Vor etwa 13,82 Jahrmilliarden entstand aus reiner Energie das Universum. In einem unfassbaren Moment stellten sich die Bedingungen für Materie ein. Nach 380.000 Jahren bildeten sich stabile Atome. Dann vergingen noch einmal einige Millionen Jahre, bis Sterne erstrahlten. Irgendwann war pflanzliches, tierisches und sehr viel später auch menschliches Leben da, das, gemessen an kosmischen Dimensionen, nicht einmal einen Wimpernschlag lang dauert. Raoul Schrott hat das unmögliche Unterfangen gewagt, diese Geschichte der Welt "vom Urknall bis zum Menschen" ohne Metaphysik und Religion poetisch zu entfalten. Seine Erde wird von chemischen Elementen und Prozessen regiert, von physikalischen Gesetzen und biologischen Bedingungen, nicht von unserem eingebildeten Willen oder unserer beschränkten Vorstellungskraft. Wie aber soll man "von solchen dingen singen"?

Die moderne Kosmologie hat dem Menschen eine seiner großen narzisstischen Kränkungen zugefügt. Der Homo sapiens befindet sich nicht im Zentrum der Schöpfung, sondern rast auf einem unbedeutenden Planeten in einem Sonnensystem unter unendlichen vielen anderen durch einen Weltraum ohne Sinn und Verstand. Schrotts Epos kommentiert dies kühl: "sonnenstaub also sind wir – aus stoff der in sternen entstand". Das dergestalt pulverisierte "Ich" mag sich als Seele auffassen, mag mit Stolz auf seine zivilisatorischen Leistungen oder seine Arbeit blicken, eigentlich aber lässt es sich auf einen Rohstoffwert von etwa 40 Cent reduzieren: "mein körper die zwei kilo asche die von mir übrigbleiben: vom kohlenstoff über spuren von blei und gold bis zum radium". Für das Leben auf der Erde wäre es ohnehin besser gewesen, wenn der Mensch das Sonnenstaubstadium nie verlassen hätte. Die Natur braucht uns nicht. Für ihr Gefüge sind ganz andere Tiere von Bedeutung: Ohne Menschen würde die Artenvielfalt schlagartig ansteigen; ohne Insekten wären die komplette Fauna und Flora unseres Blauen Planeten schon nach 50 Jahren erledigt.

Schrott lässt die Bedeutung des Menschen in kosmischen Dimensionen verglimmen. Die Lust an dieser Demütigung ist ein Erbe der Aufklärung. Als Immanuel Kant, der die Dauer des Universums auf "Gebürge von Millionen Jahrhunderten" veranschlagte, in der Mitte des 18. Jahrhunderts den "mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes" abhandelte, tat er dies auch, um den Menschen zu erniedrigen und ihn den Naturgesetzen zu unterstellen. Er erzählte eine große Geschichte darüber, wie sich Planeten aus einem chaotischen Urzustand in "streitenden Bewegungen" von Naturkräften selbst formten und eine Ordnung ausbildeten, die allmählich das gesamte Universum kolonisierte. Der Mensch spielte in diesem Drama keine Rolle. Genau dadurch aber geriet er literarisch mehr denn je in den Blick: Die Lieblingsautoren Kants – Alexander Pope und Albrecht von Haller – bedichteten ein "zweydeutig Mittelding von Engeln und Vieh". Sie richteten ihre Aufmerksamkeit nicht zuletzt auf ein verzweifelndes Subjekt, das sich verloren fühlte und an seiner Marginalität litt.

Auch Schrotts Epos vollzieht diese eigentümliche Doppelbewegung mit einer fast schon kantschen Geste von trotzigem Selbstbewusstsein. Zwar verfügt der Mensch über keinen direkten Zugang zur metaphysisch ausgenüchterten Natur, die sich nur noch mittels hochkomplizierter Apparaturen verstehen lässt. Zudem überfordern unendlich lange Zeiten und unermesslich große Energiemengen das Vorstellungsvermögen. In ebendieser schwindelerregenden Situation aber finden wir uns selbst wieder. Sich von kosmischen Bedingungen "trotz allem nicht abzuwenden stellt jenen akt des glaubens dar der dem leben ansteht". Die eigentliche "grösse" besteht darin, sich "mit seiner bedeutungslosigkeit abzufinden". Schrott eignet sich Naturkunde poetisch so an, dass sich "Wissen" von der Welt in eine "Moral" für uns verwandelt.

