Auf die Idee mit dem Kopfgeld kommt Michael Kuhr, als er an einem Sonntagmorgen im vergangenen Dezember die Zeitung aufschlägt. Sein Blick bleibt an einem Artikel hängen, in dem es um einen Unbekannten geht, der einer 26-jährigen Frau in einem U-Bahnhof in Berlin-Neukölln brutal in den Rücken trat. Die Frau stürzte eine Treppe hinunter und blieb verletzt liegen, der Fremde verschwand. Wer ist dieser Kerl? Michael Kuhr sitzt beim Frühstück in seinem Haus in der Nähe des Schlachtensees am Rande Berlins, und je mehr er über diesen Fall liest, desto wütender wird er. Es muss unbedingt gelingen, den Täter zu schnappen, nur wie?

Michael Kuhr fing vor 35 Jahren als Türsteher vor Berliner Diskotheken an, heute ist er 54 und Chef einer Wachfirma. Prominente wie Angelina Jolie und Leonardo DiCaprio werden bei ihren Besuchen in Berlin von Kuhrs Leibwächtern begleitet. Auch Einkaufszentren lässt er beschützen. Kuhr war früher mal Weltmeister im Kickboxen.

Wenn Kuhr von "Therapie" spricht, meint er Schläge. Er hat sich mit arabischen Clans angelegt, die den Handel mit Drogen kontrollieren, nach einer Morddrohung stand er monatelang unter Polizeischutz. Noch heute trägt er, dank einer Ausnahmegenehmigung, eine Pistole der Marke Glock in seinem Halfter. Kuhr ist mit einigen Polizisten befreundet, er schätzt sie sehr, aber an jenem Dezembertag glaubt er nicht, dass sie den sogenannten U-Bahn-Treter schnell finden werden. Er weiß, wie überlastet die Polizei und wie schwerfällig ihre Bürokratie ist. So kommt er auf die Idee mit dem Kopfgeld.

Auf Facebook postet er, er werde 2.000 Euro zahlen, wenn jemand den Hinweis für die Ergreifung des Täters gebe, der von einer Videokamera im U-Bahnhof aufgenommen wurde. Kuhr überlegt erst, das Wort "Belohnung" zu verwenden. Aber "Belohnung", das klingt, als schreibe der Staat in Ruhe eine Prämie aus. Dem zögerlichen Staat traut Kuhr nicht, also lieber: "Kopfgeld". Hört sich offensiver an, nach einer privat organisierten Jagd, wie es sie in der Bundesrepublik noch nicht gegeben hat.

Auf Facebook melden sich binnen weniger Tage Hunderte Menschen bei Kuhr, um ihm zu gratulieren. "Endlich mal einer, der Eier hat", schreibt jemand. Andere posten: "Ich verdoppele das Kopfgeld." – "Ich packe 500 Euro drauf." – "Darauf hat Deutschland gewartet."

Auch die Polizei fahndet nun öffentlich nach dem U-Bahn-Treter. Als der mutmaßliche Täter, ein junger Bulgare, gefasst wird, lässt sich Kuhr den Namen des Tippgebers nennen, der von dem Kopfgeld gar nichts wusste, und überreicht ihm die versprochenen 2.000 Euro.

Damit könnte diese Episode schon zu Ende sein, aber das ist sie nicht. Denn plötzlich bieten viele Menschen an, Kuhr Geld zu spenden für künftige Kopfgeldjagden – manchmal vierstellige Beträge, ein Rentner wäre mit einem Hunderter dabei. Zählt man die Summen zusammen, kommt man auf fast 100.000 Euro. Kuhr will damit eine Stiftung gründen, seine Aktion spricht sich herum. Als Anfang Januar einem Juwelier in der Nähe des Kurfürstendamms vor den Augen seiner zehnjährigen Tochter der Laden ausgeraubt wird, setzt dieser ebenfalls ein Kopfgeld aus. 10.000 Euro. Den Ermittlungsbehörden – so das landläufige Fazit – ist ja nicht mehr zu trauen.

Sieben Wochen nach dem Attentat des Tunesiers Anis Amri am Berliner Breitscheidplatz, bei dem zwölf Menschen starben, ist in Deutschland eine Stimmung entstanden, in der sich Sorgen um die innere Sicherheit vermischen mit Zweifeln an der Stärke des Staates. Nirgendwo ist sie so ausgeprägt wie in Berlin, wo in den Zeitungen fast täglich Meldungen zu lesen sind von Überfällen auf offener Straße und finsteren Gestalten, die Rauschgift in Parks verkaufen.

