"Ich halte es für gerechtfertigt, ein Schwein zu töten, damit man es isst. Wichtig für mich ist, dass dieses Lebewesen anständig gehalten wurde." © istockphoto.com

Frage: Herr Hofreiter, wir kommen gerade von McDonald’s – und haben dort sogar etwas Geld gelassen. Was sind wir jetzt in Ihren Augen? Dumm, verantwortungslos, fahrlässig?

Anton Hofreiter: Es steht jedem frei, zu essen, wo er oder sie will. Die Aufgabe der Politik ist es, dafür zu sorgen, dass McDonald’s ökologische und soziale Standards einhält.

Frage: Dann müssen wir kein schlechtes Gewissen haben?

Hofreiter: Als Politiker geht mich Ihr Gewissen erst einmal nichts an. Ich freue mich über jeden, der sich fair und ökologisch ernährt. Aber ich will keine Gesetze für den Küchentisch, sondern für den Stall.

Frage: Wie schön, dass Sie uns so leicht aus der Verantwortung lassen. Wir hatten uns das viel schwieriger vorgestellt mit dem Fressen und der Moral.

Hofreiter: Richtig ist: Nachhaltiger Konsum ist ein zentraler Hebel. Die Agrarwende funktioniert nur, wenn die Verbraucher mitmachen. Ich will die Verantwortung für ein völlig falsches System der industriellen Massentierhaltung aber nicht allein auf den Verbraucher abwälzen, dafür sind Politik und Industrie gefragt. Für Ihren Konsum tragen Sie die Verantwortung.

Frage: Finden Sie? Wer als Verbraucher billiges Fleisch isst, verschuldet millionenfaches Tierleid mit.

Hofreiter: Ich sage: Die Mehrheit des Parlaments verschuldet millionenfaches Tierleid mit!

Frage: Warum fordern die Grünen dann nicht, die Massentierhaltung sofort zu verbieten?

Hofreiter: Wir wollen raus aus der industriellen Massentierhaltung. Das geht nicht über Nacht, wenn man auch die Existenz der Bauern im Blick hat. Wir planen 20 Jahre für die Abschaffung ein. Das ist ambitioniert, aber realistisch.

Frage: Glauben Sie, dass es eine gesellschaftliche Mehrheit dafür gibt?

Hofreiter: Davon bin ich überzeugt. Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher machen sich ernsthafte Gedanken über die Zustände in unserer Lebensmittelproduktion. Umfragen zufolge wollen über 80 Prozent der Verbraucher mehr Tierschutz und eine artgerechtere Tierhaltung. Auch der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik sagt: Die derzeitige Tierhaltung ist nicht zukunftsfähig.

Frage: 20 Jahre sind ganz schön lang. In der Zwischenzeit soll eine Kennzeichnungspflicht für tierische Produkte her.

Hofreiter: Wir wollen ein 3-2-1-0-System einführen. Sie als Verbraucher können dann auf einen Blick erkennen, woher Ihr Fleisch kommt, und Ihre eigene Gewissensentscheidung treffen. Es wäre das gleiche System wie bei den Eiern.

Frage: Sie wollen uns zu aufgeklärten Verbrauchern machen.

Hofreiter: Ich will Ihnen in erster Linie die Chance geben, selbst zu entscheiden, ob Sie ein mündiger Verbraucher sein wollen. Im Moment werden Sie bewusst von Etiketten in die Irre geführt, auf denen Sie fröhliche Kühe grasen sehen. In Wirklichkeit stammt das Fleisch dann aus der industriellen Massentierhaltung.

Frage: Also gut, Sie möchten, dass wir als Verbraucher unsere eigenen Entscheidungen treffen. Gleichzeitig wird uns aber ständig suggeriert, dass nur bestimmte Entscheidungen gesellschaftlich wünschenswert sind. Bio-Eier, Fair-Trade-Schokolade …

Hofreiter: Ich weiß nicht, wer Ihnen das suggeriert. Richtig ist: Das Bewusstsein für Lebensmittel hat wieder zugenommen. Darüber bin ich sehr froh. Denn wie wir uns ernähren, hat massive Auswirkungen: auf unseren Planeten, auf die Tiere, auf Menschen anderswo in der Welt. Diesen Trend muss die Politik für Veränderung nutzen. Und klar ist: Eine fair gehandelte Schokolade hat nun einmal den Vorteil, dass da keine Kinderarbeit drinsteckt. Das ist auch aus christlicher Sicht erstrebenswert. Das Gleiche gilt im Übrigen für einen ethischen Umgang mit unseren Mitgeschöpfen.

Frage: Gibt es nicht so etwas wie ein postfaktisches Ernährungsverhalten? Die Leute wissen doch schon jetzt, dass Bioprodukte gut sind. Trotzdem kaufen sie lieber etwas, was billig ist, ihnen und der Gesellschaft schadet. Wie soll da ein Kennzeichnungssystem helfen?

