Die Wut auf Sawsan Chebli kommt keineswegs nur von rechts. In einem Interview hatte sie neulich gesagt, die Scharia sei mit dem Grundgesetz kompatibel. Und vor ein paar Jahren hat sie erklärt, sie halte das Kopftuch für ein religiöses Gebot – wolle aber selbst keines tragen, weil man in Deutschland damit nicht Karriere machen könne. Solche Sätze bringen liberale Muslime mächtig gegen Chebli auf, etwa ihren Parteigenossen Erol Özkaraca, Anwalt und bis vor Kurzem Abgeordneter aus Neukölln. "Für wen kämpft so jemand, der sagt: Ich trüge gern ein Kopftuch? Für die SPD doch wohl nicht?" Es macht Özkaraca, der sich durchaus selbst auch für gläubig hält, nervös, dass im Arbeitskreis Muslime der SPD inzwischen so viele verschleierte Frauen sitzen. "Diese Leute hat alle Chebli in die Partei geholt. Von einer muslimischen Sozialdemokratin erwarte ich, dass sie sagt: Mein Gott ist ein barmherziger Gott, er verlangt von mir nicht, mich zu verhüllen."

Nie habe sich Chebli mit dem Islamismus auseinandergesetzt. Nie sei von ihr ein kritisches Wort über den politischen Islam gekommen. Özkaraca sieht sich in der SPD mit seinem Pochen aufs Berliner Neutralitätsgebot – es verbietet religiöse Symbole wie das Kopftuch in bestimmten Bereichen des öffentlichen Dienstes – langsam auf verlorenem Posten. Um ihn herum entstünden lauter Netzwerke von Islamisten – darunter auch das von Sawsan Chebli vor einigen Jahren mitkonzipierte Projekt JUMA (Jung, Muslimisch, Aktiv). Özkaraca hat nie persönlich mit Sawsan Chebli gesprochen, obwohl es ihm angeboten wurde. Aber er hat versucht, den Regierenden Bürgermeister Michael Müller davon abzuhalten, sie einzustellen. Müller ist seinem Rat bekanntlich nicht gefolgt. Immerhin soll der Regierende beim Außenministerium, wo Chebli drei Jahre als Sprecherin tätig war, doch noch rasch um eine Art Unbedenklichkeitsbescheinigung gebeten – und sie bekommen haben.

Beim Vorwurf des Islamismus holt Chebli tief Luft. "Ich, eine Islamistin? Das ist so absurd. Schauen Sie mich doch an!" Offene, schwarze Haare, knallroter Lippenstift, High Heels, begeisterte New-York-Touristin – religiöser Fanatismus ist tatsächlich nicht das Erste, was einem zu Sawsan Chebli einfällt. Und doch trifft Özkaracas Vorwurf, sie habe nie Kritik am Islamismus geäußert, ins Schwarze. Sie äußert sich gern wolkig über "Extremismus jeder Art", weist darauf hin, dass vor allem Muslime Opfer von islamistischer Gewalt würden. Den Satz "Der Islam hat ein Problem" unterschreibt sie zwar, sagt ihn aber nicht von sich aus. Ihre Strategie im Umgang mit den radikalen Glaubensbrüdern läuft eher auf "Empowerment" hinaus: Je mehr Muslime sich eingeladen fühlten, durch Leistung zur Gesellschaft beizutragen, desto geringer die Gefahr ihrer Radikalisierung und desto geringer die Neigung, es sich in der Opferrolle gemütlich zu machen.

Aber reicht das? Müsste sie nicht Entsetzen oder Wut darüber öffentlich äußern, was im Namen des Islams heute alles legitim ist – vom Kampf gegen gemeinsamen Schwimmunterricht bis zum Mord an "Ungläubigen". Ging es bei Cheblis Bemerkung, Scharia und Grundgesetz seien kompatibel, nicht genau darum? Wer bei "Scharia" ausschließlich ans Abhacken von Händen und Durchschneiden von Kehlen denkt – wie es bei den meisten der Fall ist –, muss über Cheblis Bemerkung erschrecken. Im Café stellt sie klar: "Mir wurden Dinge unterstellt, die ich nie gesagt habe. Scharia beinhaltet rituelle Vorschriften für das Gebet und das Verhalten gläubiger Menschen, darunter die Verpflichtung zu Almosen. Das alles fällt unter die Religionsfreiheit. Andere Vorschriften der Scharia widersprechen ganz klar dem Grundgesetz und haben in einem demokratischen Staat nichts zu suchen." Auch zum Kopftuch klingt sie im Gespräch anders. Sehr leise, aber entschieden sagt sie: "Ich trage kein Kopftuch, weil ich es nicht möchte. Ich will aber, dass jede Frau das für sich selbst entscheiden kann." Doch die Frage, was sie vom Berliner Neutralitätsgebot halte – einem Gebot, das ihr früherer Chef, der ehemalige Berliner Innensenator Ehrhart Körting, auf den Weg gebracht hatte –, stellt man ihr vergebens. "Es gilt" – mehr sagt sie dazu nicht.

Zu dem von Chebli mitkonzipierten JUMA-Kreis – inzwischen ein eingetragener Verein, der von der Bosch-Stiftung unterstützt wird – sollen Einzelne gehören, die der Islamischen Gemeinschaft Deutschland und der Muslimbruderschaft nahestehen; andere sind in Ditib-Moscheen zu Hause – jener umstrittenen Organisation der türkischen Religionsbehörde. Über JUMA wird Chebli auch eine Verbindung zu dem als radikal geltenden Imam Kamouss nachgesagt. Belegt wird die Behauptung mit einem Foto: Es zeigt den in der Moschee predigenden Imam und Chebli, die als einzige unverschleierte Frau in der ersten Reihe sitzt. Das Bild stammt allerdings aus der Zeit, als sie beim SPD-Innensenator Körting Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten war. In dieser Zeit hat Körting, wie er heute erklärt, ganz bewusst "mit allen geredet, außer mit denen, die zur Gewalt aufrufen oder sich antisemitisch äußern". Dabei hat Chebli ihn begleitet. Das war ihr Job.

JUMA war für Sawsan Chebli die Antwort auf Thilo Sarrazin: Gläubige Muslime, die etwas können und mitmachen wollen, sollten ins Gespräch kommen mit Politikern und Aktivisten aller Couleur. 2016 rief JUMA Jugendliche auf, sich an der Wahl der Berliner Senatswahl zu beteiligen – und wurde dafür von Islamisten scharf angegriffen.