Die Frage ist, was sich hinter solchen Berichten verbirgt. Ist es nur die unvermeidliche Kriminalität in einer Stadt mit dreieinhalb Millionen Einwohnern, einer Metropole, in der es noch nie so beschaulich zuging wie in Münster oder Göttingen?

Oder gibt es für das, was da in Berlin jeden Tag zu beobachten ist, nur ein einziges hartes Wort: Staatsversagen?

"Wir sind chronisch unterbesetzt"

Die Polizei

Den Staat verkörpern zum Beispiel die Polizisten Mike Solnerzik, 53 Jahre alt, und Alina Cibusch, 22. An einem Nachmittag im Januar rollen sie in ihrem Dienstwagen durch die Stadt. Sie hatten heute bereits Körperverletzungen, Verkehrsunfälle, Nötigungen. Noch vier Stunden bis zum Feierabend.

Solnerzik und Cibusch gehören zum Streifendienst des Abschnitts 36, einer Wache im Wedding, jenem Berliner Ortsteil, in dem die Kriminalitätsrate höher ist als fast überall sonst in der Hauptstadt.

Der Polizist Solnerzik arbeitet hier seit mehr als 20 Jahren, er hat miterlebt, wie sich die Stadt veränderte. Er sagt: "Die Hemmschwelle gegenüber Polizisten ist extrem gesunken. Ich zähle gar nicht mehr mit, wie oft ich beschimpft oder angegangen werde."

Alina Cibusch kommt frisch aus der Polizeischule, aber auch sie sagt schon: "Man muss den Kopf ausschalten können."

Dann trifft der nächste Funkspruch ein: randalierender Mann im S-Bahnhof Berlin-Gesundbrunnen. Solnerzik, am Steuer, schaltet das Blaulicht an, Cibusch versucht über Funk, Einzelheiten zu erfahren. Nach zwei Minuten sind sie am Bahnhof.

Zwei Sicherheitsleute der Bahn stehen mit dem Mann an einer Rolltreppe, sie diskutieren, eine zweite Streife ist zur Verstärkung eingetroffen. Die Lage scheint unter Kontrolle, als der Mann nach einer vorbeilaufenden Passantin schlägt. Sofort stürzen sich die Polizisten auf ihn. Er wehrt sich. Tritte, Schläge, Schreie. Am Ende wird der Mann abgeführt.

Solnerzik und Cibusch fahren zurück zur Wache, um eine Strafanzeige zu schreiben, Widerstand gegen Polizeivollzugsbeamte. Solnerzik hat sich das Handgelenk verdreht, Cibusch hat Kratzer an den Fingern. Nicht der Rede wert, Alltag für Berliner Polizisten.

Nicht viele von ihnen dürfen sich öffentlich äußern. Seit der Panne nach dem Anschlag am Breitscheidplatz, als der Öffentlichkeit stundenlang ein falscher Täter präsentiert wurde, wird intern nach Beamten gefahndet, die Informationen zu dem Anschlag an die Medien weitergegeben haben könnten. Der Berliner Polizeipräsident Klaus Kandt und seine Stellvertreterin sind zu einem Gespräch mit der ZEIT nicht bereit, wegen "terminlicher Gründe".

Im Herbst vergangenen Jahres erhielt der Polizeipräsident einen offenen Brief von der Ehefrau eines Polizisten. Es war ein Hilferuf. Ihr Mann, so die Absenderin, habe zuletzt – wie viele seiner Kollegen – sieben Wochen am Stück durchgearbeitet. Zehn bis zwölf Stunden am Tag. "Ich bin inzwischen quasi alleinerziehend", schrieb sie. Ihr Mann reibe sich auf, weil er es als seine Berufung ansehe, Menschen zu helfen. "Ich kenne die Beulen und Dellen im Schutzhelm, deren Ursprung zu meinem Seelenheil nicht näher definiert wurde. Ich habe Reste von Toten aus der Uniform gewaschen, das Blut meines Mannes aus der Uniform gerieben."

Dieser Brief, er ist ein erstes Indiz. Wenn der Staat in Berlin tatsächlich Schwäche zeigt, dann kann das daran liegen, dass viel zu wenige Polizisten viel zu viel zu tun haben.

