"Bitte nicht", denken wir, als der Trainer die erste Aufgabe auf ein Flipchart kritzelt. In Zweiergruppen sollen wir ein Teelicht anzünden, es beobachten und dann das "System Kerze" beschreiben. Ich sitze mit sieben Männern und Frauen im Halbkreis zusammen, wir versuchen, unsere Unlust zu verbergen. Brav schieben wir Sessel zusammen, kramen Blöcke heraus, entstöpseln Stifte. Die Männer und Frauen neben mir kommen aus dem Pharmavertrieb, aus Personalabteilungen, aus einer Bank, auch ein Psychotherapeut, der in einer Rehaklinik arbeitet, ist dabei. Sie sind hier, weil sie Coach werden wollen. Rund neun Monate dauert die Ausbildung bei der "2coach Personal- und Unternehmensberatung" im schicken Hamburger Viertel Eppendorf. Dafür opfern die Teilnehmer Wochenenden wie dieses. Auf dem Lehrplan steht heute: Pflichtmodul "Systemische Betrachtung".

Das System Kerze beschreiben. Augenpaare fixieren die Teelichter, die Teams "brainstormen". Erste Sympathien und Abneigungen entstehen, Assoziationen wandern auf Papier. Die Gruppe findet heraus, dass Energie von außen nötig ist, um den Docht zu entzünden. Dass es unsichtbare Rahmenbedingungen wie Sauerstoff braucht, damit die Kerze weiter brennt. Dass die Flamme bei einem Windzug zuckt, aber nicht gleich erlischt. Wozu das alles?

"Entsteht ein neues System, ist es zunächst instabil, genau wie die Flamme, die erst flackert und schließlich gleichmäßig brennt", erklärt Trainer Sven Vogt. Ob im Job oder in der Familie: Alle Systeme strebten nach Stabilität, sagt er. Einmal gefestigt, brauche es Energie, um sie zu verändern. Die Kerze zum Beispiel, die müsse man kräftig anpusten, um die Flamme zu löschen. Wie veränderungsresistent Systeme sein können, habe er in Unternehmen erlebt: Der Chef habe gewechselt, die Probleme aber seien geblieben. Die Teilnehmer nicken, das haben die meisten schon erlebt.

Andere in Karriere- und Lebensfragen coachen, das wollen immer mehr Menschen. Eine "expansive Verbreitung" attestierte eine Studie der Universität Marburg der Dienstleistung schon 2009. Im Jahr 2013 zählte eine Erhebung der Universität Marburg 8.000 Coaches in Deutschland. Schätzungen zufolge nennen sich hierzulande inzwischen mehr als 35.000 Personen Coach. Da sich im Prinzip jeder so bezeichnen kann, gibt es kaum seriöse Zahlen – und ein Überangebot.

Coaching, das ist methodisch angeleitete Hilfe zur Selbsthilfe. Der Coach zielt auf die Stärken der Klienten, er durchbricht quälende Grübelspiralen, er lässt reflektieren und Ziele formulieren. Doch wie er das macht – und wie gut –, dafür gibt es kaum verlässliche Standards. Coaching kann alles und nichts umfassen, deshalb ist es für den Laien schwer, Profis von Blendern zu unterscheiden. Der Wirrwarr aus Lehrinhalten und Methoden macht die Sache nicht leichter. Hier eine kleine Auswahl: Systemisches Coaching, Neurolinguistisches Programmieren, Neurofeedback, Hypnocoaching. Auch die Ausbildung für all das variiert und dauert zwischen vier Wochen und zwei Jahren. Die Spanne der Kursgebühren ist riesig: Manche Ausbildungsgänge kosten nur 300 Euro. Andere 17.000 Euro.

Für die meisten ist Coachen ein Nebenjob. Laut einer Umfrage des Büros für Coaching und Organisationsberatung (BCO) verdienen Coaches nur zehn Prozent ihres Jahreseinkommens mit dem Job. Trotzdem füllt der Ausblick auf schicke Honorare, dankbare Klienten und persönliche Weiterentwicklung die Seminarräume und Kassen der Coachingakademien. Doch längst nicht jeder eignet sich für die anspruchsvolle Arbeit. Transparente und seriöse Ausbildungsstandards könnten helfen, ungeeignete Kandidaten herauszufiltern. Das Problem: Die wenigsten Lehrgänge genügen wissenschaftlichen Standards.

Siegfried Greif, selbst Coach und pensionierter Professor für Psychologie an der Universität Osnabrück, versucht seit Jahren, den Beruf zu professionalisieren. 50 Coachingausbildungen in Deutschland, Großbritannien und den USA hat er analysiert, sein Fazit lautete schon vor Jahren: Nur vier Prozent der Angebote hierzulande sind wissenschaftlich fundiert. "Das hat sich im Prinzip bis heute nicht geändert", sagt er. Denn die Branche mauert. Statt sich wissenschaftlicher Evaluation und Forschung zu öffnen, verschanzen sich Ausbilder hinter den oft fragwürdigen Standards der mehr als 20 Coachingverbände. Das seien "kleine Fürstentümer", die ihrer Klientel mit Zertifikaten und Siegeln den Anstrich von Professionalität verliehen.