Alles in allem: Diesmal, als ich die blauen Bände ohne Glaubenssehnsucht las, stellten sie mich vor die Aufgabe, mir selbst einen Reim auf den Kapitalismus zu machen. Ich las Marx sozusagen gegen den Strich.

Erst recht die geschichtsphilosophischen Passagen. Zu ihren zutreffenden Voraussetzungen zählt, dass Gesellschaftsordnungen historisch sind, also nicht ewig. So auch der Kapitalismus, allerdings mit der Besonderheit, dass dieser die Mittel hervorbringt, zu einer Gesellschaft ohne Ausbeutung, ja ohne Markt überzugehen, in der die Arbeitsteilung nach Plan verläuft. Das jedenfalls glaubte Marx und außerdem, dass der Kapitalismus eine Arbeiterklasse entstehen lässt, die ihn stürzen wird.

Nun, sagen wir es so: Seither sind noch viele andere Bücher über das Ende des Kapitalismus herausgekommen, und er hat es überlebt. Was hingegen zugrunde ging, war die Planwirtschaft.

Die Krisentheorien in Band II und II sind gleichwohl interessant, dann in Band III die umsichtig konstruierte Lehre vom tendenziellen Fall der Profitrate (siehe Seite 22), Theorien der Arbeitslosigkeit sowie die berühmte Verelendungstheorie. "Die Akkumulation von Reichtum auf dem einen Pol ist also zugleich Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol" – auch da gilt, dass der Journalist Marx diese Tendenzen auf bedrückende Weise beschreibt, während der Theoretiker Marx sich ziemlich abmühen muss, ihre Unausweichlichkeit nachzuweisen.

An einer Stelle zitiert das Kapital ein Dokument, das über Verbesserungen aufgrund des englischen Fabrikgesetzes informiert: Seinetwegen wurden "in den Töpfereien über 200 Werkstätten geweißt und gereinigt, nach zwanzigjähriger oder gänzlicher Enthaltung von jeder solchen Operation, in Plätzen, wo 27.878 Arbeiter beschäftigt sind und bisher, während übermäßiger Tages-, oft Nachtarbeit, eine mefitische Atmosphäre einatmeten, welche eine sonst vergleichungsweis harmlose Beschäftigung mit Krankheit und Tod schwängerte. Der Akt hat die Ventilationsmittel sehr vermehrt."

Marx’ Kommentar: "Was könnte die kapitalistische Produktionsweise besser charakterisieren als die Notwendigkeit, ihr durch Zwangsgesetz von Staats wegen die einfachsten Reinlichkeits- und Gesundheitsvorrichtungen aufzuherrschen?" Wohl wahr.

Während ich früher die abstrakten Passagen bewunderte und die anschaulichen Kapitel als unnötig detailliert empfand, ging es mir diesmal umgekehrt. Über die Theorie ist die Geschichte hinweggegangen. Marx’ Darstellungen von Arbeit, Technik und Ausbeutung hingegen laden zu beunruhigenden Gedanken über die Gegenwart ein.

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