Das Streifenduo Solnerzik und Cibusch ist wieder auf der Wache, Schreibarbeit. Fragt man den Polizisten Solnerzik, wie er die Arbeitsbedingungen beschreiben würde, atmet er tief ein und sagt: "Man kommt schon an seine Grenzen."

Die meisten seiner Kollegen vom Abschnitt 36 sehen das ähnlich.

"Wird immer schlimmer."

"Wahnsinniger Verschleiß."

"Wir sind chronisch unterbesetzt."

Man kann solche Äußerungen als Gejammer abtun, welche Berufsgruppe klagt heute nicht über Überlastung? Allerdings sind da einige Fakten, die die Aussagen der Polizisten untermauern. Zum Beispiel gibt es in Berlin nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei derzeit 16.701 Planstellen für Polizisten, das sind erstens rund 1.300 weniger als noch im Jahr 2001. Und zweitens ist die Hauptstadt nicht einmal in der Lage, diese wenigen Stellen zu besetzen. Denn jedes Jahr scheiden mehrere Hundert Polizisten aus dem Dienst aus, viele von ihnen außerplanmäßig, sie gehen in den vorgezogenen Ruhestand oder wechseln in andere Behörden. Die Stadt aber kann den Verlust nicht ausgleichen, denn es kommen zu wenig neue Polizisten nach. Mit der Folge, dass derzeit mehr als tausend Stellen nur teilweise oder gar nicht besetzt sind.

Dabei mangelt es nicht an Bewerbern. Jedes Jahr lassen sich mehrere Tausend Menschen auf der Internetseite der Polizei Berlin registrieren. Am Ende aber wird meist nicht einmal jeder zehnte Interessent genommen. Ein Großteil der Kandidaten scheitert bereits am Online-Vortest. Andere scheiden aus, weil sie schon einmal straffällig geworden sind. Die Schwimmprüfung dagegen muss niemand ängstigen: Die Berliner Polizei hat nicht genug Kapazitäten, um zu testen, ob sich die Bewerber im Wasser bewegen können.

Die schlechte Ausstattung

Aspiranten, die in die engere Wahl kommen, mussten früher ein Diktat schreiben. Seit sechs Jahren werden ihre Deutschkenntnisse nur noch per Multiple-Choice-Verfahren überprüft. Doch auch dies ist für viele Bewerber zu schwer. Es scheinen nicht gerade die talentiertesten jungen Menschen zu sein, die sich noch für den Beruf des Polizisten interessieren.

Schon jetzt führt die Personalnot dazu, dass die Hauptstadt-Polizei manche Straftaten kaum noch verfolgt. Erscheint etwa eine Frau auf einer Polizeiwache, um Strafanzeige gegen unbekannt wegen einfacher Körperverletzung zu stellen, oder meldet eine Familie einen Einbruch in ihr Reihenhaus, dann werden diese Fälle aufgenommen – und de facto gleich wieder geschlossen. Der Schaden ist zu klein, die Chance, den Täter zu finden, zu gering. Für Fahrrad- und Taschendiebstahl gibt es sogar offizielle Geschäftsanweisungen des Berliner Polizeipräsidenten: Demnach sollen die Beamten nur noch ermitteln, wenn Aussicht auf Erfolg besteht.

Im Jahr 2015 lag die Aufklärungsquote bei Taschen- und Fahrraddiebstählen in Berlin jeweils bei gerade einmal 4 Prozent. Bei Wohnraumeinbrüchen waren es 9, bei Autodiebstählen 14 Prozent. Alle diese Zahlen liegen deutlich unter dem Bundesdurchschnitt.

Es ist nicht nur so, dass es in Berlin viel zu wenig Polizisten gibt. Sie sind auch zu schlecht ausgestattet. Die Hauptstadt-Polizisten müssen sich mit einer Ausrüstung begnügen, die in anderen Bundesländern auf den Müll geschmissen wird. Im vergangenen Jahr spendierte der damalige Innensenator seinen Polizeibeamten 1.139 Pistolen. Diese Waffen waren von der Polizei Schleswig-Holstein, wie in vielen anderen Bundesländern, ausgemustert worden. In Brandenburg werden sie noch dieses Jahr verschrottet. Den Berliner Senator störte das nicht. Er erstand die veralteten Pistolen für den symbolischen Preis von einem Euro pro Waffe – ein Schnäppchen.

