In diesen Zeiten hat ausgeprägte Zuversicht fast etwas Unanständiges: "Das menschliche Leben ist heute besser als zu jedem früheren Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte." So beginnt der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton seine Universalgeschichte des Kapitalismus, sie ist ein Paukenschlag: Der große Ausbruch. Sie handelt davon, wie die Menschen die Ketten der Armut gesprengt haben, die sie über Jahrtausende hinweg gefangen hielten. Man kann Deatons Buch deshalb als Versuch lesen, der Welt den Glauben an sich selbst zurückzugeben, der irgendwo zwischen Finanzkrise, Trump und Brexit auf der Strecke geblieben ist. Aber gelingt das?

Angus Deaton datiert den Beginn dieses "Ausbruchs" auf die Mitte des 18. Jahrhunderts, als das Zeitalter der Aufklärung das Fundament legte für die wissenschaftlichen und technologischen Neuerungen der industriellen Revolution, die den Wohlstand demokratisierten. Fließendes Wasser gab es schon im alten Rom, aber erst der Anstieg der Masseneinkommen ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machte solche Annehmlichkeiten breiten Bevölkerungsschichten zugänglich – mit erheblichen Folgen für das Leben der Menschen. Während sich die durchschnittliche Lebenserwartung in England bis etwa 1750 kaum gewandelt hatte, stieg sie nun innerhalb von nur eineinhalb Jahrhunderten von 40 auf 80 Jahre an.

Für Deaton ist das "eine der dramatischsten, schnellsten und positivsten Veränderungen der Menschheitsgeschichte" – und er nennt weitere: Heute können vier Fünftel der Menschheit lesen, vor 60 Jahren waren noch 50 Prozent aller Menschen Analphabeten. Die Wahrscheinlichkeit, eines gewaltsamen Todes zu sterben, ist in der Gegenwart sehr viel geringer als in der Vergangenheit, die Menschen werden größer "und wahrscheinlich auch intelligenter".

Am stärksten ausgeprägt ist dieser Trend zwar in den Industrienationen, aber er hat längst auf die Entwicklungsländer übergegriffen. Seit 1950 ist die Lebenserwartung in den ärmeren Staaten von 42 auf 60 Jahre gestiegen, was einer der wesentlichen Gründe dafür ist, dass die Weltbevölkerung in den vergangenen Jahren stark zugenommen hat. Es ist für Deaton das historische Verdienst des Kapitalismus, dass es der Welt gelungen ist, in den vergangenen 50 Jahren rund vier Milliarden Menschen zusätzlich zu versorgen – und zwar alles in allem nicht schlecht, denn wer heute lebt, genieße "im Durchschnitt ein sehr viel besseres Leben als Eltern und Großeltern".

Die Globalisierung hat diese Entwicklung noch einmal beschleunigt. Die zunehmende internationale Vernetzung aller Lebensbereiche in den vergangenen 30 Jahren ist aus Deatons Sicht sogar verantwortlich für den "größten Ausbruch aller Zeiten". Der Anteil der Menschen, die von weniger als einem Dollar am Tag leben müssen, ist zwischen 1981 und 2008 von 40 auf 14 Prozent gesunken, was vor allem daran liegt, dass das rasche Wirtschaftswachstum in China und Indien "Hunderte Millionen Menschen vor Armut und vorzeitigem Tod" gerettet habe.

Diese Umwälzungen brachten allerdings auch die Ungleichheiten mit sich, die der Politik nun zunehmend zu schaffen machen. Unter den Jägern und Sammlern der Frühzeit spielte der soziale Rang kaum eine Rolle. Es gab innerhalb der verschiedenen Stämme keine Anführer, Könige oder Priester, und die Ressourcen wurden "bemerkenswert gleichmäßig" verteilt – auch weil Vorratshaltung weitgehend unbekannt war: Wenn sich ein Jäger an einem Mammut satt gegessen hatte, teilte er den Rest mit den anderen Mitgliedern seines Stammes.

Für den Ökonomen Deaton gibt es keine Grenzen des Wachstums

Der Fortschritt in Europa seit der Frühen Neuzeit aber, der in der kapitalistischen Moderne kulminierte, ermöglichte die Anhäufung eines individuellen Wohlstands, der zugleich vielen auch als ungerecht erscheint. Anders gesagt: Eine bessere Welt ist eine Welt größerer Ungleichheit, und hier müsste man Deaton ergänzen: einer Ungleichheit, die als solche empfunden und kritisiert wird.

Die industrielle Revolution hat zusammen mit der Aufklärung die erste große Kluft aufgerissen. Sie verläuft zwischen dem Westen und den übrigen Teilen der Welt und wurde trotz aller Fortschritte im Kampf gegen die Armut bis heute nicht geschlossen. Immer noch leben weltweit fast eine Milliarde Menschen in materiellem Elend – der größte Teil davon in Afrika. In den vergangenen Jahren wiederum haben genau dieselben Kräfte, die es den armen Ländern ermöglichten, wirtschaftlich gegenüber den reichen Nationen aufzuholen, neue Gräben innerhalb der Industrienationen entstehen lassen. In den Vereinigten Staaten beispielsweise sind die Löhne der unteren 20 Prozent der Einkommensempfänger nach Abzug der Inflation seit den siebziger Jahren gesunken, auch weil Arbeitsplätze in Niedriglohnländer wie China verlagert worden sind.

