Gerade hat der Berliner AfD-Fraktionschef Georg Pazderski am Rednerpult im Preußischen Landtag den "Einzug der Scharia ins Rote Rathaus" beschworen, da öffnet sich links hinter ihm eine kleine Tür. Die frisch gekürte Staatssekretärin Sawsan Chebli tritt ein, 38 Jahre alt, SPD-Mitglied, Politologin und – vor allem – bekennende und praktizierende Muslimin. Alle starren die Frau an, derweil sie sich setzt und in ihr Handy tippt. Sie ist es, vor der Pazderski eben gewarnt hat. Sie ist gemeint, wenn der Publizist Hamed Abdel Samad vom "Trojanischen Pferd des Islamismus in der SPD" spricht und die Lokalpresse von "Nähe zur Muslimbruderschaft" im Berliner Senat schreibt. Wie gefährlich also ist Sawsan Chebli?

Jetzt, wenige Wochen nach dem Attentat auf dem Breitscheidplatz, erscheint der "Fall Chebli" als ein Grundproblem der Einwanderungsgesellschaft. Chebli provoziert die Frage, ob Muslime in Deutschland nur dann etwas werden dürfen, wenn sie sich von ihrer Religion lossagen – weil es jene Religion ist, mit der fast alle Terrorakte der Gegenwart begründet werden. Oder ob sich eine Muslimin durch Ackern und Zähnezusammenbeißen das Recht erwerben kann, in Ruhe gelassen und allein an ihrer Arbeit gemessen zu werden.

Ein Wintersturm hat die Straßen leer gefegt, als Frau Sawsan Chebli in Daunenjacke in einem Charlottenburger Café erscheint. Sawsan (gesprochen: Sau-san) ist die arabische Form von Susanne. Chebli heißt Löwenkind. Der Lebensweg der neuen Staatssekretärin ist ein Abenteuer: Ihre Eltern flohen 1948 noch als Kinder aus Palästina in den Libanon, wo sie zwanzig Jahre in einem Flüchtlingslager lebten. Palästinenser im Exil – sie sind eben für ihre arabischen Brüder trotz anderslautender Bekundungen bestenfalls lästige Verwandte. 1968 hatte Cheblis Vater genug, er brach auf nach Deutschland, holte die Familie – Frau und elf Kinder – wenig später nach. Er bekam kein Asyl, konnte nicht lesen und nicht schreiben. Dreimal wurde er ausgewiesen, dreimal kämpfte er sich illegal zurück. Ein Löwe.

Sawsan Chebli ist sein zwölftes Kind. Bis zum Alter von 15 Jahren war sie staatenlos – also jemand, der, wie Hannah Arendt schrieb, "kein Recht hat, Rechte zu haben". Die Familie war bis 1993 auf deutschem Boden nur geduldet. Das hieß: keine Arbeitsgenehmigung, alle drei Wochen Ausländerpolizei, alle drei Wochen Zittern, ob man bleiben darf. Kettenduldung nennt sich das – Gift für die Integration. Wovon hat die Familie in all den Jahren gelebt, in der Dreizimmerwohnung in Moabit? Chebli will darauf nicht antworten. Als der Vater endlich arbeiten durfte, hat er in einem Hotel gekocht und Geschirr gespült. Der Tag, an dem die Pässe kamen, war ein Feiertag im Hause Chebli.

Wie aber kann Sawsan Chebli behaupten, ihr Vater sei integriert, "integrierter als so mancher AfD-Wähler"? Er hat bis heute kein Deutsch gelernt. Ja, warum eigentlich nicht? Für viele Beobachter sind Cheblis Antworten ein Beleg dafür, dass ihr Vater doch lieber unter seinesgleichen bleibt, keinen Wert aufs Ankommen in Deutschland legt. War die Arroganz ihres AfD-Vergleichs Absicht? "Mein Vater glaubt an dieses Land, er liebt es und ist Deutschland unendlich dankbar. Er hat auch immer an mich geglaubt. Er hat mir Fahrradfahren und Fußballspielen beigebracht, mich dazu angetrieben, Deutsch zu lernen. Ohne ihn wäre ich nicht dort, wo ich bin."

Sie kann nicht mehr weitersprechen. Die Mails, die Chebli bekommt, in denen ihr Vater als "Schmarotzer" und Schlimmeres beschimpft wird, haben sie tiefer getroffen als die Hasspost gegen sie selbst. "Denkst du, Deutschland will uns nicht mehr haben?", hat ihr Vater sie gefragt. "Papa, wir sind Deutsche", hat sie ihm geantwortet. Man ahnt, wie sehr ihr Verhältnis zum Islam mit der Loyalität gegenüber den Eltern zusammenhängt.

Cheblis Mutter und ihre fünf Schwestern tragen Kopftuch. Sie erzählen Sawsan, dass die Anfeindungen auf der Straße zunehmen. Dass sie im Kaufhaus schräg angesehen werden. Damals, "im Lager", war die Familie kaum religiös, erst in Deutschland ist sie gläubig geworden. 15 Staatenlose, die keiner wollte, auch die "arabischen Brüder" nicht, lasen zusammen den Koran, verrichteten die fünf Gebete am Tag, gingen gemeinsam zur Moschee. "Ich habe den Islam zu Hause als liebevolle, tolerante und vergebende Religion erlebt. Ganz oben stand für meine Eltern immer, dass wir gute Menschen sind, eine Haltung haben. Das vorherrschende Islambild ist leider ein anderes," sagt Chebli. Das bedeutete eben nicht, dass sie als Mädchen zu kuschen hatte – das war ihrem Vater wichtig, mehr noch als der Mutter. "Wenn einer meiner Brüder sagte: 'Sawsan, steh auf und hol mir ein Glas Wasser', hat mein Vater gesagt: 'Hol es dir gefälligst selbst.'" Vater Chebli hat seine Tochter zum Fußballfan gemacht. Doch für welche Mannschaft sie schwärmt, verrät sie nicht. Sie hat überhaupt ständig Angst, zu viel von sich preiszugeben. Hakt man nach, kann sie pampig werden.