Im Abschnitt 36 im Berliner Wedding gibt es Polizisten, die eine Dienstpistole aus dem Jahr 1982 tragen. Der neueste technische Stand ist das nicht, es gibt kaum noch Ersatzteile, und die Pistole hat nur 8 statt 15 Schuss, was bei einer Terrorlage entscheidend sein kann. Auch die Schutzwesten sind veraltet. Die junge Beamtin Alina Cibusch hat sich für 80 Euro eine private Weste gekauft, weil ihre Dienstweste zu groß war für eine zierliche Person wie sie. Manche Beamte sagen spöttisch, man gehe bei Polizisten wohl automatisch davon aus, dass sie sich irgendwie durchschlagen.

Was aber tut ein Polizist, dessen Funkgerät versagt? Vor acht Jahren wurde der Digitalfunk der Berliner Polizei eingeführt, bis heute funktioniert er nicht richtig. In Gebäuden mit dicken Mauern, in U-Bahnhöfen, Tiefgaragen oder am Stadtrand ist das Funksignal derart schwach, dass die Beamten für ihre Einsatzleiter oft nicht mehr erreichbar sind. Als im Juli 2016 im Benjamin-Franklin-Klinikum Schüsse fielen – ein Patient hatte seinen Arzt getötet –, stand zunächst nicht fest, ob es sich um einen Einzeltäter handelte. Sechs Beamte durchsuchten Flure und Behandlungszimmer und konnten kaum den Funkverkehr verfolgen: Statt eines Lageberichts hörten sie Rauschen.

Seit 30 Jahren fließt kaum noch Geld in die Instandhaltung der Berliner Polizeiwachen. In vielen Gebäuden funktionieren die Heizungen nicht mehr richtig, Fenster sind undicht. Ein besonders marodes Dienstgebäude steht in Berlin-Hohenschönhausen. Dort wurde eine Polizistin von einem herabfallenden Mauerteil verletzt.

Es gibt Beamte, die tragen jetzt Kriegswaffen statt einfacher Pistolen. Sie dürfen auf Verdächtige schießen, auch dann, wenn es kein Fall von Notwehr ist. Die Rede ist von der Polizei, aber nicht in Berlin, sondern in einer anderen europäischen Hauptstadt, die vom Terror heimgesucht wurde: Paris.

Um für die Fahndung nach Verbrechern, insbesondere Terroristen, besser gewappnet zu sein, dürfen Polizisten jetzt das deutsche Sturmgewehr G36 benutzen. Diese Waffe stand in Frankreich bisher nur der Armee und wenigen Eliteeinheiten von Polizei und Gendarmerie zu. Damit dürfen die Polizisten nach Warnschüssen auf Bewaffnete, Flüchtige und Fluchtwagen schießen. Früher war dies verboten.

Auch die Polizeikräfte der Metropolitan Police (Met) in London haben heute erheblich mehr Freiraum bei der Überwachung, Durchsuchung und Festnahme möglicher Attentäter. Dazu zählt, dass Verdächtige bis zu 28 Tage inhaftiert und befragt werden können, ohne dass offiziell Anklage erhoben wurde.

Vor Londoner Hochhäusern, U-Bahn-Stationen, Einkaufszentren und Fußballstadien, überall dort, wo Menschenmengen zusammenkommen, wurden dauerhafte Barrieren aus Stahlbeton errichtet, die Attentätern in Lastwagen den Weg versperren. Die Sondereinheit SCO19 wurde im vergangenen Sommer um 400 Mann aufgestockt, die für Attentatsfälle trainiert und ausgerüstet sind – mit Anzügen aus Kevlar, Nachtsichtgeräten, gepanzerten SUVs, Schnellbooten, Helikoptern, Maschinenpistolen und Sturmgewehren.

Man muss solche Aufrüstungsprogramme nicht unbedingt begrüßen, muss es nicht gut finden, wenn Polizisten zu Robocops mutieren. In Berlin aber wäre die Polizei schon zufrieden, wenn es ihr wieder so ginge wie in der Vergangenheit. Damals, vor dem Mauerfall, waren allein in West-Berlin so viele Polizisten unterwegs wie heute in der ganzen Stadt.