Damit ist das Epos aktueller denn je. Vor einem halben Jahr hätte man Raoul Schrotts Gesang über die Anfänge der Erd- und Menschheitsgeschichte vielleicht noch als poetisches Fest eines unzeitgemäß hochgestimmten Dichters auffassen können, der zwar von modernen Dingen spricht, aber eigentlich gern ein Homer oder Lukrez sein möchte. Nun, wo wir uns eigentümlich schnell in einem "postfaktischen Zeitalter" eingerichtet haben, gewinnt das Epos seine alte Funktion zurück: Es wird zum Garanten einer objektiven Wirklichkeit, und zwar gerade durch die subjektive Gestaltungskraft eines modernen Autors, der unbedingt etwas wissen, herausfinden und in Erfahrung bringen will. Die "geschlossene Lebenstotalität", die Georg Lukács der Gattung einst attestierte, ist mitsamt ihrer Formenwelt vergangen. Schrott fabriziert die Wirklichkeit mit allen Mitteln der Avantgarde: Prosa mischt sich mit Versen; Satzzeichen, sofern es sie überhaupt gibt, gliedern den Sprachfluss nur spärlich; konsequente Kleinschreibung verwischt die Syntax; Formen und Perspektiven wechseln in rascher Folge; Zitat, Übersetzung und Original verbinden sich lose zu "kaleidoskopischen fragmenten", poetischen "splittern" und literarischen "scherben". Ohne das erläuternde Inhaltsverzeichnis wäre man fast so verloren wie in den abgründigen Tiefen des Alls.

Fakten, so steht in dieser literarischen Montage außer Zweifel, werden gemacht. Und zwar durch harte, leidenschaftliche und entbehrungsreiche Arbeit von Menschen, die von einem unbändigen "Verlangen" nach Erkenntnis getrieben werden und die um die angemessene Darstellungsform ringen. Sieben Jahre Lebenszeit haben die sieben "Bücher" des Erste Erde - Epos verschlungen. In diesem Zeitraum hat Raoul Schrott viel gelesen, Gespräche geführt und Informationen gesammelt. Was er an Sachwissen gefunden hat, liefert ein "Anhang" mit einem "Mosaik der Welt vom Urknall bis zum Homo sapiens", der als "Hintergrundwissen" mitlaufen kann.

Vor allem aber hat sich Schrott Zeit genommen und auf den Weg gemacht zu entlegensten Orten und Forschungsstationen, an denen abstrakte und hochkomplexe Erkenntnisse greifbar werden. Er spricht durch die "masken" von Astrophysikern, Teleskopbauern, Chemikern oder Mikrobiologen. Manchmal erteilt er sich selbst das Wort. Stets interessiert den Dichter, wie sich Unfassbares doch begreifen, anschauen und fühlen lässt. Der Blick in einen Vulkan in der Danakil-Wüste zeigte ihm etwas von der Dynamik des frühen Sonnensystems. In einem Museumsshop in Houston gewährte ein Meteoritenstück "einen blick zurück", weil es noch immer am "ältesten sein der materie", am "staub unserer urwolke", teilhat. In Äthiopien und Tansania schließlich fuhr Schrott "zu den ursprüngen des menschen" und besuchte Fundorte uralter Skelette, "um zu sehen wo wir zu menschen geworden – / und doch bloss atem schenkel und hand geblieben sind / um zu essen und zu trinken · für alles andere meist blind".

Diese weltgeschichtliche Verzwergung des Homo sapiens im Format eines Epos kommt zum richtigen Zeitpunkt. Der übergroße Anspruch einer Erzählung von allen Anfängen macht uns bescheiden und demütig. Wir sind schwache Wesen und haben "allein aufgrund unseres Gehirns und unserer Fähigkeit zur Empathie" überlebt. Beides sollten wir weiterhin nutzen. Schrott stutzt den Menschen auf sein tatsächliches Format als vorübergehende Verdichtung von "sonnenstaub" zurück. Er macht uns so sehr zum Teil der physischen Welt, dass die Erde uns keine feste "heimat" mehr bietet. Man mag sich das Recht auf ein "stück" von ihr herausnahmen, es abgrenzen und gegen andere verteidigen, "doch schauen wir uns an um zu sehen wer wir sind / stehen wir im gleichen unerbittlichen wind". Ebendieser Wind weht uns in diesem wunderschönen Buch an aus einer Entfernung von Jahrmilliarden, aber mit aller Kraft der Poesie.

Raoul Schrott: Erste Erde. Epos; Hanser Verlag, München 2016; 848 S., 68,– €