Dass die Stimme des Volkes die Stimme Gottes sei ("vox populi vox Dei"), ist eine alte Idee, die auf das spätrömische und frühmittelalterliche Denken zurückgeht. Hier meinte sie aber keineswegs das Volk als politischen Kollektivkörper (demos oder civitas), sondern bezog sich auf die einzelne Stimme des einfachen Mannes, auf die Stimme des Plebejers. Nicht wegen seiner Macht als Masse, sondern wegen seiner natürlichen Unschuld, unberührt von Wissen und Bildung, wurde seiner Stimme eine göttliche Reinheit zugeschrieben, die als Faktor im politischen Kalkül der Mächtigen berücksichtigt werden musste. Doch erst in den Nationalrevolutionen des 18. Jahrhunderts bemühte man sich, die "göttliche Wahrheit der einfachen Stimme" zu einer Kollektiveigenschaft derjenigen zu erklären, die zur Bildung der neuen Nationen berufen schienen. Seitdem ist der Populismus in der Welt – als Alternative zum Repräsentativitätsprinzip moderner Demokratien und als Versuch, dem "Willen des Volkes", verstanden als angenommener Durchschnittswille der Bevölkerung, eine Stimme zu geben.

Diese Stimme hat seit dem 20. Januar einen sprechenden Namen: Donald Trump. Immer wieder erklärte er in seiner Antrittsrede "das amerikanische Volk" zum wahren Präsidenten und meinte doch nur sich selbst.

Doch Populismus ist keineswegs nur ein Problem der Vereinigten Staaten. Einen Tag später trafen sich nämlich Europas Rechtspopulisten, ausgerechnet am Deutschen Eck. In Koblenz ging es aber nicht etwa um ein europäisches Volk, sondern um die Völker Europas, deren wahre Einheit, so die AfD-Vorsitzende Frauke Petry, in ihrer strikten Trennung liege. Europa habe sich immer schon gegen seine Vereinheitlichung gewehrt: gegen Napoleon, gegen Hitler und jetzt gegen die EU. Oder, wie der FPÖ-Mann Heinz-Christian Strache, der statt nach Koblenz lieber gleich zu Trumps Amtseinführung nach Washington flog, es bereits im letzten Sommer ausdrückte: "Patrioten aller Länder, vereinigt euch." Der bare Unsinn solcher historischen Referenzen, und das ist das eigentlich Erschreckende, wird schon kaum mehr wahrgenommen. Der Slogan der 5.000 Gegendemonstranten, "Koblenz bleibt bunt", wirkte dagegen eher hilflos, zumal "Vielheit" längst Teil rechter Rhetorik ist.

Spätestens seit dem EU-Austritt Großbritanniens wird immer wieder von einer Rückkehr der Nationalstaaten und Nationalismen gesprochen. Bei genauerem Hinsehen aber ist dieser Nationalismus schon längst ein transnationales Phänomen. Es ist ein Nationalismus, der zwar einerseits – wie immer schon – Nation und Vaterland in unverfälschter Weise erhalten und stärken will, in jeder anderen Hinsicht aber längst selber transnational agiert und sein jeweiliges "Volk" nur mit transnationalen Themen erreichen kann.

Ein simples, aber sprechendes Beispiel dafür sind die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes". Was wie der um politische Korrektheit bemühte Name einer rechtsnationalen Bewegung klingt – ist es auch: vier Schlagworte, von denen drei Post- und Transnationales meinen und das vierte den Begriff der Nation bewusst vermeidet. Als die Bewegung Ende 2014 aufkam, wurde kurz darüber spekuliert, ob hier wirklich "Europa" das gemeinte "Vaterland" sei, wir es also mit einem europäischen Supranationalismus zu tun haben. Bis sich dann herausstellte, dass dieser spezielle Patriotismus sich ganz im Gegenteil vor allem auf jenes Deutschland bezog, das ansonsten als Sachsen bekannt ist.

Erst als das Ganze in Leipzig, Köln und anderswo nachgeahmt wurde und vor allem seitdem die Partei Alternative für Deutschland nach ihrer kurzzeitigen Spaltung (und nach ihrem Feindbildwechsel vom Euro zum Islam) sich landesweit etablierte, haben wir es überhaupt mit einem nationalen Phänomen zu tun. Aber nur formal. Das Leitmotiv dieser neurechten Bewegung bleibt der Kampf gegen die Überfremdung – entweder der westlichen Kultur und der europäischen Werte oder aber der lokalen Lebenswelten und regionalen Identitäten oder auch des "natürlichen" Zustands von Familien und Gemeinschaften.

Für diesen Kampf sind Nation und Vaterland nur noch Agitationsraum und Appellationsinstanz. Sie sind Medium eines quasipolitischen Ausdrucks für die Verknüpfung von lokaler oder gar individueller Identitäts- mit umfassenden Weltproblemen. "Besorgte Bürger" in Dresden und anderswo sehen sich in vollem Ernst als Verteidiger des ganzen Abendlandes. Deshalb grenzt sich die AfD von einem Hurra-Nationalismus, wie ihn Teile der NPD noch vertreten, bewusst ab (obwohl sich beide Parteien inhaltlich kaum unterscheiden). Und in den Parteiprogrammen werden nationalstaatliche Probleme, mit denen sich die etablierten Parteien herumschlagen, zurückgestellt zugunsten sub- und transnationaler Themen: Familie und Geschlecht, Bevölkerung und Religion, Kultur und Sprache.