DIE ZEIT: Alle reden vom Verlust des Vertrauens in die Medien. Nun legen Sie eine Studie vor, die das Gegenteil zeigt: Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung vertraut den Medien nicht weniger, sondern stärker als früher. Wie erklären Sie sich das?

Oliver Quiring: Große Teile der Bevölkerung haben sich klarer positioniert. In der Tat ist die Zahl der Deutschen, die sich hinter die etablierten Medien stellen, im vergangenen Jahr gewachsen. Man könnte das angesichts von bösartigen Vorwürfen wie Lügenpresse als Statement verstehen. Vielleicht wird einigen Bürgern jetzt auch stärker bewusst, was man im Vergleich zu anderen Staaten an den Medien und der Pressefreiheit in Deutschland hat.

Tanjev Schultz: Insbesondere die Tageszeitungen sowie das öffentlich-rechtliche Fernsehen genießen in Deutschland weiterhin eine hohe Glaubwürdigkeit. Das zeigen alle Studien. Gleichzeitig gibt es jedoch eine kleinere, aber ebenso wachsende Gruppe von Menschen, die den Medien ganz grundsätzlich misstraut. Ihre Zahl hat sich fast verdreifacht. Wir beobachten in der Haltung gegenüber den Medien zurzeit eine Schärfung der Fronten.

ZEIT: Woran macht sich das Misstrauen fest?

Quiring: Die Hauptvorwürfe lauten, dass die Medien Meinungen unterdrücken und nur Experten zitieren, die zur Berichterstattung passen. Interessant ist jedoch, dass selbst Teile derjenigen, die sich von den Medien belogen fühlen, diese nicht nur recht ausführlich nutzen, sondern bei bestimmten Themen der Tageszeitung oder dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen vertrauen.

Geht es um wichtige Dinge wie Umweltprobleme oder politische Skandale …

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ZEIT: Das klingt widersprüchlich.

Quiring: Das ist es auch, wir waren selbst erstaunt. Aber viele Skeptiker verdammen die Medien nicht generell. Sie hegen eher einen diffusen Argwohn, der dann in den Vorwurf der Lüge mündet, wenn die Leute das Gefühl haben, dass das, was sie in der Zeitung lesen oder in den Nachrichten sehen, nicht mehr mit dem übereinstimmt, was sie selbst erleben, etwa mit Arbeitslosigkeit oder Flüchtlingen.

Schultz: Gleichzeitig herrscht in der Bevölkerung eine große Unkenntnis darüber, wie Medien funktionieren.

ZEIT: Sind sich Journalisten darüber im Klaren? Sie, Herr Schultz, haben ja selbst mehr als zehn Jahre als Journalist für die Süddeutsche Zeitung gearbeitet, bevor Sie in die Wissenschaft wechselten.

Schultz: Ich glaube nicht, dass den meisten Journalisten bewusst ist, wie wenig man über ihren Beruf weiß. Selbst manche Studierende in unserem Fach, die sich per se für Medien interessieren, haben anfangs ja noch kein großes Wissen.

ZEIT: 39 Prozent der von Ihnen Befragten meinen, dass die Eigentümer der Medien bestimmen, was Journalisten zu berichten haben.

Wenn Sie im Internet unterwegs sind, wie oft …

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Schultz: Als Journalist will man das gar nicht glauben.

ZEIT: Warum nicht?

Schultz: Weil es nicht so ist. Ich habe in den zehn Jahren nicht ein Mal erlebt, dass mir jemand vorschreiben wollte, was ich zu schreiben habe. Die Leser unterschätzen in der Regel auch den Binnenpluralismus einer Redaktion. Da gibt es bei vielen Themen oft sehr unterschiedliche Meinungen.

ZEIT: Was kann man denn tun, um die Mediennutzer besser aufzuklären?

Quiring: Zum einen muss man früh anfangen, Stichwort Medienpädagogik.

ZEIT: Das hört sich etwas verstaubt an.

Quiring: Heute ist die Medienpädagogik noch wichtiger als früher, als es ja keine Alternativen zu den etablierten Medien gab und Journalisten die Schleusenwärter der veröffentlichten Meinung waren. Heute dagegen kann dank der sozialen Medien jeder zum Meinungsmacher werden. Gleichzeitig ist ein ganzer Komplex der Desinformation entstanden, mit Websites, Verlagen und staatlichen Akteuren, die falsche Informationen streuen. Deshalb sollte man schon in der Schule lernen, wie guter Journalismus funktioniert und warum es zum Beispiel etwas anderes ist, ob eine Information in der Zeitung steht oder in einem privaten Blog.

Schultz: Ich glaube, dass das auch gar nicht so schwer zu vermitteln ist. Nehmen Sie den Grundsatz "audiatur et altera pars", dass man also immer auch die Gegenseite hören muss. Im Grunde heißt das nichts anderes, als dass man nicht Schlechtes über Leute reden soll, ohne sie zu fragen, wie sie selbst die Sache sehen. Diese Regel versteht jeder Jugendliche.

ZEIT: Was können die Medien selbst unternehmen? Machen Journalisten zu schlechte Öffentlichkeitsarbeit?

Medienkonsum - Fakt oder Fiktion? Die Politik will verstärkt gegen Fake News vorgehen. Wie kann man selbst Wahrheit von Lüge unterscheiden? Der Medienexperte Curd Knüpfer gibt Tipps.