Die Justiz lässt die Täter laufen

Die Berliner Polizisten von heute aber dürfen nicht einmal ihre Waffe außerhalb des Dienstes tragen. In vielen anderen Bundesländern ist dies ausdrücklich erlaubt, weil Täter oft von Polizisten erwischt werden, die privat unterwegs sind. In der Hauptstadt ist es seit vergangenem Jahr verboten.

"Das ist für mich unbegreiflich", sagt Michael Böhl, der Berliner Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Er habe den Polizeipräsidenten schriftlich nach dem Grund gefragt, aber der Präsident habe nur ausweichend geantwortet. Böhl forschte nach und erfuhr in der Verwaltung des Senats Genaueres: "Ein Polizist hatte wohl während eines Spaziergangs seine Dienstwaffe dabei und gab einem schwer verletzten Wildschwein den Gnadenschuss."

Angesichts dieser Zustände muss sich niemand darüber wundern, dass sich Polizisten zunehmend von ihren Behördenleitern abwenden. Bei einer Studie der Freien Universität, die Beamte eines Berliner Polizeiabschnitts befragte, gaben 74 Prozent von ihnen an, dass sie sich nicht mehr auf die Rückendeckung der Vorgesetzten verlassen könnten. Die Wertschätzung sei verloren gegangen.

Wohin das führt? Bei Michael Pfahler führte der Weg in eine politische Partei. Pfahler ist ein großer, kräftiger Mann. Kurze Haare, Halbbrille, Vater von fünf Kindern. Er ist jahrelang Streife gefahren, nennt sich selbst einen "Schutzmann". Sein Vater, sagt er, sei Mitglied der CDU gewesen. Aber die Union habe sich "extrem nach links entwickelt, gegen den Staat", meint Pfahler.

Als Pfahler im Jahr 1988 im Westen der Stadt seine Ausbildung bei der Polizei begann, war Berlin noch geteilt. Dann fiel die Mauer, und die Stadt, deren beide Hälften stark subventioniert worden waren, von der DDR und der Bundesrepublik, schlug einen beispiellosen Sparkurs ein.

"Manche Länder wie Bayern haben aufgerüstet", sagt Pfahler. "Berlin aber kriegt es nicht mal hin, die Schießstände wiederherzustellen."

Tatsächlich sind in Berlin auf allen der Polizei zur Verfügung stehenden Schießständen nur noch 11 von 73 Schießbahnen intakt. Der Rest ist marode, asbestverseucht oder technisch überholt. "Das führt dazu", sagt Pfahler, "dass die Kollegen, wenn sie Glück haben, einmal im Jahr schießen gehen können, mit einer echten Waffe." Echte Schüsse sind wichtig, weil eine reale Waffe anders funktioniert als eine Laserpistole, von der kein Rückschlag ausgeht. Eine Schussübung pro Polizist und Jahr – auch so lässt sich die Lage in Berlin beschreiben.

Es gebe Kollegen, sagt Michael Pfahler, "die resignieren. Die sagen, ich gehe zwar meinem Dienst nach, mache aber nur das Nötigste, und dann gehe ich nach Hause und schalte ab." Er konnte das nicht. Pfahler bekam schwere Herzprobleme, er ist in psychotherapeutischer Behandlung und dienstunfähig. Mit 44 Jahren.

Pfahler wohnt in einer Kleinstadt in Brandenburg. Vor zwei Jahren ist er Mitglied einer neuen Partei geworden, für die er jetzt in der Gemeindevertretung sitzt. Es ist die AfD.

Die Justiz

An einem Sommertag rast ein junger Mann mit seinem Wagen durch Berlin. Mehrfach schneidet er einen anderen Autofahrer, bis dieser die Anhaltekelle schwenkt und sich als Polizist zu erkennen gibt. Der Mann flüchtet und fährt dabei einen hinzugerufenen Beamten fast tot. So steht es später im Polizeibericht. Als die Polizei den Flüchtenden schließlich stellt, zeigt sich: Der 24-Jährige ist bereits als Intensivtäter im Computersystem der Polizei registriert. Er wird vorläufig festgenommen. Doch die Staatsanwaltschaft entscheidet, keinen Haftbefehl zu erlassen. Auch das Fluchtauto wird nicht beschlagnahmt. Der Beschuldigte darf nach Hause fahren.

