In turbulenten Zeiten braucht Deutschland eine allgemeine Dienstpflicht für junge Leute.

Unsere Gesellschaft braucht inmitten von Unruhen und Krisen nichts so sehr wie Gemeinsinn und aktive Bürger, die dazu beitragen, dass hohe Werte von Freiheit, sozialer Marktwirtschaft, Menschenrechten, Aufklärung und Umweltschutz im Alltag ganz konkret gelebt und verteidigt werden. Zudem braucht es Menschen, die in der Lage sind, in Krisensituationen ruhig und kompetent zu reagieren, und die dazu beitragen, dass weder Panik noch Anarchie ausbrechen. Menschen, die wissen, wie man eine Notstromversorgung organisiert, wenn russische Hacker zugeschlagen haben. Menschen, die in der Lage sind, Flüchtlinge zu versorgen, wenn Donald Trump im Nahen Osten einen Flächenbrand auslöst, der neue Fluchtbewegungen nach sich zieht. Und es braucht Menschen, die sich in normalen Zeiten wie in Notsituationen um die Schwächsten und Verwundbarsten kümmern können.

Für diese und andere Aufgaben des Gemeinwohls gibt es bereits großartige Organisationen und Programme, vom Technischen Hilfswerk bis zum Freiwilligen Sozialen Jahr. Solche Institutionen sollten nun dringend gestärkt und massiv ausgebaut werden. Das Ziel sollte sein, Deutschland stresstauglicher zu machen.

Der jungen Generation wird vorgeworfen, sie sei narzisstisch und nur auf ihre Karriere fixiert. Dabei waren es ältere Bildungspolitiker, die der Jugend G8 und eine verschulte Universität aufgedrängt und sie damit zeitlich so eingeengt haben, dass Vereinsmitgliedschaften und ehrenamtliches Engagement oft unter praktischen Zwängen leiden. Anfangs haben Arbeitgeber diese Bildungsbeschleunigung massiv gefordert. Als sie da war, beklagten sie sich über die mangelnde Reife der Absolventen. Inzwischen ist es wie in Amerika Usus geworden, zwischen Schulabschluss und Universität ausgedehnte Reisen zu unternehmen.

Es wäre für alle sinnvoll, wenn die Jungen diese Zeit dem Gemeinwohl widmeten. Schon 1984 hat der amerikanische Politikwissenschaftler Benjamin Barber in seinem Buch Starke Demokratie eine allgemeine Dienstpflicht vorgeschlagen. Junge Menschen, Frauen wie Männer, sollten für etwa eineinhalb Jahre der Gesellschaft dienen und dabei wählen dürfen, in welchem Bereich. Heute ist die Idee aktueller denn je. Unter gegenwärtigen Bedingungen bieten sich Katastrophenschutz, Integration, Pflege und Fürsorge, öffentlicher Raum, Ernährung, Umwelt, Entwicklungshilfe und natürlich die Bundeswehr als Tätigkeitsfelder an. Wie schon Barber vorgeschlagen hat, würde der speziellen Ausbildung eine allgemeine vorausgehen: in Staatsbürgerkunde, aktueller Sachkunde und vielleicht sogar in körperlicher Fitness. Wer gleich mit dem Reizwort "Reichsarbeitsdienst" dagegen argumentieren will, sollte sich vor Augen führen, dass es inhaltlich um das exakte Gegenteil geht – und dass es nicht nur bei uns eine lange Diensttradition gibt, sondern auch in Ländern wie Israel.

Eine solche Dienstpflicht hätte eine Reihe von Vorteilen: Junge Menschen könnten ihre Rolle und Bedeutung in der Gesellschaft begreifen, sie könnten sie ganz praktisch erleben. In den Teams würden junge Menschen mit verschiedensten sozialen und kulturellen Hintergründen zusammenkommen. Das wäre für junge Flüchtlinge das bestmögliche Integrationsprogramm, zudem der Einstieg in strukturiertes Arbeiten. Für junge Wohlstandszöglinge wäre es vielleicht der Erstkontakt mit der Wirklichkeit außerhalb elterlich geschützter Komfortzonen. Soziale, kulturelle und digitale Filterblasen würden platzen, wenn gemischte Teams gemeinsam Aufgaben bewältigen. Die Dienste würden das Bewusstsein stärken, dass eine freiheitliche Demokratie und eine soziale Gesellschaft keine Konsumartikel sind, sondern jeden Tag aufs Neue erarbeitet werden müssen. Hinzu kommen die praktischen Schlüsselkompetenzen in der Bevölkerung, die in gefährlichen Zeiten dringend gebraucht werden.

Es gibt zugleich gute Gründe, beim Dienst an der Gesellschaft nicht nur an junge Menschen zu denken. Die Lebenserwartung steigt und steigt, die Rentenbezugsdauer hat sich seit 1960 auf rund zwanzig Jahre verdoppelt. Viele Rentner suchen nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben nach sinnvollen Beschäftigungen, anderen macht das plötzliche Vakuum sehr zu schaffen. Auch hier gibt es bereits großartige Vorbilder, wie ältere Menschen ihre Erfahrung und Motivation einbringen, aktuell vor allem in der Flüchtlingshilfe. Statt einer Dienstpflicht könnten für Ältere Belohnungen für nachgewiesenes Engagement, etwa bei der Höhe der Rente, noch deutlich ausgebaut werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

Die Wehrpflicht ist in Deutschland nur ausgesetzt. Der Gesetzgeber sollte sie in modifizierter und zivilerer Form reaktivieren. Dabei gilt es zu vermeiden, dass Sozialdienste junger Menschen bestehende Arbeitsverhältnisse verdrängen. Zivis als billige Arbeitskräfte wie früher – das darf nicht wiederkommen. Es sollte möglich sein, eine allgemeine Dienstpflicht für junge Menschen und einen noch stärkeren Dienstanreiz für Ältere so zu organisieren, dass solche und andere negative Effekte nicht eintreten. Die positiven Effekte wären riesig: Während ein US-Präsident Trump die Amerikaner gegeneinander aufbringt und während ein Wladimir Putin sich an der Zersetzung der EU und ihrer Demokratie versucht, würden wir als Gemeinwesen daran arbeiten, auf soziale und menschenfreundliche Weise zugleich wehrhaft zu sein und füreinander wie auch für die Schwächeren in anderen Teilen der Welt einzustehen.