"Journalisten haben die Tendenz, in Besserwisserei abzudriften"

Quiring: Ja. Sie sollten besser erklären, warum sie bestimmte Themen aufgreifen, wie sie recherchieren und zu ihrer Meinung kommen. Ich finde in dem Zusammenhang den Trend gut, dass Journalisten, insbesondere bei den Onlinemedien, mit Bild gezeigt werden. Dadurch macht man deutlich, dass hinter den Meinungen Menschen stecken.

Schultz: Die Medien müssen transparenter werden. Schon heute erklären einige Zeitungen, wie größere Berichte zustande gekommen sind. Andere haben eine Ombudsperson eingesetzt, die Beschwerden der Leser aufgreift, Entscheidungen der Redaktion erklärt und gegebenenfalls auch rügt.

ZEIT: Wie steht es um die Fehlerkultur im deutschen Journalismus?

Schultz: Traditionell haben Journalisten die Tendenz – das sage ich aus eigener Erfahrung –, in Besserwisserei abzudriften. Dabei wäre es glaubwürdiger, öfter deutlich zu machen, wenn sie unsicher oder zwiegespalten sind. Ich finde es deshalb gut, wenn Onlinemedien bei aktuellen Ereignissen den Informationsstand mit Rubriken "Das wissen wir" und "Das wissen wir nicht" darstellen.

ZEIT: Dagegen stehen ja gewisse Eigengesetzlichkeiten der Medien. So meinen viele Journalisten, ein guter Kommentar müsse scharf und eindeutig sein. Also, je stärker die Meinung, desto besser der Kommentar.

Welche Kritikpunkte treffen Ihrer Meinung nach zu, welche treffen nicht zu?

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Schultz: Manchmal wäre es vielleicht besser, nicht zu kommentieren, wenn die Faktenlage keine eindeutige Meinung zulässt oder wenn man über eine Sache einfach zu wenig weiß.

Quiring: Diese Tendenz zur schnellen Reaktion hat durch das Internet eine ganz neue Dynamik bekommen. Früher hatten Journalisten noch bis zum Redaktionsschluss Zeit zum Recherchieren und Überlegen. Online gibt es jedoch keinen Redaktionsschluss. Da muss etwas schnell raus. Das führt zu einer Überhitzung des öffentlichen Diskurses.

Schultz: Hinzu kommt eine gewisse Grundgnadenlosigkeit bei Journalisten, die schnell dabei sind, etwas zu verurteilen. Natürlich besteht ein Unterschied zwischen der Radikalität, ja Brutalität, die streckenweise in den sozialen Netzwerken herrscht. Aber wenn jetzt die Verrohung des öffentlichen Diskurses beklagt wird, müssen sich die Journalisten auch selbst an die Nase fassen.

ZEIT: Ihre Studie hat ergeben, dass die meisten Menschen die sozialen Medien überhaupt nicht nutzen, um sich politisch zu Wort zu melden. Überschätzen die etablierten Journalisten die sozialen Medien?

Quiring: Nicht nur sie, auch die Politik tut das. Insgesamt verfassen nur sieben Prozent der Befragten häufig Beiträge in Meinungsforen, über neunzig Prozent nutzen niemals oder selten Twitter oder Facebook, um eine Nachricht zu kommentieren. Das heißt, eine kleine Minderheit bestimmt in den sozialen Medien den Diskurs. Teilweise sind das Leute, die schlicht Spaß an der Provokation haben. Die wollen nur spielen. Ich würde als Journalist nicht so einfach mit mir spielen lassen.

ZEIT: Sie sprechen sogar von einer Schweigespirale. Der Begriff ist in den Medienwissenschaften ja besetzt – die Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Noelle-Neumann formulierte in den 1970er Jahren die Theorie, dass das politische Meinungsbild von den Medien verzerrt wird, damals zugunsten von SPD und FDP, und diejenigen, die anderer Meinung waren, eher schwiegen.

Quiring: Und heute besteht die Gefahr, dass die Lauten, die Aggressiven, die Penetranten und Impertinenten den Diskurs bestimmen.

ZEIT: Warum lassen sich Ihre ehemaligen Kollegen von den sozialen Medien treiben, Herr Schultz?

Schultz: Wenn ich als Journalist einen Beitrag schreibe und daraufhin im Netz ein Dutzend böser Kommentare bekomme, dann irritiert das. Da können Sie sich noch so oft sagen, dass es viele gibt, die mit Ihnen übereinstimmen, ohne sich zu Wort zu melden. Die Verunsicherung bleibt.

ZEIT: Was sollen Journalisten tun?

Schultz: Cooler bleiben. Früher gab es diese Straßenumfragen. Da hat die Redaktion jemanden herausgeschickt, und der hat ein paar Passanten zu einem Thema nach ihrer Meinung gefragt. Besonders ernst genommen hat man diese journalistische Stilform zu Recht nicht, meist musste das der Praktikant machen. Doch viel anders ist das Meinungsbild in den sozialen Medien auch nicht. Dennoch schielen Journalisten wie Politiker auf die sozialen Medien wie das sprichwörtliche Kaninchen auf die Schlange.

ZEIT: Ganz ignorieren kann man sie aber nicht.

Schultz: Das stimmt. Besser wäre es aber, mit den Unzufriedenen direkt zu reden. Es ist ja heute viel von der Meinungsblase die Rede. Aber auch Journalisten leben natürlich in einer Blase. Sie stammen häufig aus einem bestimmten akademischen Milieu, oft linksliberaler Prägung, haben selbst wiederum viel mit Journalisten zu tun. Der Zugang zu anderen Lebenswelten fällt ihnen schwer. SPD-Chef Sigmar Gabriel hat seinen Genossen geraten, öfter dorthin zu gehen, wo es brodelt und stinkt. Das sollten auch Journalisten tun.