Die Verfolgungsjagd spielte sich im Sommer 2011 ab. Warum die Staatsanwaltschaft damals so entschied, kann sie auf Nachfrage der ZEIT nicht mehr beantworten. Sie habe keine Unterlagen mehr, teilt sie mit.

Es ist ein Polizist, der diese Geschichte erzählt und sagt, er kenne Dutzende solcher Beispiele. Der Mann will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen, nur so viel: Er war zehn Jahre lang leitender Beamter des Landeskriminalamtes im Bereich Organisierte Kriminalität. Er sagt: "Ich habe in meinem Berufsleben bestimmt tausend Festnahmen gemacht. Von Diebstahl bis hin zu schwerer Körperverletzung war alles dabei. Und in der Hälfte der Fälle blieb das für den Täter folgenlos."

Täter, die trotz mehrfacher Straftaten wie Diebstahl und Körperverletzung nie verhaftet wurden. Drogendealer, die schon zum zwanzigsten Mal beim Dealen erwischt, jedoch nie angeklagt wurden, weil die Menge der Drogen zu gering war. Kurz gesagt: Die Berliner Polizei ist überlastet, sie ist schlecht ausgerüstet. Aber wenn sie dann einmal einen Verbrecher erwischt, dann lässt die Justiz ihn laufen, und die Polizei hat umsonst gearbeitet. Das jedenfalls ist der Eindruck vieler Ermittler. Doch ist es wirklich so einfach?

Wo ist Frank?

Spricht man mit Staatsanwälten über diese Frage, bekommt man oft eine überraschende Antwort. Zu erwarten wäre, dass die Staatsanwälte die Vorwürfe zurückweisen, dass sie Zahlen zitieren, die belegen, wie eifrig sie überführte Täter vor Gericht bringen. Aber das ist nicht der Fall. Stattdessen legen auch sie Wert darauf, nicht namentlich genannt zu werden – und sagen dann Sätze wie diesen: "Einem Staatsanwalt in Berlin werden jeden Monat zwischen 80 und 100 neue Fälle zugewiesen – viel mehr, als er bewältigen kann. Der Stapel offener Verfahren auf unserem Schreibtisch wächst unaufhörlich."

Es ist fast die gleiche Geschichte, die auch die Polizisten erzählen. Wieder geht es nicht um Faulheit oder falsche Milde. Sondern um Überlastung und zu wenig Personal. Ein Staatsanwalt, seit mehr als 20 Jahren im Dienst, sagt, es gebe Kollegen, die einen Teil ihrer Verfahren ungesehen einstellen, die Täter also laufen lassen. "Die betrachten das als eine Form von Notwehr, um von den Aktenbergen nicht erdrückt zu werden." In Wahrheit unterhöhlen sie aber den Rechtsstaat.

Der Karriere ist ein solches Verhalten nicht unbedingt abträglich, im Gegenteil. Der altgediente Staatsanwalt schildert das Dilemma am Beispiel eines Kollegen, den es wirklich gibt, er nennt ihn "Kisten-Meier". "Also, Meier ist ein richtig guter Staatsanwalt", sagt er. "Seine Verfahren bearbeitet er mit Sorgfalt, er gewinnt sie meist. Aber weil er so gewissenhaft ist, häufen sich auf seinem Schreibtisch die Kisten mit den noch unbearbeiteten Verfahren. Kisten-Meier wird bei Beförderungen immer das Nachsehen haben, weil bei ihm die Erledigungszahlen nicht stimmen. Aber auf die kommt es an."

Auch hier gibt es Fakten, die solche Aussagen stützen. So ist die Zahl der Anklagen bei den deutschen Strafgerichten zwischen 2005 und 2015 bundesweit um 27 Prozent gesunken. Man könnte meinen, in Deutschland würden keine Straftaten mehr verübt. In Wahrheit kommen viele schlicht nicht mehr zur Anklage.

Mitunter scheitern Staatsanwälte auch am Mangel an Beweisen. Nicht weil diese nicht existierten. Sondern weil sie nicht in der Lage sind, sie bei Gericht vorzulegen. "Es gibt keine Dolmetscher, die fremdsprachige Inhalte aus Telefonüberwachungen übersetzen, auf DNA-Gutachten warten wir Monate", sagt eine Berliner Staatsanwältin. "Und da wundert sich noch einer, dass wir die Leute reihenweise aus der Untersuchungshaft entlassen müssen."

