatte Marx im früh industrialisierten England direkt vor Augen. Damals wurde Fabrikarbeit sehr weitgehend auf einfache und genormte Handgriffe reduziert.

Auf diese Weise war er bei seinem Hauptthema angekommen, der Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen. Die sei, anders als die meisten Ökonomen glaubten, keineswegs eine Ware und habe daher auch keinen Wert, vielmehr sei sie die alleinige Erzeugerin der Werte. Eine Ware indes sei die Arbeitskraft selbst. Ihr Wert ergebe sich aus dem Aufwand zu ihrer Reproduktion (Wohnung, Lebensmittel, Familie, Bildung). Wenn aber nun der Kapitaleigentümer diese Ware Arbeitskraft kaufe, könne er ihren Gebrauchswert nutzen: Der Kapitalist lässt arbeiten, folglich Wert erzeugen. Und zwar mehr Wert, als ihn die Arbeitskraft kostet.

Das ist der Kern der Theorie über die Ausbeutung. Was auch die Beharrlichkeit erklärt, mit der Linke sich in "Kapital-Schulungen" gegenseitig von so etwas Abstraktem wie der Werttheorie überzeugen müssen: An ihr darf nicht gerüttelt werden, denn sonst bricht das ganze Gebäude der großen Durchblickertheorie zusammen.

Dabei ist schon der Satz fragwürdig, mit dem das Kapital anhebt: "Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung, die einzelne Ware als seine Elementarform." Stimmt das überhaupt? Es steht doch nicht der gesamte Reichtum zum Verkauf, ist also nicht Ware? Im zweiten Band des Kapitals wird minutiös dargelegt, welcher Teil des Reichtums in Warenform existiert und welcher nicht (etwa das im Produktionsprozess befindliche Kapital). Dass die Ware "Elementarform" sei und deshalb mit ihr alle Untersuchung beginnen müsse, ist eine bloße Behauptung.