Hier also wollen zwei deutsche Manager und drei chinesische Großkonzerne das Auto des 21. Jahrhunderts erschaffen. "FMC" steht auf dem zerknitterten Zettel, den jemand auf die Eingangstür der Future Mobility Corporation geklebt hat. Für die Entwicklung eines Firmenlogos hatten die Gründer keine Zeit. Sie beziehen ihr Hauptquartier gerade erst, einen ausgedienten Fabrikkomplex am Rande der südchinesischen Metropole Shenzhen. Im Eingangsraum gibt es bislang: ein paar Drehstühle, teils noch in Plastikfolie, sechs Mitarbeiter vor Notebooks, eine Topfpflanze, ein paar bunte Tassen. Es riecht nach frisch gebrühtem Kaffee. Arbeiter reißen Trennwände ein und verlegen Kabelstränge, damit alles bereit ist, wenn die Neuen kommen.

Hunderte Menschen wird FMC in den nächsten Wochen anstellen. Sie sollen ein Elektromobil made in China konzipieren, wie es die Welt noch nie gesehen hat: vernetzter und massentauglicher als alles, was bislang auf dem Weltmarkt ist.

"Wir wollen das Apple der Automobilindustrie werden", sagt Carsten Breitfeld, der das Unternehmen zusammen mit Daniel Kirchert, einem weiteren Deutschen, leitet.

Das klingt etwas großspurig. FMC ist schließlich keine zehn Monate alt, das Unternehmen hat bislang weder eine Fabrik noch ein Auto. Doch es versetzt die Konkurrenz aus Deutschland und dem Silicon Valley tatsächlich in Unruhe.

Das Start-up hat einige der klügsten und ambitioniertesten Köpfe eingekauft: Topentwickler von BMW, Daimler, Google und Tesla. Dazu kommen Kapital und politische Macht. Hinter FMC stehen mit dem Internet-Giganten Tencent und dem Autohändler Harmony zwei der mächtigsten Konzerne der Volksrepublik, dazu kommt der iPhone-Fertiger Foxconn. Und vor allem hat FMC das Regime in Peking im Rücken. Der Co-Chef Daniel Kirchert sagt: "Die Regierung hat eine klare Vision. Sie will Chinas Autoindustrie auf die globale Bühne bringen, mit sauberen Fahrzeugen ohne Emissionen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

In dem Jungunternehmen sind die Rollen klar verteilt. Breitfeld, 53, gebürtiger Niedersachse, ist der oberste Entwickler. Nach seiner Promotion als Maschinenbauingenieur hat er fast 20 Jahre lang bei BMW Karriere gemacht, avancierte vom Fahrwerkstechniker zum Projektverantwortlichen für den Hybrid-Sportwagen i8. Er gilt weltweit als Koryphäe für den Bau von E-Autos. Mit China hatte er bislang wenig zu tun.

Kirchert, 43, gebürtiger Bayer, ist der Wanderer zwischen den Welten. Als Kind las er schon Bücher über asiatische Schriftzeichen, später heiratete er eine Chinesin, seit Jahren lebt er im Land, spricht fließend Mandarin und sogar regionale Dialekte. Und er weiß, wie man den Chinesen Autos verkauft. Im Jahr 2007 wurde Kirchert regionaler Marketing- und Verkaufschef von BMW. Binnen sechs Jahren verachtfachte er den Absatz. Dann wechselte der Manager als China-Chef zu Infiniti – und verdoppelte dort den Umsatz des japanischen Luxuswagenherstellers.