Derzeit müssen sich vor dem Berliner Landgericht montags und mittwochs verschiedene Mitglieder arabischer Familienclans wegen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Dienstags und donnerstags stehen elf Rocker wegen gemeinschaftlichen Mordes in einem Wettbüro vor Gericht. Beides sind aufwendige Großverfahren, mit denen die Justiz – neben den vielen kleinen Prozessen – ausgelastet ist. "Wenn Anis Amri überlebt hätte und hier angeklagt worden wäre, dann wäre die Behörde geplatzt", sagt die Staatsanwältin. "Diesen Prozess hätten wir nicht auch noch stemmen können. Wir haben zu wenige Justizbeamte, zu wenige Leute für den Zeugenschutz, noch nicht einmal einen geeigneten Saal. Stattdessen haben wir jetzt einen Justizsenator, dessen erste Amtshandlung Unisex-Toiletten in öffentlichen Gebäuden sind. Das ist grotesk. Wie soll man sich da von der Politik ernst genommen fühlen?"

Man ist damit bei jenen Leuten angekommen, die Polizei und Justiz gleichermaßen benennen, wenn es darum geht, die Schuldigen der Misere zu finden: die Politiker. Der Berliner Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Bodo Pfalzgraf, drückt es so aus: Es fehlten Politiker, die "den Arsch in der Hose haben, auch mal eine unpopuläre Entscheidung zu treffen und die dann auch durchzuziehen".

Die Politik

Geht es um die Sicherheitspolitik in der Stadt, bekommt man in Berlin oft zu hören, dass sie heute – unter der rot-rot-grünen Regierungskoalition – verheerend sei, weil Linken eine schwache Polizei lieber sei als eine starke. Ganz anders früher! Damals, genauer gesagt bis zum vergangenen Jahr, stellte noch die CDU den Innensenator. Ein Mann, den manche ehrfurchtsvoll einen Schwarzen Sheriff nannten: Frank Henkel.

In Wahrheit gilt der Mann vielen als Mysterium, weil er von sich die Legende verbreiten konnte, er greife hart durch. Tatsächlich machte er sich meist unsichtbar, sobald politischer Streit aufflammte. Der monatelangen Besetzung des Oranienplatzes in Berlin-Kreuzberg durch Hunderte Flüchtlinge sah Henkel tatenlos zu. Und lieber fuhr er zu einer Nato-Tagung nach Brüssel, als sich um die weltweit bekannt gewordenen Zustände vor dem Flüchtlingsamt Lageso zu kümmern.

Zu wenig Polizisten? Fehlende Schutzkleidung? Dauerthema während Henkels Amtszeit. Der Satz, den leitende Beamte der Polizei am häufigsten über ihn sagten, lautete: "Wo ist Frank?" Auch zu einem Gespräch mit der ZEIT ist Henkel nicht bereit.

Selbst für die Al-Nur-Moschee in Berlin-Neukölln, auf die Verfassungsschützer mit Sorge blicken, interessierte sich der Innensenator kaum. Ein Video des Dokumentationskanals Memri-TV zeigt den Hassprediger Abu Bilal Ismail in der Moschee, wie er im Jahr 2014 Juden als "Kriminelle", "Kindermörder" und "Schlächter der Propheten" bezeichnete. Er predigte nicht, er brüllte.

"Die Paranoia nimmt zu – die Sicherheit nicht"

Bis zu 1.200 Menschen besuchen die Freitagspredigt, unter ihnen viele Jugendliche. Die Moschee betreibt sogar einen Shuttle-Service am Flughafen, um die Gläubigen einzusammeln. Im Februar 2015 beschloss die Bezirksversammlung von Berlin-Neukölln, bei der Senatsverwaltung für Inneres einen Verbotsantrag zu stellen. Es geschah so gut wie nichts. Der Innensenator Henkel fühlte sich nicht zuständig. Er delegierte das unangenehme Thema an einen einzelnen Beamten, der von nun an für die Moschee zuständig war – von dem die Neuköllner Bezirkspolitiker aber nie mehr etwas hörten. Im Januar 2016 wurde der amtliche Moschee-Beobachter krank, dauerhaft. Im Oktober schied er aus dem Dienst aus. Da war in Berlin gerade gewählt worden, die Regierung wechselte, die CDU ging in die Opposition. So fragte auch niemand mehr: Wo ist Frank?