Hofreiter: Es ist die erste Voraussetzung. Mit einem klaren Kennzeichnungssystem lässt sich schon viel erreichen, das haben wir bei den Eiern gesehen. Heute gibt es fast keine frischen Käfigeier mehr im Laden. Es gibt daneben natürlich Rahmenbedingungen, die man gesetzlich regeln muss, die man nicht dem Verbraucher überlassen darf.

"Ich esse gerne Fleisch"

Frage: Welche denn?

Hofreiter: Den Tierschutz zum Beispiel, der auch in unserem Grundgesetz verankert ist. Die Beschränkung des Antibiotika-Einsatzes zum Schutz vor resistenten Keimen. Wie viel Nitrat in die Böden und potenziell ins Wasser gelangt. Und wir brauchen klare Regeln für den Import von Soja. Genauso wenig wie ich Kinderarbeit zur Herstellung von Billigkleidung akzeptiere, will ich den Import von Gen-Soja, an dem Blut klebt, akzeptieren. Das können Sie überall in Deutschland kaufen. Es stammt zum Teil von Grund, auf dem Kleinbauern ermordet wurden. Ich war in Brasilien, habe dort mit den Betroffenen gesprochen. Der deutsche Staat und die Europäische Union müssen dringend etwas tun. Aber die Mehrheiten im Bundestag sind derzeit nicht bereit, sich mit mächtigen Interessenverbänden anzulegen. Sie wälzen die Verantwortung lieber auf den Verbraucher ab. Das muss sich ändern.

Frage: Sind nicht am Ende beide in der Pflicht, der Verbraucher und der Staat?

Hofreiter: Ja, aber der Verbraucher kann im Moment nur äußerst schwer eine wirklich fundierte Entscheidung treffen, weil ihm die Informationen fehlen. Er weiß ja nicht, woher das Soja stammt. Das gilt auch für die Herkunft von Fleisch.

Frage: Fleisch ist ein sehr emotionales Thema. Das haben Sie bei der Veggie-Day-Debatte …

Hofreiter: … wie langweilig, die Debatten sind doch wirklich ein gutes Stück weiter …

Frage: … gemerkt. Die Menschen hatten das Gefühl, dass Ihnen ein Lebensstil aufgedrückt werden soll. Wie sollte die Politik damit umgehen?

Hofreiter: Die Aufgabe von Politik ist es, unser Zusammenleben so zu gestalten, dass wir frei leben können, ohne die Freiheit anderer einzuschränken oder unseren Planeten zu zerstören. Und das heißt, dafür zu sorgen, dass die Bedingungen des falschen Systems verändert werden. Das ist der Ansatzpunkt, und nicht, mit Ihnen darüber zu streiten, wie oft am Tag Sie zu McDonald’s gehen. Meine Aufgabe als Politiker ist es, die Produktionsbedingungen zu verbessern.

Frage: Dann werden die Kosten für Fleisch zwangsläufig steigen. Eine gut situierte Familie im Prenzlauer Berg schmerzt eine Preiserhöhung von etwa drei bis sechs Prozent nicht, eine Hartz-IV-Familie schon. Wollen Sie, dass Fleisch zum Luxusprodukt wird?

Hofreiter: Interessant, dass immer die Armen ins Feld geführt werden, um katastrophale Arbeitsbedingungen zu rechtfertigen. Die Arbeit auf Schlachthöfen ist die übelste Ausbeutung überhaupt. Deshalb fordere ich für diese Menschen den Mindestlohn, der dort viel zu oft umgangen wird. Und auch viele Bauern kommen kaum über die Runden. Umfragen zufolge wären vier von fünf Verbrauchern bereit, mehr Geld für Fleisch von artgerechter gehaltenen Tieren auszugeben.

Frage: Und die Hartz-IV-Familie, wo bleibt die?

Hofreiter: Uns ist bewusst, dass Menschen mit niedrigen Einkommen stärker von steigenden Verbraucherpreisen betroffen sind – vor allem Hartz-IV-Empfänger. Deshalb muss der Regelsatz erhöht und regelmäßig an die Preisentwicklungen angepasst werden. Wir brauchen eine gerechtere Sozial- und Lohnpolitik. Dann muss niemand bei Lebensmitteln sparen.

Frage: Auch Menschen mit weniger Geld müssen sich gut ernähren können. Dieses Argument haben wir uns nicht ausgedacht. Es wird von politischer Seite ins Feld geführt.

Hofreiter: Dass wir uns die Agrarwende nicht leisten können oder nicht leisten wollen? Von seriöser Seite wird da die Situation von Hartz-IV-Empfängern nicht herangezogen. Mit diesem Argument kommen vor allem Lobbyisten der Agroindustrie. Wen wundert’s? Ich bin es satt, dass Bauern, Verbraucher und der Tierschutz gegeneinander ausgespielt werden, um Verbesserungen für alle zu blockieren.

