Die Amtszeit des Donald Trump fing nicht gut an. Die Demonstrationen gegen den 45. Präsidenten waren die größten seit Vietnam – mit etwa einer Million Teilnehmern allein in Washington. Dennoch behaupteten Trumps Spinmeister, die Inauguration habe mehr Menschen angezogen als die Demo – was ein Vergleich der Luftbilder als Unsinn entlarvt.

Eine krasse Lüge? I wo. Kellyanne Conway, Beraterin des Präsidenten, verkündete, das Weiße Haus habe bloß "alternative Fakten" präsentiert. Daraufhin wurde bei Amazon ein 68 Jahre altes Buch zum Bestseller, George Orwells 1984. Die bekanntesten Begriffe sind "Neusprech" und "Doppeldenk". Anderswo schrieb Orwell, wie die Sprache der Politik "Lügen wahr machen" und dem "Windigen den Anschein des Soliden verleihen" könne.

Wer die neue Sprache verstehen will, muss in der Tat 1984 lesen, das nach ein paar Tagen ausverkauft war. Orwell schreibt: "Schließlich würde die Partei verkünden, zwei plus zwei ergeben fünf, und du müsstest es glauben. Ihre Philosophie verneinte nicht nur die Beweiskraft der Erfahrung, sondern auch die Existenz einer objektiven Realität. Wirklich erschreckend aber war es nicht, dass sie dich wegen deines Unglaubens umbringen würden. Sondern: Was ist, wenn sie recht hätten? Woher wissen wir eigentlich, dass zwei und zwei gleich vier sind?"

Was ist, wenn Trumps abstruse Behauptung stehen bleibt, wonach drei Millionen Nicht-Wahlberechtigte für Clinton gestimmt hätten? Im Kongress glauben das nicht einmal die Republikaner. "Alternative Fakten" schaffen sich ihre eigene Wahrheit; sie müssen nur oft genug wiederholt werden. Eine Kurzfassung des Trumpismus liefert O’Brien, der Chefinquisitor in 1984: "Manchmal gilt zwei plus zwei gleich fünf. Manchmal drei. Manchmal alles auf einmal."

Trump hat diese Wahrheitstheorie nicht erfunden. Auch nicht Hermann Göring: "Wenn der Führer es will, dann sind zwei und zwei gleich fünf." Schon Dostojewski sinnierte: "Dass zwei und zwei vier ergibt, ist eine wunderbare Sache, aber fünf kann auch bezaubernd sein." Es gibt also keine Wahrheit, nicht einmal eine mathematische, wo das Wesen der natürlichen Zahlen nichts anderes zulässt als eben vier. Wenn diese Tautologie schon nicht gilt, lässt sich politische Realität, wo es um Bedeutung und Einordnung geht, endlos verfälschen.

Trump ist der Meister der Manipulation. Das macht ihn zum Paradebeispiel der Postmoderne, die ebenfalls objektive Wahrheit verwirft und an ihre Stelle das "Narrativ" setzt: Meins ist so gut wie deins – oder besser. Wie willst du das entscheiden? Für das System sei der "Common Sense die Irrlehre aller Irrlehren", schreibt Orwell. Ein Getreuer muss "willens sein, schwarz als weiß zu bezeichnen, wenn die Parteidisziplin es erfordert".

Das war vor siebzig Jahren – vorbei, vorbei, nicht wahr? Wie wollen wir dann Putin, Erdoğan oder Orbán einstufen, die die Wahrheit weder miss- noch verachten, sondern schlicht leugnen? Eine überprüfbare Wahrheit aber lässt sich nicht wegreden: Gerade mal 26 Prozent aller Wahlberechtigten haben für Trump gestimmt. Die anderen 74 Prozent müssen – werden? – dafür sorgen, dass die "alternativen Fakten" nicht obsiegen und diese 230 Jahre alte Demokratie in ein Parallel-Universum treiben, wo zwei plus zwei tatsächlich fünf ist.