Das alles sollte man wissen, bevor man einzuschätzen versucht, wie wichtig der derzeitigen rot-rot-grünen Regierung das Thema innere Sicherheit ist. Man kann dazu den Koalitionsvertrag heranziehen, in dem die Pläne der Regierung festgeschrieben sind, auf 177 Seiten. Die innere Sicherheit taucht darin auf, allerdings erst ziemlich weit hinten, noch hinter dem Thema "Die Koalition wird den Tanz in Berlin stärken".

Dass die Linkspartei der Polizei und der Justiz nicht sonderlich nahesteht, verblüfft niemanden. Auch nicht, dass den Grünen zum Thema zuerst der Kampf gegen Racial Profiling einfällt, die Auswahl verdächtiger Personen nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Anders ist es bei der SPD. Auf sie käme es an. Der frühere Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky, und der ehemalige Innensenator Ehrhart Körting waren stilbildend für einen harten Kurs gegen Kriminalität – und beide sind Sozialdemokraten.

Auch Andreas Geisel ist in der SPD, er ist Berlins neuer Innensenator. Ein vergnügter 50-jähriger Wirtschaftswissenschaftler aus dem Osten der Stadt. Bis zum Regierungswechsel war er Bausenator, und das sehr gern. Nun, an einem Tag im Januar, sitzt Geisel in seinem neuen Büro – zwischen übrig gebliebenen Fußball-Fanartikeln seines Amtsvorgängers – und versucht, in aller Ruhe die Lage zu sondieren. Aus der Stadt schlägt ihm die Erwartung einiger entgegen, hart durchzugreifen – andere sorgen sich um Berlins weltoffenen Charakter. Geisel legt die Fingerspitzen aneinander und sagt: "Vieles, was heute Staatsversagen genannt wird, hätte man in ruhigeren Zeiten Rechtsstaatlichkeit genannt. Da heißt es jetzt: 'Warum fangt ihr den nicht einfach weg?' Oder: 'Wenn ihr einen Verdacht habt, legt dem doch eine Fußfessel an.' Da sind wir drauf und dran, immer mehr aufzugeben, was wir nicht aufgeben sollten. Das verändert unser Land in eine Richtung, die ich nicht will."

Es ging in den Gesprächen für diesen Artikel selten um philosophische Fragen von Recht und Unrecht. Polizisten, Staatsanwälte, alle waren zu sehr mit der Verwaltung des Zuwenig beschäftigt, um auf die Idee zu kommen, dass ein Zuviel an Bewaffnung und Härte auch heikel werden könnte, irgendwann, theoretisch.

Es ist nicht so, dass Geisel nicht auch über die Alltagsarbeit der Polizei spräche. Er wolle möglichst schnell die Problemliste abarbeiten, sagt er. Schutzwesten, Waffen, Digitalfunk. Geisel sagt aber auch: "Ich finde, dass weder Israel noch die USA ermutigende Modelle dafür liefern, dass immer neue Maßnahmen wirklich mehr Sicherheit schaffen. Die Paranoia nimmt zu – die Sicherheit nicht."

Andreas Geisel wäre gern Bausenator geblieben, das verschweigt er nicht. Aber in der letzten Nacht der Koalitionsverhandlungen im vergangenen November geschah etwas, das angesichts der aktuellen Sicherheitslage der Stadt, der ganzen Republik, eigentlich unbegreiflich ist. Es ging um die Frage, welche Partei welche Ressorts in der Regierung besetzt. Die Vertreter der SPD wussten, was sie haben wollten: das Ressort Bildung. Aber bei Verhandlungen geht es darum, Kompromisse zu schließen, die Leute von der SPD tuschelten auf dem Flur, und dann sagte einer von ihnen: "Dann nehmen wir es halt" – es, das Ressort Inneres. Es lag herum wie ein Ladenhüter. Auch die Grünen und die Linkspartei interessierten sich nicht dafür. "Der wächst schon in den Anzug rein", sagte ein Sozialdemokrat. Der – gemeint war Andreas Geisel.

Man kann es auch so zusammenfassen: Die Partei, die jetzt für die innere Sicherheit in Berlin verantwortlich ist, wollte es gar nicht sein. Und der Mann, der für diese Partei jetzt Innensenator ist, er wollte es gar nicht werden. Nun muss er.

Mitarbeit: Georg Blume, John F. Jungclaussen