"Bin ich pünktlich?", fragt Loredana Lopez, als sie an diesem kalten Winterabend ins Restaurant Certo beim Zürcher Stauffacher eilt. Ihr Ehemann Enzo Vitale sitzt bereits am Tisch und grinst: "Zwei Minuten zu spät!"

Die beiden Akademiker gehören zu einer neuen Generation von Italienern, die seit bald zehn Jahren in die Schweiz ziehen.

Nicht die Not treibt die Ingenieure, Professorinnen, Informatiker und Ärzte aus den Abruzzen, aus Lecce oder Neapel in den Norden. Nein, die neuen Italiener kommen, um hier in der Schweiz Karriere zu machen – oder den Grundstein für eine Laufbahn zu legen. Das zeigt die Statistik.

Über die Hälfte der neuen Italiener hat einen Uni-Abschluss. Auf dem Bau arbeitete 2015 gerade noch einer von zehn azzuri, die neu in die Schweiz zogen. Und drei Viertel von jenen , die bereits hier leben, sind in der Dienstleistungsbranche angestellt: Die eine Hälfte sitzt im Büro, die andere arbeitet im Gastgewerbe.

"Die neuen Einwanderer sind mit durchschnittlich 35 Jahren rund zehn Jahre älter als die Pioniergeneration der jungen Männer, die in den 1950er Jahren kam", sagt Gianni D’Amato, Professor für Migration und Staatsbürgerschaftsstudien an der Universität Neuenburg. Außerdem würden heute viel mehr Frauen und Familien in die Schweiz ziehen.

Als Enzo Vitale vor zehn Jahren mit dem Gedanken spielte, die süditalienische Stadt Bari zu verlassen, hatte er, der promovierte Nanotechnologe, zwei Stellenangebote auf dem Tisch: eines in den USA und eines in der Schweiz. Loredana streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und erzählt, dass für sie damals nur eine Destination infrage kam: die Schweiz. An einen anderen Ort wäre sie ihrem Mann nicht gefolgt – zu weit weg von der alten Heimat.

Also suchten sie ihr Glück in Zürich. Heute arbeitet Vitale für eine große, internationale Versicherung, Lopez unterrichtet Physik am Liceo Vermigli, einem italienischen Gymnasium im Kreis 4.

Müsste er jemandem ein Land empfehlen, wäre es die Schweiz, sagt Vitale, ohne zu zögern: "Die wirtschaftliche Lage ist gut, der Sozialstaat sehr stark." Und wer Kinder habe, finde hier ein optimales Umfeld, ergänzt seine Ehefrau. Ihre beiden Kinder kamen in Zürich zur Welt und besuchen eine Schweizer Schule. Sie lernten zahlreiche Sprachen, erzählt Lopez, machten viel Sport, könnten reisen. Ja, ihre Tochter und ihr Sohn hätten mehr vom Leben als ihre Cousins in Italien.

Die neue Italiener-Einwanderung wurde bisher von der Öffentlichkeit kaum beachtet. Wenn, dann sind es die Grenzgänger aus der Lombardei, die, vor allem im Tessin, für Schlagzeilen sorgen.

Seit den 1980er Jahren kamen denn auch immer weniger Italiener in die Schweiz. Das änderte sich 2008. Die Finanzkrise, il crisi, zerstörte Arbeitsplätze, die Löhne schrumpften, die Steuern stiegen – und immer mehr Italiener begannen sich nach Möglichkeiten im Ausland umzusehen.

Im vergangenen Herbst sorgte eine Umfrage für Furore: Mehr als 107.000 Italiener hatten das Land allein im Jahr 2015 verlassen, gut sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Zu reden gab vor allem, dass fast vierzig Prozent von ihnen zwischen 18 und 34 Jahre jung sind.

Die meisten zog es nach Deutschland, Großbritannien – oder in die Schweiz.

So lebten 2016 über 318.000 Italienerinnen und Italiener in der Schweiz. Das sind fast 4.500 mehr als im Vorjahr – sie stellen damit die größte Diaspora im Land. Und die italienische Gemeinschaft wächst stärker als jede andere Ausländergruppe. Das zeigen die Zahlen des Staatssekretariates für Migration (SEM), die vergangene Woche veröffentlicht wurden.