Frage: Kennen Sie eigentlich das Gefühl, sich als Verbraucher schuldig zu fühlen? Wenn Sie mal nicht nach Ihren eigenen ethischen Standards gegessen haben? Angenommen, Sie würden bei McDonald’s essen …

Hofreiter: Mir schmeckt es da nicht.

Frage: Vielleicht sündigen Sie ja an anderer Stelle.

Hofreiter: Sünde ist ja ein christliches Konzept. Ich bin Naturwissenschaftler. Und Genussmensch. Übrigens: Keiner kann immer ethisch 100 Prozent korrekt handeln.

Frage: Zum Vegetarier kann man Sie nicht machen.

Hofreiter: Ich esse gerne Fleisch. Das ist meine persönliche Entscheidung.

Frage: Sie können Schweine sogar selbst zerlegen.

Hofreiter: Als Biologiestudent habe ich Anatomiekurse geleitet. Ich bin damit vertraut, ja. Das letzte Mal hab ich ein Schwein vor etwa zehn Jahren zerlegt.

Frage: Was haben Sie dabei empfunden?

Hofreiter: Es war einmal ein lebendiges Tier. Natürlich Demut und Respekt. Ich habe mir Mühe gegeben, das Fleisch nicht kaputt zu machen.

Frage: Würden Sie auch anderen diese Erfahrung wünschen?

Hofreiter: Ich glaube, man geht respektvoller mit dem Thema um, wenn man weiß, dass Fleisch nicht aus der Tiefkühltruhe kommt.

Frage: Glauben Sie, dass das Schwein, das Sie zerlegt haben, Gefühle hatte?

Hofreiter: Jetzt werden Sie philosophisch. Diese Frage kann ich nicht beantworten. Aber als Biologe weiß ich, dass das Schwein Schmerzen empfinden konnte. Als es noch lebte, hat es mitbekommen, wie es ihm geht.

Frage: Müssen Sie sich bei den Grünen oft dafür rechtfertigen, dass Sie Fleisch essen? Dort gibt es doch so viele Veganer.

Hofreiter: Eher selten, weil man das von mir weiß. Und ich kann es gut begründen – vor mir selbst und vor anderen.

Frage: Wie vereinbaren Sie es denn mit Ihrem Gewissen, Fleisch zu essen?

Hofreiter: Interessant, dass ausgerechnet Sie mir die Frage stellen – wo Sie doch vorhin bei McDonald’s waren. Aber um die Frage zu beantworten: Ich halte es für gerechtfertigt, ein Schwein zu töten, damit man es isst. Wichtig für mich ist, dass dieses Lebewesen anständig gehalten wurde. Gleichzeitig respektiere ich jeden, der zu einer ethisch anderen Auffassung kommt.

Frage: Hätten Sie das Schwein auch zerlegt, wenn Sie es persönlich gekannt hätten?

Hofreiter: Wahrscheinlich schon. Wenn ich damit ein Problem hätte, würde ich kein Fleisch essen.

Frage: Was verbinden Sie mit Fleischgenuss?

Hofreiter: Viele Kindheitserinnerungen. Bei uns gab es freitags Fisch, samstags Suppenfleisch, sonntags Braten und ansonsten etwas Vegetarisches.

Frage: Aus religiösen Gründen?

Hofreiter: Nein, aus Tradition.

Frage: Finden Sie das erstrebenswert?

Hofreiter: Was heißt erstrebenswert? Viele Menschen entscheiden sich, so zu leben, ich auch. Und es ist auch völlig okay.

Frage: Wenn Sie zum Essen eingeladen werden und nicht wissen, woher das Fleisch auf dem Teller stammt: Essen Sie es dann trotzdem? Oder sind Sie unhöflich und lassen es übrig?

Hofreiter: Mir ist wichtig zu wissen, woher die tierischen Lebensmittel kommen. Die meisten Leute, bei denen ich zu Gast sein darf, wissen, dass ich sehr darauf achte.

Frage: Wie lösen Sie das morgens am Hotelbüfett?

Hofreiter: Das ist ein passendes Beispiel, warum die Politik sich für gute Standards einsetzen muss: Weil man immer wieder in Situationen kommt, wo man selbst nicht alle Informationen hat. Mir ist es wichtig, dass es gute Tierschutzstandards gibt und dass klar erkennbar ist, woher das Fleisch kommt. Ich gebe mir Mühe. Mehr erwarte ich nicht von mir und erst recht nicht von anderen. Und es muss ja nicht immer Fleisch sein.

Frage: Sie haben vorhin gesagt, dass Sie nicht zu McDonald’s gehen. Haben Sie denn nie Lust auf Fast Food? Kommen Sie …

Hofreiter: Ich habe großes Glück: Vor meinem Büro ist eine Wurschtbude mit Fleisch aus artgerechter Haltung. Da bin ich Stammkunde.