DIE ZEIT: Herr Kubicki, haben Sie sich jemals mit Karl Marx beschäftigt?

Wolfgang Kubicki: Natürlich, Anfang der siebziger Jahre. Damals studierte ich – übrigens gemeinsam mit Peer Steinbrück – Volkswirtschaft an der Uni Kiel, und es war Common Sense, Karl Marx zu lesen. Das machte man in linken Studentenkreisen so.

ZEIT: Welche Werke haben Sie gelesen?

Kubicki: Das Kapital, Band 1. Danach hat es mir auch gereicht, das war schwer zu lesen. Die weiteren Bände gingen ja ohnehin auf Fragmente von Karl Marx zurück. Redigiert wurde das meiste von Friedrich Engels.

ZEIT: Haben Sie im Kapital etwas entdeckt, das Sie überzeugt hat?

Kubicki: Selbstverständlich. Emotional war man auf der richtigen Seite, wenn man glaubte, der Wert eines Produktes werde durch menschliche Arbeitskraft bestimmt. Heute begreife ich, dass kein Kunde danach fragt, wie viel Arbeit in einer Ware steckt. Kunden kaufen, was ihnen nützt. Bei Sozialdemokraten wie Andrea Nahles merke ich allerdings noch immer, dass der Gedanke vorherrscht, alle Arbeit sei gleich viel wert. Aber wenn 20 Feldspieler auf einem Fußballplatz hin und her rennen, dann tun zwar alle das Gleiche, aber nicht alle sind gleich viel wert. Das sah auch ich in den siebziger Jahren ganz anders. Damals beendete ich meine Briefe noch mit der Formel "Mit sozialistischen Grüßen". Es war wichtig, links zu denken und links zu fühlen.

ZEIT: Fühlen Sie sich heute noch links?

Kubicki: Die Kategorie "links" ist überholt. In bestimmten Fragen bin ich sehr sozial eingestellt. Ich glaube, dass die Leistungsfähigen einer Gesellschaft eine Verantwortung für die Schwächeren übernehmen müssen, damit niemand abgehängt wird.

ZEIT: Dann sind Ihnen die Millionengehälter von Topmanagern ein Dorn im Auge?

Kubicki: Ich finde diese Einkommen unangemessen, und ich kann verstehen, dass sich Menschen darüber empören. Aber ich selbst rege mich nicht auf, weil diese Gehälter freiwillig gezahlt werden. Wenn Aktionäre und Aufsichtsräte diese Summen nicht ausgeben wollen, dann sollen sie diesen Irrsinn stoppen. Die Macht dazu hätten sie doch.