Es gibt in Dresden einen Buchladen, der dem ehemaligen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf gewidmet ist – der Spott liegt allerdings schon im Namen. "König Kurt" heißt der Shop eines linken Szene-Treffpunkts, spezialisiert auf Schriften, die den "bestehenden Verhältnissen etwas entgegensetzen". Die Tagebücher Kurt Biedenkopfs, zum 25. Jahrestag der Wiedervereinigung erschienen und großteils in dessen Regierungsjahren entstanden, stehen nicht im Regal. König Kurt, wie der erste sächsische Nachwende-Ministerpräsident schon immer halb spöttisch, halb ehrfürchtig genannt wurde, passt im "König Kurt" einfach nicht ins Programm.

Die Biedenkopf-Bücher sind, nüchtern betrachtet, die Aufzeichnungen eines hochrangigen Politikers, die Jahre 1989 bis 1994 beschreibend, 2015 vom Siedler-Verlag veröffentlicht. Auch die ZEIT zitierte damals aus dem Werk.

Wirtschaftlich gesehen sind die Bücher allerdings ein schlechtes Geschäft, denn offenbar wurden bisher keine 2.000 Exemplare verkauft. Wenn überhaupt, dann haben die Bücher politische Relevanz, allerdings nicht so sehr, wie es ursprünglich gewünscht war: Die Tagebücher haben zu einem handfesten Zwist geführt, über den der Spiegel zuerst berichtet hat. Ein Zwist, der Kurt Biedenkopf und seinen Nachnachfolger Stanislaw Tillich trennt, denn die beiden Männer behaupten in diesem Fall verschiedene Dinge.

Ein Fakt ist unbestritten: Die sächsische Staatskanzlei hat die Veröffentlichung von Biedenkopfs Erinnerungen mit rund 308.000 Euro bezuschusst, abgewickelt wurde das Projekt über die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung. Höchst umstritten jedoch ist, welchen Einfluss die Staatsregierung auf den Vorgang genommen hat – und mit ihr eben der Ministerpräsident Tillich. Biedenkopf behauptet, die Tagebücher seien von Amtsinhaber Tillich angeregt worden, er dankt diesem sogar im Vorwort seiner Bücher dafür. Tillichs Staatskanzlei argumentiert: Die Sache sei nie Tillichs persönliches Projekt gewesen. Womöglich will er keinesfalls als derjenige gelten, der das kostspielige Buchprojekt in Auftrag gegeben hat.

Biedenkopf dagegen erklärte den Vorgang in einem gemeinsamen Interview mit seiner Frau Ingrid in der Sächsischen Zeitung: "Das Land sollte die Kosten für die Bearbeitung und die Veröffentlichung der Texte und den Erwerb der Rechte übernehmen. Die Kosten für die Neuauflage des ersten Bandes haben wir selbst übernommen. Inzwischen lehnt der Ministerpräsident die weitere Erfüllung unserer Vereinbarung ohne Begründung ab. Hätten wir das gewusst, hätten wir Tillichs Angebot nie angenommen." Stanislaw Tillich persönlich schweigt zu diesem Punkt.

Was für ein Schauermärchen im Land der Könige und Kronprinzen!

Das findet auch Linken-Politiker André Schollbach, 38 Jahre alt. Er musste die Biedenkopf-Bücher nicht kaufen, denn er bekam die drei Bände ungefragt geschenkt, sogar mit Autogramm des Ministerpräsidenten a. D. versehen. So eine kostenlose Lieferung erhielten im vergangenen Jahr alle sächsischen Landtagsabgeordneten. Schollbach hat nicht jede der 1.500 Seiten intensiv studiert, "stilistisch ist das eher nicht mein Fall", sagt er. Zu selbstbeweihräuchernd, so sieht er das. Die Bücher stehen jedoch griffbereit an seinem Schreibtisch, er blättert regelmäßig darin. Für den Linken ist die Trilogie vor allem ein "Arbeitsmittel". Und Gegenstand eines Verfahrens am Leipziger Landesverwaltungsgericht. Schollbach gegen Staatsregierung.

Schollbach möchte nämlich genau wissen, wer hier warum beschlossen hat, dieses Buch zu bezuschussen. Er findet: An diesem Fall zeige sich, woran Sachsen leide, an Fürstentümelei und Großspurigkeit. Aus seiner Sicht will sich ein Ex-Regent ein Denkmal setzen. Sein Nachfolger will sich ihm ehrerbietig zeigen. Und dann geht, wie immer, alles schief. Für ihn, sagt Schollbach, "riecht all das doch sehr nach schwarzem Filz". Er findet: "Es ist ein äußerst ungewöhnlicher Vorgang, dass ein bekannter CDU-Politiker seine Tagebücher durch Steuergelder finanziert bekommt. Es gibt viele Menschen, die gern über gesellschaftliche Belange publizieren möchten. Die müssten sich aber schon bei der Anfrage um ein paar Hundert Euro Förderung in der Schlange sehr weit hinten anstellen."