Deaton verschweigt diese Probleme nicht. Am Ende aber verblassen die Bedenken für ihn angesichts des gewaltigen Sprungs nach vorne, den die Menschheit in den vergangenen 250 Jahren gemacht hat: Facebook-Gründer Mark Zuckerberg mag mit seinen enormen Reichtümern zum Anstieg der Ungleichheit in den USA beigetragen haben, viel wichtiger aber ist für Deaton, dass er mit seiner Erfindung "das Leben von Millionen Verbrauchern verbessert" hat.

Karl Marx hat in seinem Kommunistischen Manifest das emanzipatorische Potenzial des freien Marktes beschrieben, der "kolossale Produktivkräfte" entfesselt habe und "alles Ständische und Stehende" hinweggefegt habe. Doch während Marx noch davon überzeugt war, dass der Kapitalismus an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gehen werde, ist der Glaube an den Fortschritt in Deatons optimistischem Manifest ungebrochen.

Das unterscheidet seinen Ansatz auch von zeitgenössischeren Untergangsszenarios, die feststellen, dass der Klimawandel, eine Eskalation der Migrationskrise oder neue Pandemien der Menschheit den Garaus machen könnten. Für den Ökonomen Deaton gibt es hingegen keine Grenzen des Wachstums, er tritt als ein von der Machbarkeit Überzeugter auf: Umweltprobleme lassen sich ingenieurwissenschaftlich in den Griff bekommen, und mithilfe des medizinischen Fortschritts werden sich am Ende auch Zivilisationskrankheiten und sogar Krebs besiegen lassen.

Angus Deaton ist kein Neoliberaler – er interessiert sich mehr für Statistiken als für Ideologien. Aber weil er den herrschenden Verhältnissen viel Gutes abgewinnen kann, hat er wenig übrig für radikale Reformvorschläge, wie sie etwa der französische Ökonom Thomas Piketty in seiner Auseinandersetzung mit der Globalisierung vorträgt. Wenig hält Deaton beispielsweise von einer Erhöhung der Entwicklungshilfe. Das Geld aus dem Norden vergrößere die Armut im Süden oft nur, weil die Regierungen in den Empfängerländern sich weniger um das Wohl ihrer Bevölkerung kümmern müssten, wenn andere das täten.

Deatons Ansatz hat politisch blinde Flecke

Deatons größte Sorge ist vielmehr, dass die Wohlhabenden in ihren Ländern den Staatsapparat kapern. Dadurch könnten sie die Regeln des Wirtschaftslebens in ihrem Sinne manipulieren und damit nachkommenden Ausbrechern aus dem Gefängnis der Armut gleichsam "den Fluchtweg abschneiden". In den USA sei das schon der Fall, weshalb dort die Notwendigkeit staatlicher Eingriffe in das Marktgeschehen – etwa in Form höherer Steuern auf Spitzeneinkommen – möglicherweise gegeben sei.

Das Ziel solcher Eingriffe ist es aber nicht, den Markt auszuhebeln, sondern ihn in der ordnungspolitischen Tradition der Freiburger Schule von verzerrenden Einflüssen zu befreien, damit die Marktkräfte ihr segensreiches Werk tun können. Das gilt auch für den Markt für Arbeitskräfte, weshalb sich Deaton zum Beispiel dafür ausspricht, mehr Menschen aus den armen Ländern Zugang zu den Arbeitsmärkten in den Industrienationen zu gewähren, weil sie dort ein höheres Einkommen erzielen können als in der Heimat.

Die gerade in verhaltensökonomisch inspirierten Forschungen beschriebenen Funktionsdefizite von Märkten kommen bei Deaton kaum vor, doch das ist nicht die eigentliche Schwachstelle seines Ansatzes: Vor allem hat er politisch blinde Flecke. Denn selbst wenn man der ökonomischen Logik seiner Argumentation folgt, bleibt doch das Problem, dass die Menschheit nun einmal in Staaten organisiert ist und sich nicht als globale Gemeinschaft begreift, weshalb der zuversichtlich kosmopolitische Blick den politischen Realitäten kaum gerecht wird.

Konkret: Wenn die Lebenserwartung in Asien und Afrika steigt, aber – wie Deaton ebenfalls zeigt – im Mittleren Westen der USA wieder zu sinken beginnt, dann reicht das womöglich aus, um dort einen Präsidenten an die Macht zu bringen, der der Globalisierung den Boden unter den Füßen wegzieht.

Es ist jedenfalls nicht unwahrscheinlich, dass es genau so kommt.

Angus Deaton: Der große Ausbruch. Von Armut und Wohlstand der Nationen; Klett-Cotta, Stuttgart 2017; 460 S., 26,– €, als E-Book 19,99 €