Er schien erledigt, verdrängt von Bio-Märkten und Quinoa-Delis. Eingeschüchtert von all den kleinen Jamie Olivers, die Stangensellerie frühstücken, Kurkuma-Latte trinken und Acai-Beeren löffeln. Von den Beseelten, die ihr Leben dem Studium der Zutatenliste widmen. Vielleicht entdeckte man ihn noch abends, wenn er in der Ladenschlusshektik an die Kühltruhe schlich, oder sah ihn nächtens unter dem gelben M kauern, in einer der grell ausgeleuchteten Filialen. Wir glaubten, er sei eine aussterbende Art: der Dirty Eater, der treue Freund der Fertigkost.

Bis der Bundeslandwirtschaftsminister neulich den Ernährungsreport 2017 präsentierte: Da war der Dirty Eater plötzlich wieder da. Als habe er nur gelauert, in fettfleckverschmierter Jogginghose, die Fünf-Minuten-Terrine auf dem Schoß. Denn laut Ernährungsreport wollen zwar 89 Prozent der Deutschen gesund essen, aber nur 39 Prozent kochen regelmäßig. Unter den 19- bis 29-Jährigen, den Essern der Zukunft also, ernähren sich gar 60 Prozent gerne von Tiefkühlpizza und Fertiggerichten. Bestätigt wurde das auch durch eine Studie mit dem leckeren Namen Iss was, Deutschland?, in Auftrag gegeben von Techniker Krankenkasse und Foodwatch: Die Deutschen wissen besser denn je, was gesund ist – doch essen tun sie etwas anderes. Die Mehrheit, das zeigen diese Zahlen, isst nach wie vor schmutzig. Und schweigt. Dabei muss sich der Dirty Eater nicht verstecken. Im Gegenteil: Er hat jetzt seinen Moment. Er sollte uns ein Vorbild sein.

Das gilt spätestens, seit es ein Wort gibt für Menschen, die sich zwanghaft gesund ernähren: Orthorektiker. So besessen von der Angst, etwas Ungesundes zu essen, so getrieben von der Panik, die Kontrolle über die eigene Ernährung zu verlieren, sind diese Menschen, dass sie lebensbedrohlich abmagern und sich sozial isolieren. Immer mehr Therapeuten beschäftigt das Problem. Was muss der Dirty Eater gelacht haben, als er davon hörte: krank geworden beim Versuch, gesund zu sein – grotesk! Dann doch lieber krank werden, weil man schlecht, aber genussvoll isst.

In einer Welt, in der zweiwöchentlich eine neue Ernährungsrevolution ausgerufen wird, beugt sich der Dirty Eater dem Trenddruck nicht, er sitzt ihn aus, im Zweifelsfall auf der Couch. Er moralisiert auch nicht, sagt nicht Nein zu jenem und Ja zu diesem. Sondern: Ja zu allem. Zu Transfettsäuren und Pommes mit Acrylamid, zu Fruktosedrinks und Fertigpasta ohne Vitalstoffpotenzial. Er will essen, um den Magen zu beruhigen und nicht sein Gewissen. Der Dirty Eater hat schlechte Blutdruckwerte, aber dafür ist er frei von einem quälenden Über-Ich. Er ist ein anspruchsloser Esser, der das bessere Leben der anderen als schlechten Scherz entlarvt. Wieso sich für eine Zukunft clean eaten, die genauso freudlos sein wird, weil die Zucchini-Sanddorn-Suppe immer noch nicht schmeckt?

Der Dirty Eater hat die Food-Religionen immer schon verdächtigt. Paleo – dieser neue Ernährungsstil, der sich kulinarisch an der Altsteinzeit orientiert – ist Essen für Menschen, die Essen hassen, hat er gedacht. Man ernährt sich nach dem Ausschlussverfahren, bis nichts mehr übrig bleibt, nicht mal man selbst. Denn ist der cleanste Eater nicht der, der nichts mehr isst? Der nicht mehr ist?

Wenn gesundes Essen in die Krankheit führt, darf sich der Dirty Eater bestätigt fühlen. Er kann sein Schweigen brechen und seinen Mund aufmachen. So weit, als beiße er in einen Triple Whopper. Denn seit dem Ernährungsreport weiß der Dirty Eater: Er ist nicht allein. Das ändert sein Selbstbild radikal.

Nie wieder verschämt im Edeka nach einer gefrorenen Lasagne grabbeln. Nie wieder gute Vorsätze nach der Sünde. Wenn die Flexitarier ihre Moraldogmen in den Raum dozieren – dann schmeißt der Dirty Eater ab sofort einen Frosta-Karton hinterher. Er wird die Ernährung entproblematisieren.

Er ist ein Gegenwartsmensch, er löffelt seine Carpe-Diem-Dosenravioli, er proviantiert sich nie, sondern kauft radikal nach Spontanimpuls, er plant nicht weiter als bis zur nächsten Chipstüte. Wie zeitgemäß in diesen Zeiten, heißt das Motto im Angesicht der unerfreulichen Weltlage doch: Lebe jeden Tag so, als ob er dein letzter Tag wäre. Und warum, zum Teufel, sollte man sich an seinem letzten Tag von Leinsamen ernähren?