Ihre Feinde, und davon hat diese Frau wahrlich genug, schäumten vor Wut, als sie am Montagmorgen den Blick aufschlugen. Eveline Widmer-Schlumpf hatte dem Blatt ein großes Interview gegeben. Sie erzählte von ihren Enkeln, ihrem neuen Job als oberste Senioren-Lobbyistin, vor allem aber sprach sie über die kommenden Abstimmungen. Auch über die Reform der Unternehmenssteuern. Also über jene Vorlage, die sie als Finanzministerin einst aufgegleist hatte.

Und die ehemalige Bundesrätin tat, was in der Schweiz eigentlich ein No-Go ist, sie fuhr ihrem Nachfolger in die Parade: "Die Reform ist aus der Balance. [...] Es gibt nirgends mehr eine Gegenfinanzierung."

Der Auftritt von Eveline Widmer-Schlumpf ist der vorläufige Höhepunkt in einer emotional geführten Debatte um ein staubtrockenes Thema.

Am 12. Februar entscheiden die Schweizerinnen und Schweizer über die Unternehmenssteuerreform III. Ein überarbeitetes Gesetz ist nötig, weil die OECD, die EU, die G20 nicht länger akzeptieren, dass ausländische Holdinggesellschaften auf Gewinne, die sie im Ausland erwirtschaften, viel weniger Steuern bezahlen müssen als auf Gewinne, die sie in der Schweiz einfahren.

Bis 2019 müssen die Privilegien weg. Nur: Fallen sie, ohne kompensiert zu werden, drohen die betroffenen Firmen damit, ins Ausland abzuwandern. Sie müssten auf einen Schlag viel mehr Steuern zahlen.

Deshalb wollen Bundesrat und Parlament die Großkonzerne mit einem neuen Steuerinstrumente-Set davon überzeugen, dass sie hier bleiben: Mit einer Patentbox, Steuerabzügen für Forschung- und Entwicklung oder einer zinsbereinigten Gewinnsteuer. (Was das genau ist, steht im Glossar auf der gegenüberliegenden Seite.)

Aber im Abstimmungskampf geht es längst nicht mehr um solche technischen Details, die sowieso nur Steuerexperten durchschauen. Es macht den Eindruck, als gehe es hier um nicht weniger als die Zukunft des Landes.

Und das tut es auch. Nicht dass bei einem Ja in den Städten und Gemeinden über Nacht Schwimmbäder, Kunstmuseen oder Kinderkrippen geschlossen werden müssten, weil dem Staat das Geld dafür fehlt. So wie das die Gegner behaupten.

Ebenso falsch ist, dass bei einem Nein über Nacht der große Exodus der Multis einsetzen würde, weil es ihnen in Dublin, Nikosia oder Hongkong besser gefällt. Davor warnen die Befürworter.

Nein, aus der Steuer- wurde eine Grundsatzdebatte, weil, wie ein Rechtsanwalt aus Zürich einst treffend sagte, "ein paar einfache Sätze in der Steuergesetzgebung" Dinge bewirken können, die sonst nur "unter Investierung gewaltiger Kapitalien" möglich werden.

Der Mann, der die Hebelwirkung der Steuerparagrafen erkannte, war Eugen Keller-Huguenin. Der Fachmann für Holdinggesellschaften wollte Anfang der 1920er Jahre mit niedrigen Steuern die Wirtschaft ankurbeln. Nicht in seinem eigenen Kanton Zürich, dort erwartete er für seine Ideen zu viel Widerstand, sondern bei seinen Nachbarn. In Zug. So schreibt es der Historiker Michael van Oursow in seiner Dissertation Das vermeintliche Paradies .