Donald Trump ist der erste unamerikanische US-Präsident. Nicht weil er sich jener "unamerikanischen Umtriebe" schuldig gemacht hätte, die für die Kommunistenjäger in den Fünfzigern Hochverrat signalisierten. Aber wie zuletzt in seiner Einführungsrede verrät Trump die uralte Tradition seiner 44 Vorgänger, die in Jesaja 49 wurzelt. Wie Israel sollte Amerika das "Neue Jerusalem" sein, ein "Licht unter den Völkern, Anwalt des Anstands und des Guten" (George H. W. Bush). In der schwärzesten Nacht des Bürgerkriegs beschwor Abraham Lincoln das demokratische Experiment Amerika als "letzte beste Hoffnung der Welt".

Trump aber entzündete kein Licht, sondern verfluchte die Dunkelheit. Im Zentrum seines Horrorgemäldes steht Amerika – die Nummer eins auf jeder Skala der Macht – nicht als Leuchtturm, sondern als Opfer der Völker. In Trumps Kopf rumort die Dolchstoßlegende des 21. Jahrhunderts. Finstere fremde Mächte hätten ein "Gemetzel" in Amerika angerichtet, mitten in Frieden und Vollbeschäftigung.

"Auf Kosten unserer Wirtschaft" habe das Land "die anderen reich gemacht, ihre Armeen alimentiert, ihre Grenzen geschützt, aber nicht die eigenen. Unsere Fabriken sind geschlossen, Abermillionen amerikanischer Arbeiter blieben draußen." Das große Amerika sei das Objekt der Weltverschwörung. Es ist eine Botschaft der Angst und Wut, als hätte Japan abermals Pearl Harbor bombardiert. Angst ist "unamerikanisch", das Gegenteil des "Can do"- Optimismus, den Franklin D. Roosevelt auf der Höhe der Weltwirtschaftskrise feierte: "Fürchten müssen wir allein die Furcht." Oder Bill Clinton: "Was in Amerika richtig läuft, wird immer heilen, was in Amerika falsch läuft."

Trump: Die anderen "klauen unsere Firmen und vernichten unsere Jobs". Folglich: "Kauft nur Amerikanisches, und heuert nur Amerikaner an!" Das ist der nackte nationale Egoismus, der die liberale Weltordnung verrät, die Trumps Vorgänger 70 Jahre lang gehegt haben. Selbstverständlich haben sie es auch zum eigenen Nutzen getan; Staaten sind keine Sozialagentur. Doch das Geniale an dieser Strategie war es, mit den eigenen zugleich die Interessen der anderen zu bedienen. Trumpistan zeigt der Welt die Zähne, während der ältere Bush dozierte: Wir müssen "das Gesicht der Nation freundlicher machen, und so auch das Antlitz der Welt". Macht kommt von Verantwortung, die Eigennutz mit dem Gesamtwohl verknüpft.

Trump poltert: "America first!" Doch Lincoln appellierte an die "besseren Engel unseres Charakters", und John F. Kennedy an die "Energie, den Glauben und die Hingabe, die unser Land leuchten lassen und die ganze Welt wärmen" – Jesaja im Jahre 1961. Washington beschwor 1789 das "Feuer der Freiheit". Das brennt in der Trump-Rede nicht. Stattdessen will er Amerika "stark", "reich" und "stolz" machen.

Wer hat in Europa applaudiert? Nur die Abschottungs-Nationalisten von Le Pen bis AfD. Und natürlich Putin, dem die Selbstisolierung der USA gut ins Konzept passt. Die globalisierte Welt hat Hautwunden geschlagen. Das tiefe Loch, das Trumps Nationalegoismus zu hinterlassen droht, verspricht Knochenbrüche ringsum. Schon hat er die asiatische Freihandelszone gekippt. Mögen die "besseren Engel" Amerikas Trump die Spatenhand lähmen. Und die Europäer ihm zeigen, dass zu jedem "Deal" zwei gehören.