Karl Marx, Kenner der altgriechischen Philosophie, beruft sich auf Aristoteles, wo er den Austausch zweier Waren als Gleichung ansieht, der eine gemeinsame Substanz zugrunde liegen müsse, der Wert. Wir Marx-Schüler fanden das damals einleuchtend und fragten nicht: Wieso eigentlich? Genügt es nicht zu sagen, dass sich die Waren zum Tausch eignen (also "Tauschwert" haben), weil die Nützlichkeitserwägungen der Warenbesitzer zueinander passen? Ist nicht das ihre wichtigste Gemeinsamkeit? Und wieso überhaupt darf man "Arbeit schlechthin" mit "durchschnittlicher Arbeit" gleichsetzen?

Es kommen etliche Schwierigkeiten hinzu, die Theorie mit der Alltagswirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen. Um dieses hinzubekommen, greift Marx zu einem Trick: Wenn die Wirklichkeit nicht zur Theorie passt, umso schlimmer für die Wirklichkeit. Sie verschleiert sich sozusagen selbst. Im Alltag des Wirtschaftslebens erscheine alles falsch herum, schrieb er: als verkaufe der Arbeiter tatsächlich Arbeit und nicht Arbeitskraft, als sei das Kapital eine Sache und nicht ein gesellschaftliches Verhältnis, als erzeugten Maschinen Werte und als habe Geld einen Preis. Das seien nicht einfach Irrtümer. Die Verhältnisse selbst erzeugten diese Scheinwelt, schreibt Marx sinngemäß.

Eine Volte. Der große Gedanke darin ist der, dass gesellschaftliche Verhältnisse objektiv täuschenden Charakter haben können. Das führt Marx zu seiner berühmten Kritik des "Warenfetischismus". Damit meinte er nicht etwa irgendwelche Auswüchse der Konsumgesellschaft, sondern die Tatsache, dass Sachen ein Eigenleben zu führen scheinen: Der Preis einer Ware erscheint als ihre dingliche Eigenschaft, von der das Wohl und Wehe des Verkäufers abhängt und die sogar letztlich über die gesellschaftliche Arbeitsteilung entscheidet. Dieses Phänomen ließe sich freilich auch ohne die Werttheorie verstehen.

Marx gibt das im zweiten Band des Kapitals unfreiwillig selbst zu. Dort beschreibt er jene "kommerziellen Arbeiter", die nicht Waren produzieren, sondern dafür sorgen, dass diese verkauft werden. Sie erzeugten also keinen Wert, behauptet Marx, doch auch sie würden ausgebeutet, denn sie brachten den Unternehmern mehr ein, als sie kosten. Na also, geht doch. Der Profit ergibt sich einfach aus dem, was die Kunden eines Unternehmens zu zahlen bereit sind – abzüglich aller Kosten, weshalb der Unternehmer diese drücken will.

Man könnte glatt sagen, dass Marx gelegentlich auf die von ihm kritisierte Verdinglichung selbst hinein fällt. So behauptet er beispielsweise an einer Textstelle: Wenn das Kapital in Form von Geld existiert, das investiert werden soll, dann ist seine Vermehrung durch Gewinn "Selbstzweck", die aber kennt keine Obergrenze, "die Bewegung des Kapitals ist daher maßlos".

Der Kapitalbesitzer ist für Marx also "nur personifiziertes Kapital", er vollzieht bloß, was sein Kapital fordert. Aber stimmt das? Ist es nicht eine genauso vereinfachende Abstraktion wie der Homo oeconomicus der klassischen Wirtschaftstheorie? In Wahrheit sind die Interessen der Kapitaleigentümer vielfältig, denn es handelt sich um reale Menschen mit Haut, Haar und Eigensinn. Gerade deshalb gibt es ja so etwas wie Wirtschaftspsychologie.