Übermännlich: eine der Skizzen von Tom of Finland, die jetzt die Galerie Judin zeigt © Tom of Finland Foundation/Sotheby's

Nicht nur die Russische Revolution jährt sich dieses Jahr, sondern auch die Unabhängigkeit Finnlands von Russland. Dieses leicht vergessene Land am nördlichsten Rand Europas hat neben seinem gepriesenen Bildungssystem und den Mumins einen kulturellen Export hervorgebracht, der einen wirklichen Umsturz verkörpert: die sexuelle Revolution. Tom of Finland nannte sich der wohl wichtigste Künstler Finnlands, der vor einigen Jahren sogar mit einer Briefmarke geehrt wurde, die übrigens innerhalb kürzester Zeit ausverkauft war. Seine Zeichnungen entwarfen in den sechziger und siebziger Jahren ein neues Bild von schwuler Männlichkeit. Er schuf das ikonische Bild des schnauzbärtigen Lederjackenträgers, der noch bis in die achtziger Jahre hinein die Ästhetik schwuler Männer verkörpern sollte.

Es sind fast posthumanistische Körper, die seine Bilder bevölkern, hypermännliche Muskelprotze, unrealistischer geformt als jede griechische Statue, mit schmalen Hüften und gigantischen, pneumatischen Penissen. Es ist eine Fantasiewelt voller vögelnder Biker, Holzfäller, Polizisten und Soldaten, eine pornografische Fiktion von stereotyper Männlichkeit und Autorität. Die kühle Schärfe der fertigen Drucke erinnert an Gebrauchsgrafik und offenbart den gelernten Fachmann. Ihr Schöpfer leitete 15 Jahre lang als Art-Direktor die finnische Niederlassung der weltgrößten Werbeagentur McCann Erickson. Tom of Finland kaperte eine Ikonografie, die zuvor für heterosexuelle Männlichkeit reserviert war. Heute würde man sagen, er hat sie "gequeert".

Nun eröffnen dieses Wochenende zwei Ausstellungen in Berlin, die sich der Kunst und dem Leben von Tom of Finland widmen, der bürgerlich – etwas exotischer – Touko Laaksonen hieß. Der Salon Dahlmann, die privaten Ausstellungsräume des finnischen Sammlers Timo Miettinen nahe der Tauentzienstraße, erzählt in einer eher historischen Ausstellung die Biografie des Künstlers, der von 1920 bis 1991 lebte. Die Galerie Judin hingegen konzentriert sich auf das künstlerische Werk. "Wir wollen zeigen, dass Laaksonen nicht nur ein guter Grafiker mit einem Fetisch-Problem war", sagt Juerg Judin. In der Ausstellung werden vor allem Skizzen gezeigt, die nicht nur Laaksonens Arbeitsprozess dokumentieren sollen, sondern auch beweisen, dass sich hinter den glatten, fast kitschigen Werken, die Laaksonen an Magazine verkaufte, eine unglaubliche kreative Freiheit verbarg. "In seinen Zeichnungen leben die Gesichter", schwärmt Judin.

Wann begann die Anerkennung des Grafikers als Künstler? "Man darf die publizistische Power von Benedikt Taschen nicht unterschätzen", sagt Judin und lacht. 1998 brachte Taschen ein großes Coffeetable-Book mit dem Werk von Tom of Finland heraus und verschaffte den Zeichnungen damit erstmals ein breites Publikum. Davor wurden die Zeichnungen – zumindest auf dem Kunstmarkt – eher gering geschätzt. Sie wurden verschenkt, weggeworfen, mit Reißnägeln in Bars aufgehängt. Die Originale jedoch, die überlebt haben, werden heute rege gehandelt und versteigert.

Mit seiner Ästhetik prägte Tom of Finland nicht nur die Schwulenbewegung

Die ersten Sammler waren Künstlerkollegen wie Andy Warhol und Robert Mapplethorpe gewesen. Letzterer organisierte 1980 die erste Ausstellung in einer Galerie in San Francisco. Heute hängen Originale im Museum of Modern Art in New York und im Los Angeles County Museum for Modern Art. In Auktionen werden kleinere Blätter für 5.000 bis 15.000 Dollar versteigert. In Galerien kosten Bleistiftzeichnungen um die 25.000 Dollar, größere Objekte bis zu 80.000 Dollar. Einer der größten privaten Sammler von Tom-of-Finland-Zeichnungen ist übrigens der Besitzer einer Hamburger Bar. Von den 85 bei Judin ausgestellten Blättern stehen nur zehn zum Verkauf – und es gibt bereits eine Warteliste für sie.

Ohne die Hilfe von Durk Dehner, dem letzten Partner von Laaksonen und heutigen Leiter der Tom of Finland Foundation, wären die beiden Ausstellungen nicht realisiert worden. Der 67-Jährige ist ein Zeuge der sexuellen Revolution und der Schwulenbewegung und erzählt gern Geschichten aus dem Krieg. Manchmal im wahrsten Sinne des Wortes. Mit 21, so Dehner, wurde Laaksonen während des Finnisch-Sowjetischen Krieges eingezogen. Bald wurde er Offizier und kommandierte vierzig Mann. Dehner erzählt es mit einem gewissen Stolz, als müsse er beweisen, dass Laaksonen ein richtiger Kerl gewesen sei – und auch Schwuchteln Krieg führen können. "Manchmal erzählte er die Geschichte, wie er einen russischen Fallschirmspringer mit einem Messer tötete", sagt Dehner nachdenklich. "Er fand aber auch", und jetzt lacht Dehner, "der Zweite Weltkrieg sei die schönste Zeit seines Lebens gewesen. Er habe nie zuvor und nie danach so viel Sex gehabt – vor allem mit deutschen Soldaten." Seine erste echte Romanze erlebte Laaksonen mit einem deutschen Kampfpiloten, den er beim Cruisen in einem Park in Helsinki kennenlernte.

War das auch der Grund dafür, dass sich auf seinen Bildern so viele SS-Offiziere tummeln? Selbst wenn Laaksonen immer wieder betonte, die Politik der Nazis zu verachten, kann man ihn nicht so einfach aus der Verantwortung entlassen. Denn auch Männlichkeitsbilder sind ideologisch geformt – und Tom of Finland hat ein durchaus faschistisches Männlichkeitsideal konserviert und es als Fetisch in die Welt getragen. In den fünfziger Jahren mag die Fixierung auf übertriebene Männlichkeit noch eine gewisse Logik gehabt haben. Heute erscheint diese nicht nur homophob, sondern in der Ablehnung alles Weiblichen auch ziemlich misogyn.

"Er erschuf ein Bild, nach dem man sich formen konnte", verteidigt ihn Dehner. Und das galt, muss man hinzufügen, nicht nur für Schwule: In den sechziger Jahren beeinflusste Tom of Finland mit seiner Ästhetik die Bodybuildingkultur in Kalifornien. Und so modellierte schließlich auch Arnold Schwarzenegger seinen Körper nach jenem Idealbild, das einst Touko Laaksonen geschaffen hatte.